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  • 20.05.2011

Der Bodenständige

Selbst an der Uni - nicht gerade der ersten Adresse für beflügelnde Literaturvermittlung - gab es eher selten Seminare, die sich ausschließlich mit F. C. Delius befassten. F. C. Delius, das war nichts für die verstreuten Literaturverrückten mit vagem Berufsziel, das war eher etwas für angehende Lehrer. Für Leute, die auch noch Politik studierten und Überblickseminare mit aschgrauen Titeln wie "Berlin in der Literatur", "Die Wende literarisch" oder "Romane über den Deutschen Herbst" belegten.

Um die 30 Bücher hat der heute 68-jährige Pfarrerssohn Friedrich Christian Delius, der im Nordhessischen aufwuchs und wichtiger Bestandteil der Westberliner Literaturszene der späten Sechziger und frühen Siebziger wurde, bis heute geschrieben. Es sind dies meist Romane, die sich fleißig und solide an der deutschen Nachkriegsgeschichte von der Fußballweltmeisterschaft 1954 bis in die Gegenwart abarbeiten. Darunter sind gute, lesenswerte Bücher. Delius gilt zu Recht als Dokumentarist voller Ebenmaß und Bodenständigkeit. Doch fragte man sich manchmal, wenn man Bücher von ihm zu lesen versuchte: Warum sind all diese Menschen, von denen die Rede ist, nur Haut und Knochen? Warum ist die literarische Rahmenkonstruktion, die dem Wohlrecherchierten Verve verleihen könnte, so dünnwandig? Und überhaupt: Wo bleibt die Leidenschaft?

F. C. Delius, ein freundlicher, beliebter Mann, ist gut verankert im deutschen Literaturbetrieb und kann sich auf einer treuen Stammleserschaft ausruhen. Nun hat er soeben auch noch den Georg-Büchner-Preis bekommen, die mit 50.000 Euro dotierte wichtigste deutsche Literaturauszeichnung des Landes. Warum nicht endlich der ewig aufgeregte und immer noch aufregende Rainald Goetz? Warum nicht Georg Klein? Die kommentierende Literaturkritik beschwert sich derzeit sehr. Der Preis, heißt es, kann auch Schaden anrichten. Wenn einer wie Delius ihn bekommt, ist man gezwungen, auf einen Autor einzuprügeln, mit dem man gern auf der nächsten Buchmesse ein Glas Rotwein getrunken hätte. Die Kritik hat recht: Delius ist kein schlechter Autor. Nur muss auch gesagt werden, dass er kein besonders toller ist. SUSANNE MESSMER

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