• 13.04.2006

akademie-präsident etc.

Innehalten oder Power-Kürung

Die erste Merkwürdigkeit an der deutschen Sozialdemokraten ist, dass ihnen immer so schnell die Vorsitzenden weglaufen. Die zweite Merkwürdigkeit ist, dass sie immer wieder so schnell einen neuen haben. Kaum ist der alte Hoffnungsträger weg, ist der neue Hoffnungsträger auch schon da. Betrauern und bejubeln gehen nahtlos ineinander über. Und im aktuellen Übergang ist es sogar irgendwie so, dass das Hinterhertrauern erst nach dem Sicheinstellen auf den Neuen kommen kann. Nun will man ja der Sozialdemokratie nichts vorschreiben. Aber so viel sei festgehalten: Also, im normalen Leben ist das oft anders. Man kennt das aus der seriellen Monogamie. Nahtlose Übergänge sind da nicht so häufig und oft auch gar nicht gut. Was fehlt, ist die Pause, der Einschnitt. So etwas könnte man schließlich auch zum Innehalten und Nachdenken nutzen.

Doch nicht alle Institutionen pflegen die sozialdemokratisch Husch-husch-Inthronisation und Power-Kürung. Geradezu vorbildlich langsam benimmt sich zum Beispiel gerade die Berliner Akademie der Künste. Deren letzter Präsident Adolf Muschg hat vor knapp einem halben Jahr das Handtuch geworfen. Und sie haben immer noch keinen neuen. Das soll sich zwar nun ändern. Am Wochenende nach Ostern kommen die Mitglieder der Akademie zusammen, um zur Wahl zu schreiten. Aber in der Zwischenzeit hat sich bei der SPD eben bereits der dritte Vorsitzendenname im Geschichtsbuch der Partei, na ja, verewigt.

Die Anforderungen an so einen Akademiepräsidenten sind aber auch gewaltig. Da sucht Deutschland nämlich gerade den Superintellektuellen, wenn auch eher im Verborgenen. Der nächste Präsident muss nach außen hin was hermachen. Er muss ein ausgewiesenes künstlerisches Werk haben, um selbstverständliche kulturelle Autorität auszustrahlen. Er muss das Talent haben, innerhalb der Akademie, einem ziemlich störrischen Künstlerhaufen, Debatten zu moderieren und konsensuell zu einem Ergebnis zu führen. Und er muss Kulturpolitiker becircen können und gelegentlich ihren Wunsch befriedigen, dieser komische Verein von Akademie möge sich dann und wann in die öffentlichen Diskurse einmischen; so etwas beruhigt sie immer ungemein.

Nun gut, bei der Akademie dauert das Interregnum jetzt so lange, dass man gespannt ist, ob es tatsächlich jemanden gibt, der diese Erwartungen erfüllen kann. Bei der SPD geht alles immer so schnell, dass sich Erwartungen gar nicht aufbauen können. DIRK KNIPPHALS

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