von DOMINIC JOHNSON
Die afrikanische Auswanderung nach Europa über die Kanaren im Atlantik ist weitaus tödlicher als bisher angenommen. Jeder sechste Emigrant stirbt dabei, erklärten die Einwanderungsbehörden auf der zu Spanien gehörenden Inselgruppe am Mittwoch. Man schätze die Zahl der Toten auf 6.000 allein im ablaufenden Jahr.
"Wir sprechen über eine dramatische Anzahl von Toten", sagte Frollian Rodriguez, Vizedirektor der Einwanderungsbehörde der Kanaren, dem spanischen Radiosender Cadena Ser. Man habe rund 600 Leichen an den Stränden der Inseln sowie an den afrikanischen Küsten geborgen, und die wahre Zahl der Todesopfer sei zehnmal höher.
31.404 afrikanische Migranten erreichten die Kanaren dieses Jahr bis zum 27. Dezember lebend. Rund 5.000 wurden unterwegs abgefangen und zurückgeschickt, von den Neuankömmlingen wurde rund 20.000 die Weiterreise nach Spanien gestattet. 2005 hatten die Zahl der überlebenden Bootsflüchtlinge auf den Kanaren noch bei 4.751 gelegen. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2002 lag bei 9.929 illegalen Immigranten. Erst am 25. und 26. Dezember landeten vier Boote mit 176 afrikanischen Migranten auf den Kanaren, trotz schlechten Wetters und kühler Seetemperaturen.
Die Zahl von 6.000 Toten ist viel höher als die bisher vorliegenden Schätzungen unabhängiger Organisationen. Die Bundeskoordination Internationalismus (Buko) deutscher entwicklungspolitischer Organisationen hatte vor Weihnachten erklärt, seit 1988 seien an den EU-Außengrenzen 5.742 Immigranten gestorben, davon 4.560 im Mittelmeer oder vor den Kanaren. Das Rote Kreuz hatte zuvor von bis zu 3.000 Toten in diesem Jahr gesprochen. Erst am 16. Dezember waren 102 Senegalesen ertrunken, als ihr Boot in hohen Wellen im Atlantik auf dem Weg zu den Kanaren havarierte.
Nach UN-Schätzungen reisen jedes Jahr 200.000 Afrikaner illegal nach Europa ein, und weitere 100.000 werden an den Grenzen abgewiesen. Für Schlagzeilen hatte im Herbst 2005 der Tod von mindestens acht Afrikanern am Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Exklave Melilla gesorgt; sie waren von spanischen Grenzpolizisten beim Versuch erschossen worden, über die Zäune zu klettern. Die Grenzanlagen um die Exklaven Ceuta und Melilla sind seitdem ausgebaut worden, und Spanien hat auf EU-Ebene multinationale Seepatrouillen vor Westafrikas Küste initiiert, um Flüchtlingsboote abzufangen.
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