• 25.04.2007

Frei spielen, fördern, lehren

Mehr Plätze, bessere Förderung - die Kitaangebote in Deutschland sollen ausgebaut werden. Doch wie sieht heute die Wirklichkeit in den Kitas aus? Ein Blick in den Alltag einer städtischen Kita, einer Waldorfkita und eines Europakindergartens

AUS DORTMUND UND BERLIN NATALIE WIESMANN UND MARTIN MÜLLER

Die beiden flachen Häuschen des Kindergartens Lünener Straße in Dortmund stehen ein wenig verloren am Rande des Hoesch-Parks. Die Anlage, die früher der Erholung von Stahlarbeitern und ihrer Familien diente, ist heute wenig einladend: Auf den stumpfen Grasflächen wachsen keine Blumen, überall liegt Müll. Der städtische Kindergarten macht mit seinen Graffitischmierereien einen verwahrlosten Eindruck.

Erstaunlich anders die Atmosphäre im Inneren: bunt behangene Wände, gemütliche Spielräume mit Lernmaterial, putzige Miniküchen. Kinder rennen lachend herum. 140 Kinder besuchen die Einrichtung, die meisten mindestens bis 14 Uhr, etwa 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Deshalb betreibt die Kita schon seit 1999 Sprachförderung. "Den einfachen Kindergarten, in dem Kinder von 8 bis 12 Uhr verwahrt werden, gibt es zumindest in Dortmund nicht mehr", sagt Leiterin Gabriele Braß. Die städtischen Kitas haben 2005 eine Bildungsvereinbarung unterschrieben. Sie verpflichten sich unter anderem zur Sprachförderung. "Ich dokumentiere die Entwicklung der Kinder", sagt Braß. Ihre blauen Augen leuchten, sie ist mit Engagement dabei.

Der Blick auf die frühkindliche Bildung hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Zeit in der Kita wird von Pädagogen und Politikern als kostbare Bildungszeit betrachtet. Auch in Nordrhein-Westfalen, das für die unter Dreijährigen gerade mal knapp 3 Prozent Plätze anbietet. So hat der Kindergarten Lünener Straße die Förderung der Kinder in den vergangenen Jahren intensiviert. Spielerisch wollen die Erzieher ihr naturwissenschaftliches und mathematisches Interesse wecken oder gemeinsam im Wald die Natur entdecken. Allerdings richte sich frühkindliche Bildung nicht nach einem Stundenplan, so Braß, jedes Kind müsse nach seinem Tempo lernen können. "Es gibt Kinder, die hier lesend und schreibend herauskommen, andere können nicht einmal ihren Namen schreiben - malen dafür sehr schöne Bilder oder können gut mit dem Computer umgehen."

Für die Kinder, die beim Deutschlernen nachhinken, integrieren die Erzieherinnen Sprachübungen in den normalen Alltag. Wenn sie beim Lernprogramm "Hokus Lotus" in ein Dino-Outfit schlüpfen, sind die Kinder begeistert. Braß: "Solche Herzensöffner für die deutsche Sprache sind immens wichtig." Die Fortgeschrittenen lernen mit Memory-artigen Karten die deutsche Grammatik. Meist zeigen sich die Erfolge erst nach einer Zeit: "Wenn ein Kind dann auf einmal ,Wessen Jacke ist das' fragt, sind wir oft selbst ganz überrascht", sagt Braß' Stellvertreterin Patrizia Federer.

Die Kita arbeitet eng mit der Erziehungsberatung zusammen, bietet für Eltern Kurse an und lädt einmal die Woche ins Elterncafé ein. Denn frühkindliche Förderung, so Braß, könne nur "ganzheitlich" begriffen werden. Dass Beratungsstellen, aber auch ärztliche Untersuchungen mehr und mehr in die Kitas verlagert werden, ist in Nordrhein-Westfalen Konzept und nennt sich Familienzentrum. Was die schwarz-gelbe Landesregierung zurzeit erprobt, könnte Konzept für ganz Deutschland werden. Wenn Ärzte und Psychologen ihre Sprechstunde in der Kita abhalten, so die Logik dahinter, dann trauen sich auch bildungsferne Eltern eher dahin.

