Der japanische Regisseur Takashi Miike ist eher berüchtigt als berühmt. Man kennt ihn als Fetischisten der Gewalt. Mit dem streckenweise subtilen und dann wieder sehr deutlichen Rache-Thriller "Audition" hat er sein Publikum nachhaltig verstört. Seine blutige Gangster-Etüde "Ichi the Killer" (2001) kennt nur ein ästhetisches Mittel: den Exzess. Miike kann aber auch anders. Seine Filmografie ist sehr viel diverser, als das Klischee es will.
Vor allem ist sie umfangreich. Miike ist einer der fleißigsten Regisseure der Welt, dreht regelmäßig vier, fünf, sechs Filme im Jahr. Er ist kein Auteur, niemand mit einer wiedererkennbaren Handschrift, einem konsequenten ästhetischen Konzept oder einer durch das Werk sich ziehenden Weltsicht. Vielmehr gehört er zum in Europa wenig verbreiteten Typus des Regisseurs, der alles versucht, der nicht nur sehr unterschiedliche Filme dreht, sondern auch in einzelnen Filmen selbst erstaunliche Sprünge macht, Heterogenität zulässt, wenn nicht sucht. Er ist ein hervorragender Handwerker, der allerdings oft probiert, bevor er denkt. Manches gelingt, manches nicht; neben begnadeten Momenten findet sich viel Uninspiriertes. Dabei gibt es durchaus etwas wie einen Miike-Touch, der oft nur an ein, zwei kruden Szenen im ganzen Film spürbar wird. Fest steht vor allem das eine: Man weiß nie, was man bekommt, wenn Miike drauf steht.
So kann man, wie bei "The Happiness of the Katakuris" (2001), schon mal ein Musical mit Knetfiguren bekommen. Oder mit dem jetzt auf DVD veröffentlichten "The Bird People in China" (1998) ein fast klassisch erzähltes Roadmovie mit zivilisationskritischem Unterton. Von Tokio aus begibt sich Wada (Masahiro Motoki), der Angestellte einer Firma, die Edelsteine abbaut, auf eine Reise in ein Dorf am Ende der Welt, irgendwo in den chinesischen Bergen. Dort wird Jade vermutet. Wada hat, ohne es zunächst zu ahnen, einen Begleiter, den Yakuza Ujiie (Renji Ishibashi), der von Wadas Firma einen Kredit eintreiben will.
Der Weg in das Dorf ist lang, beschwerlich und komisch. Die Vorbereitung der Reise und ihren Beginn zeigt Miike buchstäblich im Schnelldurchlauf. Das Leben in der Großstadt rast vorbei - dann wird programmatisch das Tempo gedrosselt, und zwar radikal. Nach rasantem Beginn verwandelt sich "The Bird People in China" in einen ausgesucht langsamen, auch ausgesucht unspektakulären Film. Die Verlangsamung setzt Miike ins Bild mit dem Wechsel der Transportmittel: vom Flugzeug zur Bahn, von da ins schrottreife Auto mit losem Lenkrad, das, kaum ist man unterwegs, eine Tür verliert. Die Reisegruppe, unterdessen um einen Übersetzer ergänzt, begegnet seltsamen Stämmen in garantiert nicht ethnografisch authentischer Kleidung. Die Reise wird auf einem Fluss fortgesetzt, auf einem von Schildkröten gezogenen Floß. (Eine mit denkbar billigen Digital-Effekten umgesetzte Unterwasseraufnahme von Floß und Schildkröten ist eine der wenigen Szenen, die aus dem realistischen Setting herausfällt.)
Im Dorf angekommen, findet Wada einen Jade-Stein; Ujiie freilich eine Art Erleuchtung. Anders als zunächst zu vermuten wäre, ist das Dorf in den Bergen kein unberührtes Paradies. Eine junge Frau (Li Li Wang) betreibt mit einer Gruppe von Kindern seltsam anmutende Flug-Trockenübungen mit an die Arme gehefteten Flügeln. Der damit verbundene Vogelmenschen-Mythos erweist sich als ein Kult, der um ein vom Himmel gefallenes Flugzeug betrieben wird. Der merkwürdige Gesang lässt sich als kreolisiertes englisches Lied entziffern. Als Zeichen der Freundschaft erhält Wada von den Bewohnern ein trägerloses hellblaues Adidas-Shirt.
Auf das Klischee vom Städter, der am Ende der Welt seinen Frieden findet, fällt "The Bird People in China" erst einmal nicht herein. Zwar werden Wada und Ujiie von geldgierigen Ausbeutern zu sanften in Ujiies Falle zuletzt dann auch rabiaten - Ethnografen. Die Darstellung der Dorfgemeinschaft hinter den Bergen kann es mit aktuellen Hybriditätstheorien aber locker aufnehmen. Einen Naturzustand gibt es nicht, Adidas ist immer schon da. Kultur ist, was man in der Aneignung des Fremden anstellt; sei das Fremde die Natur oder ein vom Himmel gestürztes Flugzeug. Schade nur, dass der Film diese Botschaft zum Ende hin erst allzu deutlich ausbuchstabiert und dann fast doch noch ins Klischee zurückkippen lässt.
EKKEHARD KNÖRER
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