taz: Sie haben erklärt, Sie würden in die DDR zurückgehen. Begründung: "Das Vaterland ist in Gefahr." Wieso gerade jetzt, wo sich die guten Nachrichten überstürzen?
Rudolf Bahro: Daß die demokratische Revolution jetzt läuft, das ist die gute Nachricht. Daß zugleich auf der ökonomischen Ebene die Gefahr des Ausverkaufs der DDR ins Haus steht, weil die Menschen in diesem Punkt den Lernprozeß noch vor sich haben, die Konfrontation mit dem westlichen Marktbegriff, das ist die schlimme Hälfte der Sache.
Sie haben die Entwicklung in der DDR "Volksrevolution" genannt. Spielen Klassen keine Rolle mehr?
Ich war ja schon in meinem Buch Die Alternative nicht mehr von einer Klassenanalyse der DDR ausgegangen, wenn auch von einer Konfrontation zwischen der Apparateherrschaft und der ganzen übrigen Bevölkerung. Ich glaube auch nicht, daß die Sozialstruktur in der DDR für den derzeit ablaufenden Prozeß entscheidend ist.
Erleben wir also heute nicht nur das Ende des Führungsanspruchs der SED, sondern auch den der Arbeiterklasse?
Empirisch gesehen hat die Arbeiterklasse nie einen Führungsanspruch angemeldet, den hatte von vornherein ihre Partei gepachtet. Eigentlich ist es auch diese Stelle, wo sich das ganze theoretische Konzept als illusorisch erwiesen hat.
Wann gehen Sie rüber?
Ich will in Kürze mal rübergehen und sehen, wie ich dort landen könnte. Und ich will auf jeden Fall Mitte Dezember da sein, wenn der Parteitag losgeht …
… von der SED? Glauben Sie, daß Sie da reden dürfen?
Ich finde, der Parteitag müßte aufgemacht werden für alle Oppositionsgruppen, die es dort gibt. Und ich denke, daß ich genauso qualifiziert wäre, zur Einschätzung der Lage etwas zu sagen. taz, 17. 11. 1989
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