Erich von Stroheims Regiedebüt "Die Rache der Berge" bzw. "Blind Husbands" (1919) ist eine Wanderung auf schmalem Grat. Der Film erzählt von einem Ehebruch, zu dem es nicht kommt. Er wahrt die Schicklichkeit und setzt die bürgerliche Moral in ihr Recht. Und doch rumort im Inneren dieser Geschichte ein teuflisches Gegenprinzip, das auch durch Happy End und Bergsturz nicht auszutreiben ist.
Verkörpert wird dieses Gegenprinzip von keinem anderen als Erich von Stroheim selbst. Schneidig, in makelloser Uniform, das Monokel im Auge tritt er auf und macht sich schon auf der Kutschfahrt in den Alpenort Cortina an die Amerikanerin Margaret Armstrong (Francelia Billington) heran. Neben ihr sitzt ihr Ehemann, der Arzt Dr. Armstrong (Sam De Grasse). In der auf dieser DVD vorliegenden österreichischen Fassung des Films wird von Strohheims Figur wie folgt vorgestellt: "Eric Steuben, ein Hochstapler, der die Offiziersuniform benutzt, um so leichter seine Gaunereien ausführen zu können." So einfach ist das in Wahrheit nicht - und im Zwischentitel der amerikanischen Fassung wird das auch explizit gesagt, denn da heißt es: "Lieutenant von Steuben, an Austrian cavalry officer, with a keen appreciation of three things: Wine, WOMEN, Song."
Im einen Fall also der Adelstitel, moralische Ambivalenz und ein echter Offizier. Im anderen vom Adelstitel - den bekanntlich auch Stroheim sich zeitlebens anmaßte - keine Spur, die Uniform bloß Maske und Hochstapelei. Tatsächlich kann aber von "Gaunereien" kaum die Rede sein, von Steuben hat es auf nichts anderes abgesehen als die Frauen im Ferienort. Vor allem auf die von ihrem Ehemann links liegen gelassene Margaret Armstrong. Mit Charme und Zuvorkommenheit versteht von Steuben sie zu bezirzen. Es kommt zum Stelldichein vor drei Kreuzen in freier Natur. Halb zieht er sie, halb sinkt sie hin. Schon greift Steuben mit der Hand nach ihrer Brust - da steht, zwischen Büschen und Bäumen, ein Dritter. Der bärtige Bergführer Sepp, der Pfeife raucht, schweigt, die Berge verkörpert - das muss der Dazwischentreter sein.
Also tritt er dazwischen, zum Bedauern des Betrachters. So weit hat von Stroheim es kommen lassen. Für den Ehemann, der nicht zu schätzen weiß, was er hat, zeigt der Film nämlich erst einmal wenig Sympathie. Dem von ihm verschuldeten beziehungslosen Nebeneinander des Ehepaars Armstrong wird ein junges Idealpaar gegenübergestellt, das sich immerzu verliebt in die Augen blickt oder gleich in eindeutiger Absicht vom Rest der Gesellschaft separiert.
Und auch das Sehnen der Ehefrau nach Sinnlichkeit kommt in einer ausgeklügelten Szene zu seinem Recht. Margarete Armstrong steht am späten Abend mit gelöstem Haar vor dem Spiegel, in dem im Hintergrund ihr Ehemann im Bett zu sehen ist. Sie will, das steht außer Zweifel - Sex, Dr. Armstrong aber liest erst, dann schläft er ein. Im Spiegel wird sein Bild imaginär ersetzt, und zwar durch eine Aufnahme des verliebten Idealpaars. Natürlich würde man eher den schneidigen Versucher von Steuben erwarten. Das wagt von Stroheim hier nicht, da darf man wohl von einer domestizierenden Deck-Überblendung sprechen.
Der Rest ist dann die Rache der Berge. Armstrong und von Steuben besteigen einen Dolomitengipfel - auf dessen Spitze sich von Steuben als impotenter Feigling erweist. Das ist sein Ende: In einer kurzen Einstellung stürzt er in Sekundenbruchteilen durchs Bild. Das Eheglück ist gerettet. Der Rivale hat Dr. Armstrong gelehrt, seine Frau wieder zu schätzen. Eine allzu saubere Lösung. Eifersucht, Begehren, Gewalt sind nur verschoben, nicht verschwunden. Das Stroheim-Prinzip rumorte in den Nachfolgefilmen weiter.
EKKEHARD KNÖRER
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