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  • 20.12.2012

Kino-Alternativen für Heiligabend

Weihnachten ist oft zu Ritualen erstarrt. Doch glücklicherweise gibt es eine Möglichkeit, dem jährlichen Trott zu entkommen

VON LARS PENNING

Ins Kino gehen ist immer eine gute Alternative zum tristen Daheimhocken, und in ihrer Vielfalt haben jene Kinos, die Heiligabend ihre Projektoren anwerfen, für jeden Typen und jede Gemütsverfassung auch etwas anzubieten. Da gibt es beispielsweise das rein pragmatische Kinoprogramm: Gespielt wird einfach das, was das jeweilige Lichtspieltheater in diesen Tagen sowieso gespielt hätte. Wer möchte, kann sich also zum Beispiel Peter Jacksons neues Mittelerde-Epos "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise" (in diversen Multiplexen) ansehen: ein Zauberer, ein paar Zwerge, der Hobbit, viel Tricktechnik, viele Erklärungen, viel Gehaue und Gesteche - und alles in allem trotz satter 169 Minuten Spieldauer doch nicht gar so langweilig wie - zumindest von mir - ursprünglich erwartet.

Leute, die sich hingegen lieber überraschen lassen, könnten an der (oft allerdings lange vorher ausverkauften) Heiligen-Preview-Nacht im Filmtheater Friedrichshain Gefallen finden, die insgesamt fünf aktuelle Filme noch vor offiziellem Kinostart präsentiert. Doch wie es mit Überraschungen eben auch sein kann: Vielleicht bietet die Bescherung statt grandioser Knüller dann doch nur das Kinoäquivalent zu Rasierwasser und selbstgestrickten Wollsocken.

Wer lieber weiß, worauf er sich einlässt, aber auf aktuelles Kino nicht verzichten möchte, findet seine Alternativen in den Previews von "The Sessions: Wenn Worte berühren", einem Drama um die sexuellen Bedürfnisse eines gelähmten Mannes (OmU, im Central), und "Paradies: Liebe", Ulrich Seidels Spielfilm-Analyse von weiblichem Sextourismus in Kenia (im Moviemento) - Letzterer ganz unbedingt unsentimental und Seidel-typisch ohne Gute-Laune-Garantie. Unkompliziert ist der Sex auch an Heiligabend nicht, zumindest nicht im Kino.

Ein spezielles Angebot für Verwandtschaftsskeptiker macht in diesem Jahr das Sputnik-Kino und bietet mit "Moonrise Kingdom" (OmU) und "Die Royal Tenenbaums" (OmU) gleich zwei Werke von Wes Anderson, dem absoluten Spitzenregisseur von Filmen über dysfunktionale Familien. Doch die Weihnachtszeit ist auch die Zeit der Klassiker, die einen in genau jene Stimmung versetzen, die man sich wünscht. Wie etwa die Komödien "Sabrina" und "Frühstück bei Tiffany" (beide im Central) mit Rehauge Audrey Hepburn, die uns in ihrer speziellen Mischung aus natürlicher Mädchenhaftigkeit und kapriziösem Chic einmal mehr gehobenes Amüsement mit leicht melancholischer Note verspricht. Und wer sich zufällig dunkel daran erinnert, dass das Weihnachtsfest eigentlich christlichen Ursprungs ist, seinen Jesus dann allerdings doch lieber in einer rigiden Interpretation des Marxisten Pier Paolo Pasolini sieht: Auch "Das erste Evangelium - Matthäus" (OmU, Lichtblick-Kino) wartet auf ein geneigtes Publikum.

Zu guter Letzt wäre Heiligabend im Kino natürlich nicht komplett ohne ein Programm für diejenigen, die Weihnachten gegenüber überhaupt nicht skeptisch eingestellt sind, sondern dem Fest voller erwartungsfroher Vorfreude entgegenblicken: die Kinder. Im Filmmuseum Potsdam praktiziert man deshalb angewandte Psychologie: In der einzigen Vorstellung des Tages wird um 10 Uhr vormittags Ben Verbongs amüsanter Kinder-Weihnachtsfilm "Es ist ein Elch entsprungen" gespielt, der so auf sinnvolle Weise den zappeligen Kids das Warten auf die Bescherung kürzt. Ich glaube, das ist mein Programm. Ich bin schon ganz aufgeregt.

"Der Hobbit: Eine unerwartete Reise": in diversen Kinos.

"Heilige Sneak Preview Nacht": Filmtheater am Friedrichshain, 17 Uhr

"The Sessions: Wenn Worte berühren": Central, 21.30 Uhr

"Paradies: Leben": Moviemento, 20.30 Uhr

"Moonrise Kingdom" und "Die Royal Tenenbaums": Sputnik, 15/20.30 Uhr

"Sabrina" und "Frühstück bei Tiffany": Central, 16.30/18.45 Uhr

"Das erste Evangelium - Matthäus": Lichtblick, 20.30 Uhr

"Es ist ein Elch entsprungen": Filmmuseum Potsdam, 10 Uhr

Einmal mehr: gehobenes Amüsement mit leicht melancholischer Note

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