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  • 17.10.2007

Vom Asylheim in die Privathochschule

Zwei der Zuwandererkinder, denen die Stiftungen neuerdings helfen, den Aufstieg durch Bildung zu schaffen

Sein Lehrer war der Meinung, dass er auf die Hauptschule gehen sollte, alles andere sei Unsinn. Neun Jahre später hatte Mojtaba Sadinam sein Abitur in der Tasche, mit einem Schnitt von 1,3. Der Iraner lebte jahrelang im Asylbewerberheim, rechnete täglich mit der Abschiebung. Heute studiert Sadinam, 22, an einer der renommiertesten Privatunis des Landes: Der WHU - Otto Beisheim School of Management im rheinland-pfälzischen Vallendar.

"Es ist ganz gut gelaufen", sagt Sadinam und grinst bescheiden. Er weiß, dass es auch ganz anders hätte kommen können, es gab diese Momente, sagt er, da hätte alles kippen können. Als Sadinam, seine beiden Geschwister und die Eltern nur noch von Duldung zu Duldung lebten und irgendwann das Gefühl hatten, wie eine Nummer behandelt zu werden. "Da dachte ich, ich bin hier nicht willkommen", sagt Sadinam. "Wir haben nur noch Ablehnung erfahren."

Doch es kam anders, inzwischen hat die Familie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung - nach einem Jahrzehnt in Deutschland. Und Sadinam konnte zu dem werden, was er ist: eine große Ausnahme im deutschen Bildungssystem. Wie viele Talente wie er werden wohl verschwendet, ohne dass es je jemand mitbekommt? Laut der vielen Bildungsuntersuchungen sind es viele, mehr als in allen anderen europäischen Ländern.

Auch die Deutschtürkin Yonca Dege, 19, hat den Weg nach ganz oben gefunden. Sie studiert an der privaten Jacobs-Universität in Bremen "Integrated Social Sciences", wohnt dort im Campus-College. Der Weg dorthin mag nicht ganz so beschwerlich gewesen sein wie der Sadinams, aber was heißt das schon?

Deges Eltern kamen in ihren Jugendjahren aus der Nordtürkei nach Deutschland, vor fast vierzig Jahren war das. Der Vater schuftet als Lagerarbeiter bei Siemens in Krefeld-Uerdingen, die Mutter ist Hausfrau. "Ich habe eine Chance bekommen, die sie nicht hatten", sagt Yonca Dege. Dafür hat sie selbst natürlich auch einiges getan: Im Abitur hatte sie einen Schnitt von 1,4, für die Bremer Universität musste sie eine harte Aufnahmeprüfung bestehen.

Die Studiengebühren von rund 15.000 Euro im Jahr bezahlt ihr die Vodafone-Stiftung, die eines der wenigen Stipendienprogramme hat, die ausschließlich Migranten beim Studium fördern. "Meine Eltern hätten mich auch unterstützt, auch wenn sie dafür hätten kürzer treten müssen. Oder ich hätte einen Kredit aufgenommen." Aber mit Stipendium studiert es sich natürlich leichter.

Auch Sadinam wird von der Stiftung unterstützt, die ihm neben den 10.000 Euro Studiengebühren pro Jahr im Monat 585 Euro zum Leben überweist. Was genau er nach seinem Bachelor-Studium machen will, weiß Sadinam noch nicht. Wirtschaft allein ist ihm jedoch zu einseitig. Politik, Psychologie, Iranistik - es gibt viele Fächer, die Sadinam noch interessieren würden. Und auch das 8.000-Einwohner-Städtchen Vallendar hat ihn etwas zu sehr eingeengt, sodass er inzwischen im nahen Koblenz lebt. Das ist zwar immer noch winzig im Vergleich zu Teheran, der Stadt seiner Kindheit, aber bisher gefällt es ihm ganz gut dort.

Obwohl Sadinam auf einer Privatuni studiert: Als Elite würde er sich nie bezeichnen. "Das ist ein schwieriger Begriff für mich", sagt er. Und auch das Wort Vorbild nimmt er nur ungern in den Mund. Doch was sollte er sonst sein?

Einmal in der Woche hilft Mojtaba Sadinam benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Koblenz bei den Hausaufgaben. Oder spielt eine Runde Fußball mit ihnen. "Wenn ich die sehe, fühle ich mich an mich selbst erinnert", sagt Sadinam. Auch er hatte Menschen, die ihm halfen, obwohl es nicht unbedingt diejenigen waren, die man erwarten würde. Einer der Menschen, die dem Iraner Sadinam auf seinem steinigen Weg nach oben am meisten förderten, war: der Hausmeister im Asylbewerberheim im Münsterland. Der Mann half ihm immer bei den Hausaufgaben. WOLF SCHMIDT

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