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  • 04.01.2008

Nigerianische Dialektik

Eine professionelle Journalistenausbildung soll helfen, die junge Demokratie im westafrikanischen Staat zu festigen. Unterrichtet wird jedoch leider auch, dass korruptes Verhalten völlig normal ist

AUS IBADAN DAVID DENK

Wer nigerianische Journalisten zur Teilnahme an einer Pressekonferenz bewegen will, muss verdammt überzeugende Argumente haben - und diese vor der Veranstaltung in einem braunen Umschlag überbringen. 12 bis 15 Euro kostet es, das Interesse eines Journalisten zu wecken. Die Summe entspricht rund 10 Prozent des durchschnittlichen Monatsgehalts. "Wer nur 100 Euro verdient, will die 2 Euro Fahrtkosten zum Termin nicht aus eigener Tasche bezahlen", sagt Claus Schrowange beinahe entschuldigend.

Selbstverständlich weiß der gebürtige Sauerländer, dass Korruption kein Kavaliersdelikt ist - auch wenn die Chiffre von den braunen Umschlägen so schön harmlos klingt. Doch er weiß auch, wie ärmlich selbst Akademiker in Nigeria leben. Seit dreieinhalb Jahren lebt Schrowange, Cousin der gleichnamigen Fernsehmoderatorin, mit seiner Familie in Ibadan, der Hauptstadt des Bundesstaats Oyo im Südwesten Nigerias. Dort arbeitet er für die Justice, Development & Peace Commission (JDPC), ein Projekt der Erzdiözese Ibadan zur Friedenserziehung und Demokratieförderung. Neben der Arbeit an Schulen, mit Schülern und Lehrern, bildet Schrowange auch Journalismusstudenten und Journalisten in "Friedensjournalismus" aus.

Den norwegischen Friedensforscher Johan Galtung, auf den der Begriff zurückgeht, kennt in Nigeria allerdings kaum jemand - auch nicht am IIJ, dem Journalismus-Institut der Universität Ibadan, was immer wieder zu Missverständnissen führt. "Friedensjournalismus heißt nicht, Gewalttaten auszublenden, sondern nach ihren Gründen zu fragen", muss Schrowange den Vorwurf entkräften, er erziehe seine Studenten zum Friede-Freude-Eierkuchen-Journalismus.

Schrowanges Studenten zweifeln nicht am Sinn und Zweck seines Unterrichts für Erstsemester: "Er hat unser Bewusstsein für die Opfer von Gewalt geweckt und uns Sichtweisen eröffnet, die von denen der anderen Dozenten abweichen", sagt Afonja Adeola: Zum Beispiel, dass die in den Medien übliche Personalisierung von Konflikten falsch ist, weil sie deren Komplexität nicht gerecht wird. Die 22-Jährige ist eine der wenigen Studentinnen am Institut und die einzige von ihnen, die sich an der Diskussion beteiligt: "Wir neigen dazu, uns den Männern unterzuordnen. Das ist unsere Kultur." - "Man kann nicht sagen, dass Frauen benachteiligt sind", schaltet sich der Institutsleiter ein. Schließlich gebe es die Nigerian Association of Women Journalists. Niemand widerspricht, und auch Adeola hält sich im weiteren Verlauf der Diskussion zurück.

Dafür erklärt Idowu Adelusi, stellvertretender Redaktionsleiter der Sonntagszeitung Sunday Tribune, was er von Bewerbern für einen Job im Journalismus erwartet, gewissenhafte Recherche und überdurchschnittlichen Einsatz: "Get the story and get the story right!"

Doch die meisten Studierenden sitzen stumm auf ihren Stühlen. Auch Remi Oladoye redet nur, wenn er von seinen Lehrern dazu aufgefordert wird. "Journalisten müssen Allrounder sein", sagt der 27-Jährige dann. Oder: "Man braucht einen Abschluss in Journalismus, um Journalist sein zu können." Die Dozenten nicken.

Während in Deutschland der freie Berufszugang festgeschrieben ist, sollen Journalisten in Nigeria nach landläufiger Meinung einen möglichst gradlinigen Karriereweg nehmen, um die junge Demokratie zu stärken. "Die Professionalisierung des nigerianischen Journalismus ist unser wichtigstes Anliegen", sagt Wale Ojo-Lanre, der Vorsitzende der Nigeria Union of Journalists im Bundesstaat Oyo: "Schreiben kann jeder Idiot."

Die nigerianische Journalistengewerkschaft hat einen Gesetzentwurf zum Berufszugang ausgearbeitet, was Wale Ojo-Lanre als "großen Durchbruch" feiert. Genau wie die Forderung nach einem Mindestlohn, deren Erfolgsaussichten jedoch bezweifelt werden: "Die Gewerkschaft ist nicht stark genug, um einen Mindestlohn durchzusetzen." Er soll übrigens umgerechnet 200 Euro betragen - ein durchschnittliches Beamtengehalt. Nigerianische Journalisten wären so nicht mehr auf braune Umschläge angewiesen. "Wer allerdings richtig Geld machen will, geht besser ins Ölgeschäft - oder gründet eine Freikirche", sagt Wale Ojo-Lanre. "Wir sind Idealisten."

Doch die Korruption hat Nigeria fest im Griff. Ein paar Tage vor dem Gespräch war bekannt geworden, dass Siemens zehn Millionen Euro Schmiergeld an nigerianische Politiker gezahlt haben soll, um bei der Liberalisierung des Telefonmarktes mitmischen zu können. Gewerkschafter Wale Ojo-Lanre hat dafür kein Verständnis. "Wir erlauben keine braunen Umschläge", sagt er, "aber natürlich kann nach der Veröffentlichung jemand kommen und meine Arbeit anerkennen." - Diese nigerianische Dialektik wird übrigens auch am IIJ gelehrt. Er habe allerdings seine Prinzipien, schiebt Wale Ojo-Lanre nach, als er die irritierten Blicke der europäischen Besucher bemerkt: "Von Rentnern und armen Leuten würde ich nie Geld annehmen."

"Wer Geld will, geht besser ins Ölgeschäft - oder gründet eine Freikirche"

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