Federer beobachtet eine wachsende Unsicherheit bei den Eltern in Erziehungs- und Bildungsfragen. Zum Beispiel: Was können Kinder in dem Alter, wann sollte ein Kind ins Bett? "In der Werbung wird suggeriert, dass es okay ist, dem Kind Pampers anzulegen, bis es sechs ist", sagt Federer. "Die Großmutter findet es schon nicht normal, wenn das Kind noch bis anderthalb in die Windeln macht."

Gerade Migranteneltern seien verunsichert, zum Beispiel wenn Politiker fordern, dass sie mit ihren Kindern deutsch reden. "Unsinn, sie sollen ihnen nur die Sprache beibringen, die sie selbst können", sagt Brass. Wichtig sei es, die Eltern darin zu bestärken, mit ihren Kindern die Muttersprache zu sprechen.

Natürlich müsste noch mehr geschehen, um die frühkindliche Erziehung zu verbessern. Sinnvoll wären etwa Computerkurse für die Mütter. "Wie sollen sie darüber urteilen, was ihre Kinder spielen, wenn sie selbst damit nicht umgehen können?", so Braß. Und Sprachkurse für Eltern in der Kita. Doch dafür fehlt der städtischen Kita das Geld.

Sprachkurse braucht man im Waldorfkindergarten Sonnenhaus in Berlin-Rosenthal nicht. Im idyllischen Norden Berlins leben kaum Ausländer. "Bei uns sollen die Kinder ihre Fantasie entwickeln und selbst Lösungen finden, anstatt nur darüber zu reden", sagt Janna Bauer. Wie das am Besten geht, weiß die Gruppenleiterin auch: "Die Kinder lernen vor allem auf bildlicher und spielerischer Ebene." Packt die Waldorferziehung die Kinder in Watte? Fördert sie zu wenig? "Wir haben einen ganz anderen Lernansatz", widerspricht Bauer. "Bei uns lernen die Kinder das Zählen eben beim Seilspringen und nicht bei einem Projekt." Die Natur erleben und achten lernen, bei Wind und Wetter draußen sein, das gehört hier zum Alltag. Im Lehmofen wird gebacken, im Sandkasten gespielt, die hauseigenen Kaninchen werden gefüttert. Räume mit viel Holz, hochwertige Spielsachen, vielfältig verwendbar. Das soll die Kreativität fördern. Grelle Farben gibt es nicht. "Zu starke Sinnesreize lassen einen dumpf werden", meint Bauer. Und die Waldorfpädagogik will die Sinne gerade besonders entwickeln. Selbstverständlich ist daher biologisch-vollwertiges Essen.

Sechs Erzieherinnen kümmern sich in drei Gruppen um 36 Kinder. Von Altersmischung schon für die Kleinsten hält man hier wenig. Alle Eineinhalb- bis Dreijährigen sind in einer Gruppe. "Sie haben andere Bedürfnisse und brauchen noch mehr Aufmerksamkeit", so Bauer.

Verschult wie in den französischen Écoles maternelles ist das Lernen nicht. Die meiste Zeit dürfen die Kinder frei spielen, was und mit wem sie wollen. Ruhe- und Aktivitätsphasen geben einen gewissen Rhythmus vor, auch Eurythmie, die von Rudolf Steiner begründete Bewegungskunst, spielt eine wichtige Rolle. Die Erzieherinnen verstehen sich als Vorbild, halten sich sonst im Hintergrund.

Wer sein Kind auf einen Waldorfkindergarten schickt und bereit ist, 40 Euro mehr als den üblichen Elternbeitrag zu zahlen, hat sich meist Gedanken über die Pädagogik gemacht. Fast nie drängen die Eltern auf andere Förderung, wie Englischstunden, Lesen oder Schreiben. "Die Eltern legen Wert auf liebevollen Umgang mit den Kindern. Sie sollen geführt, aber nicht eingeschränkt werden", sagt Bauer. Ein direkter, spontaner Zugang zu den Kindern sei wichtiger als eine Hochschulausbildung der Erzieherinnen.

