VON JENS WIETING
Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood haben gestern die Zufahrt zur Procter-&-Gamble-Fabrik im nordrhein-westfälischen Neuss blockiert. Ihre Aktion richtete sich gegen das Geschäft mit dem Zellstoffkonzern Aracruz in Brasilien, der einen großen Teil des Rohstoffes für Marken-Hygieneartikel wie "Tempo"- Taschentücher und "Charmin"-Toilettenpapier liefert. Aracruz, einer der größten Zellstoffhersteller weltweit, hat im Süden Brasiliens mehr als 250.000 Hektar Eukalyptusplantagen angelegt. 11.000 Hektar Land stehen laut der Indianerbehörde Funai den Indianerstämmen der Tupinikim und Guarani zu.
Aracruz weigert sich jedoch, das Land zurückzugeben, und hat Widerspruch beim brasilianischen Justizminister eingelegt, der das letzte Wort hat. Robin Wood will mit seiner Aktion erreichen, dass Procter & Gamble auf Lieferungen von Aracruz verzichtet, bis der Konzern den Indianern ihr Land zurückgibt. Heute findet die Hauptversammlung von Procter & Gamble in den USA statt. "Die Firma erwirtschaftet ihre Gewinne auf Kosten der Indianer in Brasilien. Das ist ein großes Unrecht. Es wird dem Image des Unternehmens erheblich schaden", sagt Peter Gerhardt, Tropenwaldreferent bei Robin Wood.
Aracruz begann mit der Zellstoffproduktion im südlichen Bundesstaat Espirito Santo in den 60er-Jahren, als in Brasilien eine Militärdiktatur herrschte und die Indianer praktisch rechtlos waren. Für die Schaffung von Plantagen wurden viele Einheimische ohne Besitzpapiere von ihrem Land vertrieben und große Flächen des atlantischen Küstenregenwaldes gerodet. Im Mai 2005 hatten Indianer das ihnen zustehende Land inmitten der Eukalyptusplantagen markiert und zwei ihrer ehemaligen Dörfer wieder aufgebaut. Im Januar erwirkte Aracruz bei Gericht den Räumungsbefehl. 120 Bundespolizisten, begleitet von Hubschraubern und schwerem Gerät, zerstörten die indianischen Siedlungen. Mehrere Indianer wurden durch Gummigeschosse verletzt. "Sie massakrierten uns schon in der Zeit der Kolonisation vor 500 Jahren. Jetzt jagen sie uns wieder," so Paulo Vicente de Oliveira, Vorsitzender des Häuptlingrats der Tupinikim.
Der Konzern Aracruz sieht sich dagegen im Recht. "Die Indianer haben auf diesem Land gar nicht als Gemeinschaft gelebt. Sie konnten also nicht vertrieben werden", so Carlos Roxo, Aracruz-Direktor für Nachhaltigkeit. Auf der Webseite von Procter & Gamble heißt es: "P & G bedauert die Eskalation des Streites und die Gewalt sehr, da wir gehofft hatten, dass beide Seiten die Geduld aufbringen, die in Kürze bevorstehende Entscheidung der zuständigen Institutionen in Brasilien abzuwarten. Wir werden unsere weitere Vorgehensweise vom Ausgang dieser Entscheidung abhängig machen." Eukalyptus-Zellstoff verleiht Papiertaschentüchern und Toiletten-Papier die Flauschigkeit. Ein Drittel des weltweiten Bedarfs wird durch Aracruz gedeckt. Allein in Neuss werden täglich mehr als sieben Millionen Päckchen Taschentücher produziert.
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