PORTO ALEGRE taz
André Linhares Rodrigues wundert sich. "Die Nachfrage boomt, Volkswagen verkauft. Wir sind die ständigen Überstunden leid", sagt der 48-jährige Metaller aus São Bernardo do Campo, der seit 28 Jahren bei VW do Brasil arbeitet. Zusammen mit 10.000 KollegInnen nimmt er an einer Betriebsversammlung unter freiem Himmel teil. Denn drei Monate nach den ersten Hiobsbotschaften aus der Vorstandsetage haben sich die Fronten weiter verhärtet.
Um die gut organisierte Belegschaft in der Autohochburg im Süden São Paulos einzuschüchtern, hat das Management am Montag erstmals mit der Schließung des Traditionswerks gedroht, wo derzeit gut 12.000 Menschen beschäftigt sind. Begründung: Im September soll in der Konzernzentrale in Wolfsburg über Neuinvestitionen entschieden werden. Liege bis dahin kein Restrukturierungsplan aus São Bernardo vor, gebe es kein frisches Geld, sondern nur "ein echtes Risiko, dass die Fabrik geschlossen werden muss".
"Restrukturierung" lautet auch bei VW die Umschreibung für Entlassungen, Lohnkürzungen und Abbau von Arbeiterrechten. Anfang Mai hieß es, wegen Schwierigkeiten beim Export müssten bei VW do Brasil in den kommenden zwei Jahren bis zu 6.000 Stellen gestrichen werden - mehr als jeder vierte Job. Die Krankenversicherung soll teurer werden, der Lohn für Neuangestellte um 35 Prozent sinken. Die nächsten Lohnerhöhungen sollen unter der Inflationsrate liegen, Freistellungen für Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit reduziert werden. Daraufhin organisierte die Belegschaft in São Bernardo am 31. Mai einen ersten 24-Stunden-Warnstreik. Im Werk Taubaté hingegen wurde die Vorgabe im Juli akzeptiert: 300 Arbeiter, die bis Jahresende ausscheiden, bekommen eine geringe Abfindung.
Über die Drohung mit der Fabrikschließung wundert sich aber auch Arbeitsminister Luiz Marinho, der 2001 als Gewerkschaftschef den letzten großen Kompromiss mit ausgehandelt hatte - damals noch mit Arbeitszeitkürzungen. VW habe in den letzten Jahren "wegen einer Reihe strategischer Fehler" Marktanteile eingebüßt, sagt Marinho. José Lopez Feijóo, sein Nachfolger bei den Metallern, stößt ins gleiche Horn und gibt sich kampfbereit: "Wenn wir jetzt nachgeben, macht dieses Modell in ganz Brasilien Schule."
Die 10.000 auf dem Werksgelände weiß er hinter sich. Das Ultimatum der Werksleitung läuft am Freitag ab, die nächste Versammlung ist für Samstag anberaumt. GERHARD DILGER
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