• 29.09.2006

Die Konvertierte

Vor 20 Jahren änderte sie ihr Geschlecht. Jetzt ihren Beruf: Eine Pastorin aus Wachtendonk fühlt sich diskriminiert

Ihr Vorbild heißt Martin Luther. "16 Thesen zum Gehorsam gegenüber der Institution Kirche" hat Karin Kammann am Mittwoch dem Pressesprecher der evangelischen Kirche im Rheinland überreicht. Danach legte die Theologin ihren Talar ab und verbrannte einen Brief, der ihr die Aberkennung ihrer Ordination ankündigt.

Eine Aktion, mit der sie ihren Kampf mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber öffentlich machen will. Denn Kammann fühlt sich diskriminiert. "Mein Leben ist zu anders für die Kirche", sagt die 47-Jährige.

Gewöhnlich ist ihr Weg nicht: 1988, mitten im Theologiestudium, entscheidet sie sich zu einer Geschlechtsumwandlung - "ich bin konvertiert", nennt sie das. Als Frau setzt sie ihren Weg in der Kirche fort: verlängertes Vikariat, Pastorin im Hilfsdienst, 1993 Ordination.

Wäre sie als Frau geboren, wäre es anders weitergegangen, davon ist Karin Kammann überzeugt. Ihre ehemaligen Kommilitonen hätten alle eine Pastorenstelle. Sie, die einzig ordinierte Transsexuelle, bewirbt sich erfolglos auf Gemeindepfarrerstellen. Stattdessen kriegt sie eine Sonderdienststelle bei der rheinischen Kirche. "Dort fanden sich keine Aufgaben für sie", beschreibt die kirchliche Pressestelle die Situation, gegen die Karin Kammann 1999 erfolgreich klagte. Für ihr Gehalt müsse sie auch beschäftigt werden, entschied das Gericht. Der Arbeitsvertrag endete aber sowieso. Kammann übernimmt ein Jahr lang eine Vertretung in der rheinischen Gemeinde Uedem. Als die Stelle ausgeschrieben wird, bekommt sie jemand anderes.

"Frau Kammann hatte als ehrenamtliche Pastorin nicht den richtigen Berufsstatus für die Stelle, da gibt es Richtlinien", sagt Jens Peter Iven, Pressesprecher der rheinischen Kirche. "Daraus Diskriminierungsvorwürfe abzuleiten, ist absurd. Dann könnten sich 200 andere Ehrenamtler auch beschweren."

Karin Kammann schreibt einen Brief. Darin kommt ein Traum vor - von aufgeblähten Meerschweinchen, die hinter Schreibmaschinen in einer Kirche sitzen. Und sie selber trägt eine abgesägte Schrotflinte. "In dem Schreiben werden Mitarbeiter massiv bedroht", sagt Iven. "Deshalb stellen wir die Ordination von Frau Kammann in Frage und erwägen eine Strafanzeige." Kammann, die sich als Theologin und Coach selbstständig gemacht hat, findet das lächerlich. "Auf Meerschweinchen schieße ich doch nicht." MIRIAM BUNJES

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