BERLIN taz
Einige mattgelb gestrichene Häuserblocks, eingefasst von gepflegten immergrünen Büschen und Tannen, rundherum Industriebrachen und sanierte Wohnhäuser - die Dahme-Spree-Kaserne in Grünau, im äußersten Südosten Berlins, macht einen an Beschaulichkeit kaum zu überbietenden Eindruck. Doch wer hier herausfährt, der weiß, dass er schon bald in ganz anderer Umgebung sein wird - auf Ausländseinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan, im Kosovo oder Kongo. In Grünau hat das Zentrum für Nachwuchsgewinnung Ost der deutschen Armee seinen Sitz.
Die Bundeswehr ist hungrig nach Rekruten. Immer mehr werden dabei die arbeitslosen Jugendlichen in Ostdeutschland zur Zielgruppe. Allein in Berlin waren diesen Sommer 35.000 Männer unter 25 Jahre auf Jobsuche - ein riesiges Potenzial. Hinzu kommt der demografische Trend. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes sinkt bis 2009 die Zahl der 18-Jährigen um 50 Prozent. Der mittelfristige Nachwuchsschwund ist absehbar.
Die Bundeswehr reagiert mit mehreren Modellversuchen. Arbeitsagenturen und Rekrutierungsstellen werben gemeinsam für den Militärdienst. In Sachsen-Anhalt und Thüringen läuft seit März 2006 das Projekt "Gewinnung arbeitsloser Jugendlicher als Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr". In den ostdeutschen Provinzstädten finden regelrechte Bundeswehrmessen statt. "Die rücken da immer sehr professionell an mit ihrem ganzen Stab", sagt Anja Huth von der Arbeitsagentur in Dessau der taz. Die zivilen Arbeitsvermittler versprechen sich, die Jugendlichen nach vier Jahren zusätzlicher Ausbildung in der Bundeswehr besser in der Region halten zu können. Denn in Ostdeutschland wird in wenigen Jahren ein eklatanter Fachkräftemangel herrschen, so Huth.
Ähnlich präsentiert sich das Modellprojekt "Arbeitgeber Bundeswehr" des Nachwuchsgewinnungszentrums Grünau. Mit dabei sind Jobcenter in fünf Berliner Bezirken und das Bildungs- und Beratungszentrum für Beruf und Beschäftigung (BBZ). Hier bietet die Bundeswehr sogar nach dem Eignungstest in Grünau ein so genanntes "zielgerichtetes Kompetenztraining" an. Die Rekruten pauken noch vor Dienstbeginn Englisch, Informatik und Staatsbürgerkunde, aber auch Konflikttraining und interkulturelles Training.
Dort bekommen sie dann eine Ahnung davon, was sie erwartet. Denn ihre Soldatenzeit umfasst keinesfalls nur gut bezahlte Ausbildungsjahre, um danach vor Arbeitslosigkeit gefeit zu sein, sondern es geht in den Auslandseinsatz. Diese Aufnahmebedingung versteckt sich in der bunt bebilderten Werbebroschüre aus dem Berliner Jobcenter weit hinten, noch nach den leckeren Gehaltssätzen. Aber sie sorgt doch dafür, dass die Modellprojekte nicht so gut laufen wie erhofft.
Viele Jugendliche schreckten davor zurück, sich auch für einen Auslandseinsatz zu verpflichten, heißt es aus dem Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Die Resonanz auf das Angebot bliebe hinter den Erwartungen zurück. "Wir haben auch so ein hohes Bewerberaufkommen", sagt Oberst Olaf Bendrat, Leiter des Nachwuchszentrums in Grünau, "wir bräuchten den Berliner Modellversuch eigentlich nicht." Doch er wolle auf das Potenzial der jungen Arbeitslosen nicht verzichten.
CHRISTOPH GERKEN
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