AUS ROM MICHAEL BRAUN
Kaum war das Spiel abgepfiffen, strömten die Tifosi am Montag Abend auf die Straßen, tauchten die Städte in Grün-Weiß-Rot, 50.000 Fans trafen sich vor dem Dom in Mailand, und tausende auch waren es in Rom. Doch sie feierten bloß das Resultat, nicht aber das Spiel. "Das war zum Wegschauen", "eine hässliche Partie", so lauteten die Standardkommentare, und Trainer Lippi steht mit seiner Einschätzung ("mir hat die Mannschaft gefallen") in Italien ziemlich allein.
Trostloses Rumgestochere, Fehlpässe ohne Ende, Spieler, die wie angewurzelt stehen blieben, wenn mal einer der ihren nach vorne stürmte, und hinten der gewohnte, ebenso hässliche wie erfolgreiche Catenaccio - das war es, was die Azzurri boten. Am Ende aber zählt ja bloß das Resultat - und das ist für die halbe Nationalmannschaft inklusive Coach Lippi gleich doppelt wichtig. Schließlich beginnt am Donnerstag in Rom "der größte Prozess, den Italiens Fußball je erlebt hat" (so der Chefermittler Francesco Saverio Borrelli), und da ist es für die Juve- oder Milan-Spieler allemal schöner, in Deutschland bei der WM mitzukicken statt in Italien die Abstrafung ihrer Clubs mitzuerleben.
Und die scheint nach dem Beweisstand unvermeidbar. Es gilt als ausgemacht, dass das Sportgericht gleich vier der sechs Clubs abstrafen wird, die bei Saisonende die Tabellenspitze bildeten: Juventus Turin, Lazio Rom und dem AC Florenz steht wegen der Manipulation von Spielen der Abstieg in die Zweite Liga bevor, und Berlusconis AC Mailand muss mit einem saftigen Punktabzug rechnen.
Doch damit nicht genug: Borrelli ermittelt weiter. Ihn interessieren auch Unregelmäßigkeiten beim Riesengeschäft der TV-Rechte ebenso wie auf dem Transfermarkt - dort hatte die Spieleragentur GEA World, in der auch Marcello Lippis Sohn beteiligt war, eine Quasi-Monopol-Stellung. Zuletzt ist dann auch noch der Verdacht aufgetaucht, dass der Fußballverband selbst gut gefüllte schwarze Kassen unterhielt und den "richtigen", sprich: den korrupten Funktionären unterm Tisch jeden Monat ein zweites Gehalt auszahlte.
Spätestens nach dem Abpfiff des WM-Finales steht Italiens Fußball der Super-GAU ins Haus - die finanziellen wie die sportlichen Folgen des Skandals kann momentan noch keiner abschätzen. Klar ist aber, dass die Entscheidungen der Sportgerichtsbarkeit schnell fallen müssen; schließlich steht Ende August der Saisonauftakt an, und schließlich muss Italien seine Mannschaften für die Champions League wie auch für den Uefa-CUP melden. Und dann wäre da noch die Strafjustiz gleich mehrerer Staatsanwaltschaften quer durch Italien. Die ließe sich auch durch einen WM-Sieg Italiens kaum stoppen.
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