Manchmal sind beinharte Diktatoren für Überraschungen gut. Besonders wenn sie Schwäche zeigen. Die Räumung des Oktoberplatzes in Minsk von rund 200 beharrlichen Regimegegnern ist das vorläufige Ende der so genannten Jeans-Revolution. Gleichwohl verdienen die Proteste noch kein revolutionäres Attribut. Bisher zumindest finden sie im vorrevolutionären Raum statt.
Wahlmanipulation hin oder her: Noch sitzt Diktator Alexander Lukaschenko fest im Sattel. Daher ist es verwunderlich, dass der Tyrann sich einen so schwerwiegenden taktischen Lapsus leistete: Statt die Protestierenden sofort fortzuschaffen, ließ er sie tagelang gewähren - um sie dann doch zu entsorgen. Nun steht er vor Anhängern und Gegnern als Schlappschwanz dar. Hätte Lukaschenko durchgegriffen - die Welt hätte es im Nu vergessen, da von ihm ohnehin nichts anderes erwartet wird. Er hätte die Demonstranten auch einfach ignorieren und weitermachen lassen können. Das hätte deeskalierend gewirkt und der Kritik des Westens Wind aus den Segeln genommen.
Lukaschenkos Kursschwenk deutet darauf hin, dass sich in den eigenen Reihen Verunsicherung breit macht. Die Entourage des Potentaten beginnt Wenns und Abers abzuwägen. Die Stunde der Opportunisten rückt näher. Das ist noch nicht die Revolution, aber deren unabdingbare Voraussetzung. Diese Entwicklung kann der Westen durch schmerzhafte Sanktionen gegen konkrete Personen in der Tat wirksam fördern. Einreiseverbote und Unbedenklichkeitsbescheinigungen für Westkonten können Wunder wirken. Korrupte Eliten reagieren empfindlich, wenn der im Westen weilenden Familie das Geld ausgeht.
Dabei sollte die EU auch den Großen Bruder Lukaschenkos mit ins Boot holen: Wladimir Putin. Der müsste ein Interesse an der Demontage des Tyrannen haben. Würden die Russen befragt, wem sie den Zuschlag als Kremlchef geben würden, wenn sie zwischen dem Russen und Lukaschenko wählen dürften, würde sich die Mehrheit für Letzteren entscheiden. Sein Vorzug: Er ist ein waschechter Diktator, kein Weichei. KLAUS-HELGE DONATH
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