Good Guy & Good Guy

Nach 100 Tagen ohne Stefan Aust ist die Stimmung beim „Spiegel“ so gut wie nie

VON OLIVER GEHRS

Anfang dieser Woche erhob das Ancien Régime noch einmal sein böses Haupt. Mitten in die seit Wochen ungeahnt konstruktiv verlaufende Redaktionskonferenz polterte der Kultur-Ressortleiter Mathias Schreiber mit einer fein durchdachten Verschwörungstheorie: Der aus München angereiste Gastkritiker, Neon-Chefredakteur Timm Klotzek, sei von den Gesellschaftsreportern des Blattes instruiert worden, gegen das Feuilleton zu schießen. Die kleine Schreierei, die daraufhin anhob, führte allen Anwesenden noch mal vor Augen, wie es früher öfter war – bevor die Herrenreiter Aust, Matussek, Steingart und Preuß das Blatt verließen oder ins Glied zurücktraten. Und wie harmonisch es jetzt ist.

Denn mehr als inhaltlich hat sich in den Monaten seit dem Antritt der neuen Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo klimatisch getan. Wo früher jeder Redakteur eine Liste mit Denkverboten im Kopf hatte, darf jetzt zumindest alles vorgeschlagen werden, ohne dass man mit einem mittelfristigen Karriere-Aus rechnen muss: Ausgeglichene Stücke über die Gewerkschaften, kritische Berichte über die Stromkonzerne bis hin zu Generalverrissen der Bild-Zeitung. Und natürlich gibt’s auch nicht mehr so viel Pferdesport im Blatt.

Ansonsten hat sich inhaltlich noch nicht so viel getan, denn Mascolo und Blumencron arbeiten noch viele Geschichten aus der Aust-Ära ab. Der war schließlich Profi und hatte noch einige Titel für schlechte Zeiten gebunkert. So ist denn auch die Mischung eher eine Altbewährte: Ab und zu einen schönen Hitler, der sich am Kiosk rasend verkauft (bestes Heft in diesem Jahr: „Der Anfang vom Untergang“), dann mal wieder Neuigkeiten von Jesus und für Spiegel-Liebhaber aufwendig recherchierte Riemen wie der über die Korruption bei Siemens. So ist neben der Mischung auch die Auflage gleich geblieben – nämlich über einer Million, was für das Wohlbefinden in der Geschäftsführung immer ganz wichtig ist.

„Die Angst, die Aust oder Steingart verbreitet haben, ist weg“, sagt ein Redakteur. Wie kuschelig es zugeht, zeigt auch der Betriebsausflug vom vergangenen Wochenende, auf dem Korrespondenten und Ressortleiter über das Heft plauderten und gemeinsam im Hamburger Norden Fußball spielten. Entschieden wurde wohl nur die Einstellung der bemühten Glosse auf den ersten Seiten, die erst neulich eingeführt worden war, aber nur zeigte, dass sich der Spiegel mit verordnetem Humor nach wie vor schwer tut.

Nun geht es darum, ob vom vernünftigen Ton im Inneren des Magazins auch die Leser profitieren. Ob etwa der Hang zu leidigen Geschichten über irgendwelche gesellschaftlichen Trends, die meist nur eine Halbwertzeit von einer Woche haben, verschwindet und der Gestus des allwissenden Journalisten gleich mit, der besser als die Politiker weiß, was dem Land guttut oder der sich im Zweifelsfall selbst zum Politiker aufschwingt wie der geschasste Stefan Aust weiland im Kampf gegen die Rechtschreibreform.

Und der wohl immer dachte, dass Frauen keine Leitungspositionen bekleiden sollten, was schwer an der Glaubwürdigkeit des Blattes in allen Fragen der Moderne genagt hat. Nun gibt es mit Susanne Weingarten bald die erste Ressortleiterin – zuständig für Kultur, jenem Teil, der immer noch reichlich affirmativ geschrieben ist, aber immerhin keinen nationalen Aufbruch mehr feiert wie einst unter Matussek (die Besucherzahlen des deutschen Films sind ja auch nicht danach). Dringend nottun die weiblichen Hormone auch dem Politikteil, bei dem Rafaela von Bredow stellvertretende Ressortleiterin wird – eigentlich ein ziemlich unwichtiger Posten, weil die Musik im Berliner Büro spielt, aber möglicherweise kann sie doch den Testosteronspiegel in den Artikeln senken. Viele Texteinstiege im politischen Teil werden nämlich immer noch im Café Einstein Unter den Linden erdacht, wo den Parlamentskollegen schon mal der Latte-macchiato-Dampf zu Kopfe steigt.

So gerät denn auch unter den lieben Herren Blumencolo noch so manch rhetorisch missratenes Stück ins Blatt wie das vom vergangenen Montag über die „Wellness-Kanzlerin“ mit etlichen subkutanen Pöbeleien aus der Mottenkiste – etwa der, dass die Entwicklungsministerin sich verschwenderischerweise Tulpen aufs Hotelzimmer kommen lässt. Da ist der Spiegel noch auf dem Niveau von Bild-Chef Kai Diekmann, der einst von der früheren Nomenklatur des Politikteils umgarnt wurde. Dabei steht die Selbsteinschätzung der Politikjournalisten im diametralen Gegensatz zur wahren Bedeutung: Die politischen Artikel locken nach wie vor die wenigsten Leser – der Titel etwa über den Linksruck der SPD war in diesem Frühjahr bislang der größte Ladenhüter.

Es hat also in den ersten Tagen weder ein Großreinemachen noch einen Absturz gegeben, den manche Aust-Freunde prophezeiten, sondern eine vernünftige Inventur der Stärken und Schwächen, was für den Charakter der neuen Chefredaktion spricht. Und sollten Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo mal schwächeln, dann ist selbst das sympathisch. Denn wenn die große Spiegel-Maschine am Freitagabend auf Hochtouren brummt, gibt es so manches Mal einen Moment der Schockstarre – ein Innehalten, ein kurzes Überdenken, ob das alles so richtig ist, was da gleich in den Druck geht. Bis irgend jemand ins Chefbüro geht und den beiden sagt: Alles wird gut. Und dann geht es weiter.