• 06.06.2007

Ein Leben in hellen und offenen Räumen

Fünf, sechs, sieben Sekunden währt eine Einstellung, dann erfolgt der Schnitt. Daraus ergibt sich eine Standbildfolge, die Häuser und Räume mit den technischen Mitteln des Films selbst wieder zusammensetzt: Heinz Emigholz gelang mit "Schindlers Häuser" ein Meisterwerk filmischer Architektur

von EKKEHARD KNÖRER

Was für ein Film: hundert Minuten lang nichts als in starren Einstellungen gefilmte Gebäude nach Entwürfen von Rudolph M. Schindler, einem von Kennern sehr geschätzten Architekten der klassischen Moderne. Es gibt, nach einem kurzen Prolog, keine Erläuterungen, keinen Kommentar aus dem Off, keine Informationen zur Person oder zu den Konzepten und Ideen Schindlers.

Einzig kurze Schrifttafeln notieren knapp die Namen der Häuser, die Daten von Gebäudebau und Aufnahmetag. Nichts als Außenansichten und Innenansichten, Bilder von Räumen in Häusern, Häusern in Städten, Gärten vor Häusern, eine Folge von Fassaden und Winkeln, Stufen und Wegen, Terrassen und Fenstern, Balkonen, Balken und Bäumen. Mehr hat "Schindlers Häuser" nicht zu bieten, mehr will er nicht bieten. Eben deshalb ist es ein keine Sekunde langweiliger, ja, ein aufregender Film. Natürlich wäre er es nicht, hätte Rudolph M. Schindler nicht faszinierende Häuser gebaut. Er wurde 1887 in Wien geboren, hatte dort bei Adolf Loos studiert, bevor er 1914 in die USA ging und in Chicago schlecht bezahlter Assistent bei Frank Lloyd Wright wurde. Dann wagte er den Sprung nach Kalifornien und in die Selbstständigkeit.

Im Lauf von drei Jahrzehnten entstanden mehr als 300 Häuser nach seinen Entwürfen, die meisten davon im Großraum Los Angeles. Als sein Meisterwerk gilt das bereits 1922 in Westhollywood gebaute "Kings Road House", das Schindler für seine Familie und Freunde entwarf. Emigholz zeigt es und 39 weitere Gebäude, Privathäuser meist, aber auch kleinere Geschäftshäuser darunter und eine weiß verputzte, in geradlinig rechtwinklige geometrische Muster gefaltete Baptistenkirche, die nicht mehr genutzt, gar dem Verfall anheimgegeben scheint.

Überhaupt halten die von Schindler gewählten Materialien, der häufig eingesetzte Beton vor allem, der Zeit nicht immer gut Stand. Manches der Häuser macht den Eindruck, als stehe es nur mit letzter Kraft noch aufrecht. Die Wände verzogen, der Putz schmutzunterlaufen. Andere sind bestens erhalten und liebevoll renoviert. Viele der heutigen Bewohner haben Emigholz eingelassen. Die Innenräume sind durch unaufdringliche Absätze, halbhohe Steingeländer oder an die Wände gefügtes Mobiliar moduliert, strikte architektonische Nutzanweisungen findet man kaum; Schindlers Bauten machen ihren Bewohnern keine Vorschriften, sondern Angebote zur Einrichtung des Lebens in hellen und offenen Räumen. Die Formsprache ist klar, das unangestrengt variierte Vokabular der klassischen Moderne auch durch die Jahrzehnte wiedererkennbar. Durch lamellierte Dachüberhänge und raffiniert durch die Wände geführte Längsschlitze fällt so viel natürliches Licht noch in hintere Winkel, dass die Kamera auch in den Innenräumen keiner Unterstützung durch künstliche Beleuchtung bedarf.

Der Grundzug von Schindlers Architektur ist die Durchdringung von Innen und Außen, die Öffnung des Raums, das Hereindringen von Licht und Natur. Schindlers Häuser schotten sich nicht ab. Der Architekt hat dies in einem Aufsatz aus dem Jahr 1926 als Utopie selbst formuliert: "Unsere Räume bewegen sich nahe am Grund, der Garten wird zum Bestandteil des Hauses werden. Die Unterscheidung zwischen Drinnen und Draußen wird verschwinden. Es wird nur wenige Wände geben, sie werden dünn sein und leicht zu beseitigen. Alle Räume werden Teile einer organischen Einheit statt kleine, voneinander getrennte Schachteln mit Gucklöchern."

Emigholz filmt die von Schindlers Architektur geschaffenen Räume kongenial. Nie versetzt er die Statik der Häuser etwa durch Schwenks in künstliche Bewegung. Fünf, sechs, sieben Sekunden währt eine Einstellung, dann erfolgt ein Schnitt und unvermittelt der Übergang zum nächsten Bild. Was sich so ergibt, ist eine Standbildfolge, die aus Teilen die Häuser und Räume mit den technischen Mitteln des Films selbst wieder organisch zusammensetzt. Zusammenhänge von Innen und Außen stellt oft der Originalton her, Vogelgezwitscher, der durch Bäume streichende Wind, den man durch geöffnete Türen und Fenster hört. In der Auswahl von Rahmen und Winkeln verfährt der Film selbst quasiarchitektonisch. Er fügt einen partiellen Zusammenhang an den anderen, erschafft Blick für Blick und Einstellung für Einstellung den vom Architekten geschaffenen Raum neu. Deshalb ist "Schindlers Häuser" ein Meisterwerk nicht verfilmter, sondern filmischer Architektur.

"Schindlers Häuser". Regie: Heinz Emigholz. Österreich 2006, 99 Min.

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