• 01.06.2007

Klimatisierter Aufschwung

Michael Schorrs lakonische Komödie "Schröders wunderbare Welt" begibt sich auf die Suche, was aus Kohls "blühenden Landschaften" geworden ist. Und findet die gute, alte Völkerfreundschaft

von DIETMAR KAMMERER

Statt Kohls "blühender Landschaften" ein Film über Schröders "wunderbare Welt"? Nein, der Exkanzler ist in diesem Fall nicht gemeint. Zwar ist auch Frank Schröder (Peter Schneider) bei einem russischen Geschäftsmann unter Vertrag, aber der hat inzwischen einen amerikanischen Pass und macht in Freizeit-Parks, nicht in Erdgas. Und vom triumphalen Ego seines Namensvetters ist dieser Schröder so weit entfernt wie eine ostdeutsche Grenzlandschaft von dem einst versprochenen Aufschwung. Wenn so einen doch einmal der unvermutete Ehrgeiz packt, sein Schicksal und das seines Heimatdorfes gleich mit zu ändern, dann kann man sich beruhigt zurücklehnen und abwarten, bis hochfliegende Träumereien sich an der zähen Wirklichkeit zerreiben.

Ein vollklimatisierter "Lagunenzauber" soll dort entstehen, wo gegenwärtig nichts als verlassener Tagebau Löcher in die Landschaft reißt. Das erhofft sich Schröder, und mit dieser Hoffnung will er die Bewohner der Gemeinde Tauchritz im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien anstecken. Grenzüberschreitende Kooperation soll in Eigeninitiative möglich machen, was Politik versäumt hat. Was Schröder übersieht: Seine Vision vom überdimensionierten Tourismusparadies im Zentrum Europas, von wärmender Sonne und Cocktails inmitten eisiger Steppenwinde kann schon deshalb nicht aufgehen, weil diejenigen, für die es gedacht ist, sich längst in ihre jeweils privaten Paradiese eingeschlossen haben. Der Bürgermeister (Karl-Fred Müller), Schröders Vater, bastelt mit Hingabe an seinem türkischen Bad im Keller, wo gekühlte Drinks per Märklin-Minibahn angefahren werden. Sein tschechischer Kollege Janaçeck (Igor Bares) pflegt lieber den Golfplatz als die Völkerfreundschaft. Und Onkel Wigbert (Gerhard Olschewski) hat sich in die Vergangenheit geflüchtet und träumt von der Verteidigung der schlesischen Rest-Scholle gegen alles Fremde.

Mit "Schultze gets the Blues" hat Regisseur Michael Schorr vor vier Jahren schon einmal die skurrile Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen inszeniert. "Schröders wunderbare Welt" basiert auf einer ähnlichen Idee, nur muss diesmal kein Ozean misslingender Kommunikation überwunden werden. Bereits der Schritt über die Grenze wird zum Anlass unendlicher Fehleinschätzungen. Geblieben ist auch der lakonische Humor. Fast sträubt man sich, den Film eine Komödie zu nennen - wie alles andere, so verläuft hier manche Pointe im sächsischen Sand. In diesem Nicht-Vorwärts-Kommen entwickelt der Film allerdings seinen ganz eigenen, melancholischen Charme. Die bissige Satire und die Bloßstellung ist Schorrs Sache nicht. Zwischen seinen mit dicker Feder gezogenen Typenzeichnungen - Rotkohl und Klöße der Familie gegen das Tai Chi des heimgekehrten Sohnes - sucht er nicht den Kontrast, sondern das Verbindende. Schorrs Kamerafrau Tanja Trentmann fasst Landschaft und Figuren dabei in wunderbar leere, streng kadrierte Bilder.

Das Dilemma des Films freilich liegt in seiner überzogenen Prämisse. Der anvisierte "Lagunenzauber" ist derart fantastisch und die Fähigkeiten Schröders sind derart bescheiden, dass am baldigen Misserfolg des Projekts keine Sekunde lang Zweifel aufkommen. Nicht mit einem Paukenschlag, sondern in winterkalter Erstarrung enden die Blüten-Träume, die von Anfang an nur Falschgeld waren. Wenigstens einige Trostpflaster werden am Ende noch ausgeteilt: Schröder bekommt das Mädchen, Onkel Wigbert und seine patriotischen Saufkumpane eine Abreibung.

Die Einwohner des real existierenden Tauchritz sowie seiner Nachbarstädte haben an den Dreharbeiten übrigens bereitwillig mitgewirkt. Jetzt ist ihre Region auf der großen Leinwand. Darin könnte schließlich die schönste Volte des Filmes liegen: Eine ostdeutsche Arbeitslosen-Komödie als großes, grenzüberschreitendes Gemeinschafts-Happening.

"Schröders wunderbare Welt". Regie: Michael Schorr. Mit Gitta Schweighöfer, Peter Schneider u. a., Deutschland 2007, 114 Min.

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