Raffaela Nardi-Nowotnik und Bertram Nowotnik sehen das anders. Sie sind nicht der Meinung, dass ausgiebiges Freispiel die Kinder ausreichend auf das Leben vorbereitet: "Kinder lernen nicht von alleine. Man muss sie animieren", sagt Nardi-Nowotnik. Seit 30 Jahren leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann den Europakindergarten Max und Moritz in Berlin-Schöneberg. Außergewöhnlich sind schon die Öffnungszeiten: Von 7 bis 19.30 Uhr sollen die Kinder fit für das Leben gemacht werden - und Eltern genug Flexibilität für ihr Berufsleben bekommen.

Die Kita ist eine private gewerbliche Einrichtung. "English speaking" steht auf ihrer Visitenkarte. Jede Gruppe hat neben zwei deutschen eine englischsprachige Erzieherin. "Pädagogisch ausgebildete Muttersprachler", betont Nardi-Nowotnik. Damit kein Kind die "komisch sprechende Erzieherin" meiden kann, wird jeden Morgen ein "English circle" abgehalten. Weil die fünfzehnköpfigen Gruppen nicht nach Alter aufgeteilt werden, bekommen schon Zweijährige erste Vokabeln mit. "Listen to the story and move your hands to the words", heißt es da etwa, oder "Make a funny face". Aber auch erste zwanglose Unterhaltungen werden geübt.

Zweimal die Woche können die Älteren Französisch lernen. Das macht nicht jeder, zumal manche Kinder italienische oder spanische Eltern haben und mit drei Sprachen schon genug beschäftigt sind. Weil die Eltern oft großen Wert auf die zweisprachige Erziehung legen, sind sie fast enttäuscht, wenn ihr Kind mal einen Tag draußen gespielt und scheinbar nichts gelernt hat.

Doch: "Wir legen Wert auf eine ganzheitliche Erziehung. Auch Bewegung und Musik sind wichtig, es soll Spaß machen", sagt Nardi-Nowotnik. Ausflüge, turnen, schwimmen und Flötenunterricht sorgen für Abwechslung. Für die musikalische Früherziehung wurde eine professionelle Musikpädagogin eingestellt.

Der Leitspruch heißt nicht "Fit für Pisa". Die Kinder sollen auch soziale Kompetenzen erwerben. "Durch das Zusammenleben von Klein und Groß lernen sie, Verantwortung zu übernehmen. Sie sind sehr selbstbewusst", sagt die Kitaleiterin.

Allerdings: 530 Euro Monatsgebühr muss man dafür auf den Tisch legen können. Es sei denn, die Familie kommt aus Schöneberg. Denn die Hälfte der Plätze wird vom Jugendamt an Kinder des Bezirks vergeben. Nowotnik passt das überhaupt nicht: "Die Eltern sollten die Wahlfreiheit haben." Ohnehin bekomme man vom Jugendamt viel weniger Geld als städtische Kitas. Aber wieso machen viele städtische Einrichtungen dann kein ähnliches Förderangebot? "Sie sind nicht flexibel genug." Das glaubt zumindest der Leiter des Max-und-Moritz-Kindergartens.



BILDUNG FÜR DIE KLEINEN

Mehr und bessere Betreuungsplätze für Kleinkinder, auch unter drei Jahren, will Familienministerien Ursula von der Leyen (CDU) bundesweit durchsetzen. Denn Deutschland hinkt in puncto frühkindliche Förderung im europäischen Vergleich hinterher. Es hapert nicht nur an der Zahl der Plätze, auch die Ausbildung von Erziehern könne verbessert werden kritisieren Experten. Im Gegensatz zum europäischen Ausland ist ein Hochschulstudium für Erzieher hierzulande noch die Ausnahme.

Zwei Drittel der Kindergärten seien schlecht, kritisierte jüngst die Leiterin des Münchener Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP), Fabienne Becker-Stoll.

Aber langsam tut sich was. An einigen Universitäten entstehen erste Bachelorstudiengänge für Frühpädagogen. Auch in den Kindergärten selbst wird zunehmend mit neuen Konzepten und Fördermöglichkeiten experimentiert. In loser Folge begleitet die taz das Thema Qualität der frühkindlichen Bildung. adi

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