• 17.05.2006

MIGRATION 2: BILDUNG SOLL SICH NICHT NUR LOHNEN - SIE IST EIN RECHT

Die Parallelgesellschaft der Elitebürger

In keinem anderen Industriestaat der Welt haben Kinder aus Migrantenfamilien schlechtere Bildungschancen als in Deutschland, zeigt die jüngste OECD-Studie. Umso erstaunlicher sind die Reaktionen. Die einen geben den Migranten die Schuld und behaupten, Deutschland habe nun mal die bildungsunwilligsten Einwanderer. Diese Sichtweise mündet in aufgeregte kulturalistische Debatten über Parallelgesellschaften, Machokultur und das defizitäre türkische Wesen an und für sich. Die Wohlmeinenden dagegen argumentieren: Eine dynamische, prosperierende Gesellschaft darf nicht auf die Potenziale der Einwanderer verzichten, will Deutschland seinen Spitzenplatz als Wirtschaftsmacht behalten.

Sowohl die kulturalistischen als auch die ökonomistischen Deutungsmuster vernebeln den Blick auf das Wesentliche: Deutschland verletzt das Menschenrecht auf Bildung. Punkt. Die Schule in Deutschland hat sich seit den frühen Achtzigerjahren zu einer zentralen Einrichtung institutioneller Diskriminierung entwickelt, die entlang der Klassenzugehörigkeit und der ethnischen Segmentierung ausgrenzt.

Zur Erinnerung: Noch in den Sechziger- und Siebzigerjahren herrschte hierzulande Konsens, Kinder aus bildungsfernen Schichten an höhere Bildungsabschlüsse heranzuführen. Das katholische Landmädchen wurde ebenso umworben wie der Arbeiterjunge. Dafür gab es Geld und Aufmerksamkeit. Es waren die geistigen und die materiellen Grundlagen auch für Karrieren eines Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Kurt Beck.

Mit dem Regierungsantritt Helmut Kohls 1982/1983 nahm die Förderung dieser Kinder wieder ab. Die Folge: In den zurückliegenden zwanzig Jahren ist der Anteil von Kindern aus bildungsfernen Schichten, die eine Hochschule besuchen, wieder gefallen. Deutschland leidet nicht unter bildungsunwilligen Migranten, sondern an einer Mittelschicht und einem Bürgertum, die einstige Egalitätsansprüche aufgegeben haben, um ihren Kindern privilegierte Zugänge zu den üppigeren Fleischtrögen zu sichern. EBERHARD SEIDEL

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