VON ANNETTE JENSEN
Wer gerne in Wartezimmern rumsitzt und sich Krankengeschichten fremder Leute anhört, kommt bei diesem Buch voll auf seine Kosten. Wer allerdings das deutsche Gesundheitswesen durchschauen will, wird von Sibylle Herberts "Diagnose: unbezahlbar. Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin" enttäuscht. Stundenlang begleitet der Leser die Hausärztin Sabine Krämer durch ihren Alltag, hört sich mit ihr die Sorgen alter Menschen über die Finanzierung eines Badewannenlifters an und erfährt, wie absurd manche Vorgaben der Krankenkassen sind.
Nicht der Patient steht heute im Zentrum der Behandlung, sondern die Finanzlage. Viele bekommen nicht die bestmögliche Medizin. Bei Kassenpatienten sind die Ärzte gezwungen abzuwägen, wem sie eine teure Therapie gewähren - und wem nicht.
Dieses Grunddilemma dekliniert die Autorin bei Medikamenten, Heil- sowie Hilfsmitteln und bei Rheuma mit immer neuen Beispielen durch. Die Ärzte erscheinen dabei als Einzige zu wissen, was für die Patienten wirklich gut ist. Andererseits aber sind sie dem System auch selbst hilflos ausgeliefert - denn die Mittel sind begrenzt . Als "bad guy" taucht am Ende jedes Kapitels der anonymisierte Vertreter einer Krankenkasse auf. Doch auch er erscheint meist eher wie ein Opfer, der unter den zahlreichen Sachzwängen leidet und deshalb aus Mitleid möglichst oft Ausnahmen zulässt.
Wo aber sitzen die Verantwortlichen? Nur in Nebensätzen und völlig ohne weitere Erläuterungen ist mal von "mafiösen Strukturen" bei der Hilfsmittelindustrie die Rede, mal taucht der medizinische Fortschritt auf, der die Kosten in die Höhe treibt. Die Pharmaindustrie als zentraler Profiteur bleibt praktisch völlig außen vor, und auch Institutionen wie die Kassenärztliche Vereinigung sind aus Sicht der Autorin "so kompliziert und speziell, dass sie den Rahmen eines Buches, das sich nicht an ein Fachpublikum wendet, gesprengt hätten".
Erst ganz am Schluss thematisiert der Chef einer gesetzlichen Krankenkasse, dass die private Konkurrenz die "guten Risiken" abwirbt und deshalb die Einnahmen erodieren. Doch so allgemein wusste man das schon vorher.
Um die Sache ein bisschen lebendiger zu machen, streut die Autorin Informationen über die Haarfarbe der Patienten oder die Kaffeevorlieben der Ärzte in den Text - was nach einer Weile ausgesprochen ermüdend wirkt. Der reportageartigen Aufarbeitung des Themas ist es auch geschuldet, dass viele Quellen völlig ungenau sind. So haben Ärzte und Arzthelferinnen auf Kongressen irgendetwas gehört, oder sie sind der Auffassung, die Untersuchungen des neu gegründeten "Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" seien falsch. Der Leser kann das glauben oder nicht - einen angemessenen Beleg für derartige Meinungen bekommt er nicht.
Auf fast jeder Seite hat die Autorin eine kurze Agenturmeldung eingestreut, die fünf Monate Gesundheitsreform-Debatte aus dem letzten Jahr nachzeichnet. Die Informationshäppchen haben mit dem umfließenden Text nichts zu tun und sollen offenbar nur demonstrieren, dass die politische Debatte völlig an den realen Problemen vorbeigeht. Das wird tatsächlich niemand bestreiten. Doch die Analyse der Ärztin ist ebenso platt, wenn sie klagt, der Staat lasse die Ärzte heutzutage allein: "Schließlich ist der Staat für dieses Herumdoktern verantwortlich."
Erklärtes Ziel des Buchs ist eine gesellschaftspolitische Debatte, nach welchen Kriterien und in welchem Umfang medizinische Behandlungen künftig finanziert werden sollen. Sibylle Herbert will mit der Lebenslüge aufräumen, dass heute jeder die bestmögliche Behandlung bekommt. Wer bisher von dieser Annahme ausgegangen war, erhält hier reichlich Gegenbelege geliefert.
Dabei bleibt das Buch jedoch stecken. Die Autorin verschanzt sich hinter einem latent anklagenden Ton. Bei wem sie die Verantwortung verortet - außer nebulös in "der Politik" oder beim "Staat" -, bleibt unklar. Und wo eine saubere Recherche und eine klare Analyse gefragt wären, macht sie es sich lieber schnell wieder im Sprechzimmer eines Arztes bequem.
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