• 19.10.2006

Der Kitt hält nicht mehr

Streng dich an, arbeite mehr, sei flexibel, dann klappt das schon? Was am Begriff der Leistung so fragwürdig ist

Die Armen sind nicht nur arm, sie wollen auch gar nicht mehr aufsteigen, meint der SPD-Vorsitzende Beck und löst mit seinen Zweifeln an der Leistungsbereitschaft der "Unterschicht" Wirbel aus. Was aber heißt Leistung - beziehungsweise wohin führt uns diese Diskussion über sie? Mitten ins Herz der kapitalistischen Werteordnung, ist sich das Institut für Sozialforschung in Frankfurt sicher, namentlich Professor Sighard Necke, der seit 2002 ein Forschungsprojekt zum Thema "Das umkämpfte Leistungsprinzip - Deutungskonflikte um die Legitimationen sozialer Ungleichheit" leitet. Leistung zählt zu den obersten Werten. Insofern ist die von Beck vorgenommene Verkoppelung von Unterschicht und einer erodierenden Leistungsideologie alles andere als zufällig. Sie ist essenziell. Denn es geht um nichts weniger als den gesellschaftlichen Kitt zwischen auseinanderdriftenden Lebenswelten. Und dieser behauptet, dass Anstrengung, Kenntnis und Wille zum Erfolg führe. Die Chancengleichheit ist hier vorausgesetzt.

Leistung ist im Gegensatz zur Messung von Einkommen und Bildungschancen ein hoch ideologischer, also unscharfer und gesellschaftlich umkämpfter Begriff. Und derzeit scheint der gesellschaftliche Kriterienkatalog für Leistung und Leistungsträger sehr unglaubwürdig. Auch der vielerorts ob seiner objektivierenden Kraft gelobte Markt vermag hier keine überzeugende Klärung zu schaffen: Seine Lohnpolitik ist, da vielfach börseninduziert, in hohem Maße irrational, und die Ansicht, dass die Leistung deutscher Manager eine Lohnsteigerung von 300 Prozent in den letzten zehn Jahren rechtfertigte, dürfte eine Minderheitenposition markieren. Zum Vergleich: Die Löhne der Arbeitnehmer mit Tarifvertrag steigerten sich im gleichen Zeitraum um 10 Prozent.

Nun lebt das kapitalistische System davon, ungleiche Verhältnisse nicht unmittelbar mit Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht zu legitimieren, sondern mit Leistung. Dass eine solche Privatisierung von gesellschaftlichen Strukturen Unfug ist, hat der Legitimität dieser Rechtfertigungsstrategie bislang nichts anhaben können. Beharrlich lautete das Versprechen: Mach's besser als deine Eltern und KollegInnen, arbeite mehr, bilde dich, gib dir Mühe, und komm: Sei flexibel! Dann klappt das schon.

Und nun kommen die vom schrumpfenden Arbeitsmarkt Ausgeschlossenen daher und geben sich keine Mühe mehr, für diesen Rechtfertigungskitsch mit ihrer Lebenseinstellung einzustehen? Wenn das zutrifft, dann hat nicht nur die SPD ein Klientelproblem, sondern das Gesellschaftsgefüge insgesamt ist betroffen. Schließlich kündigt eine Aushöhlung der Idee von Leistung gleich Erfolg einen gesellschaftlichen Konsens auf, der davon lebt, dass er sich - anders als viele seiner Adepten - nicht an der Realität abarbeiten muss. Er darf faule Ideologie bleiben.

Laut Neckel und seinen KollegInnen fällt auf, dass Fachkenntnis als Bewertungskriterium von Leistung an Bedeutung verliert. Für diejenigen, die von der Regulationsmacht des freien Marktes überzeugt sind, bedarf ein Statusvorsprung generell keiner normativen Begründung mehr. Geringqualifizierte ihrerseits zeichneten sich häufig dadurch aus, dass sie außerstande sind, ihre eigene Position mit der anderer Sozialgruppen ins Verhältnis zu setzen. Die Folge sei ein "diffuses Unrechtsgefühl", das in einer "fatalistisch eingefärbten Weltsicht" mündete. Das dürfte ein Faktor für die vielerorts anzutreffende Politikmüdigkeit sein.

Aber was ist eigentlich bemerkenswerter: dass unsere Leistungs- und Entscheidungsträger über so wenig Kreativität oder Engagement verfügen, dass es ihnen nicht mehr gelingt, das Prinzip "Leistung" zu verkaufen? Oder dass nun auch die Mittelschicht merkt, dass der altgediente Wert zur Sollbruchstelle einer gesellschaftlichen Vereinbarung wird? INES KAPPERT

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