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  • 08.05.2013

Vergebens und vergessen

DEMENZ "Die Auslöschung" (Mi., 20.15 Uhr, ARD) erzählt vom aussichtslosen Kampf eines Mannes gegen die Krankheit - präzise recherchiert, sensibel inszeniert, grandios gespielt

VON LEA STREISAND

Wie sieht das Vergessen aus? Wird die Welt zum Schatten? Zum körnigen Bild einer Videokamera? Was bleibt, wenn nur noch das Bild da ist, aber keinerlei Kontext mehr? Und was bleibt von einem Menschen, der alles vergessen hat?

Der ARD-Mittwochsfilm "Die Auslöschung" ist zuallererst eine Liebesgeschichte. Klaus Maria Brandauer gibt anfangs als Kunstgeschichtsprofessor Ernst seine Paraderolle, den eitlen Gockel, so aufschneiderisch, dass man gleich brechen möchte; Martina Gedeck spielt die Restaurateurin Judith so leise kraftvoll verführerisch wie in "Rossini" Ende der neunziger Jahre.

Er erobert sie, die beiden verlieben sich, sie ziehen zusammen. Ernst verändert sich, ist nicht mehr so dominant wie früher, als er jedes Gespräch an sich reißen musste. Anfangs führen seine Kinder (Birgit Minichmayr und Philip Hochmair) dies auf den positiven Einfluss der neuen Frau an seiner Seite zurück. Doch dann räumt Ernst seine Brille in den Kühlschrank. Merke: Demenz ist im Film immer, wenn jemand seine Brille in den Kühlschrank räumt.

"Die Auslöschung" ist ein trauriger Film, weil man Demenz eben nicht heilen kann. Weil wir zuschauen, wie ein Mensch immer weniger wird, bis der einst hochdekorierte Professor im Rollstuhl vor einem Mobilé sitzt. Wir bangen mit Judith und sehen, wie das Verführungs-Rot ihres Kleides zu glücklichem Gelb wird, bevor es zu vernünftigem Rosé verblasst und schließlich durch praktische schwarze Hosenanzüge ersetzt wird.

Der Film erzählt aber auch, dass Liebe eine solche Belastung aushalten kann. Agnes Pluch (Buch) und Nikolaus Leytner (Buch und Regie) haben ein sensibles und genau recherchiertes Bild gezeichnet über den Verlauf jener vielleicht absurdesten Krankheit im Zeitalter des totalen Gedächtnisses Internet. Jeder, der diese tückische Krankheit einmal als Angehöriger erlebt hat, weiß, wie die Betroffenen anfangs die Symptome zu überspielen versuchen, mit Witzen, Anekdoten und Sprichwörtern, die zuerst noch als Kommentare funktionieren, mit der Zeit aber nur noch multipel einsetzbare Joker in einem Spiel werden, dessen Regeln der Kranke vergessen hat.

Im Zeitraffer führt der Film durch die Krankheit, die mit Schusseligkeiten beginnt und mit dem "gnädigen Punkt" nicht endet, jenem Moment, in dem man vergisst, dass man vergisst. Der Film verzichtet auf die großen Katastrophen und konzentriert sich auf Alltägliches wie die abgeschraubten Herdknöpfe, "weil zu oft was passiert ist".

Martina Gedeck führt die Judith von jungmädchenhafter Verliebtheit bis zur verantwortungsschweren Vertrautheit, ohne je zu überzeichnen. Brandauer, der mit seinem Über-Spiel schon manches Mal die Grenze zur Schmierenkomödie gefährlich gestreift hat, scheint hier im Laufe des Films mit der Rolle zu verblassen. Was er mit seinem Gesicht macht, ist unglaublich. Anfangs glänzend vor Feistheit, bekommen die Züge mit der Zeit etwas Mildes, Liebes, hinter dem auch der zuvor nach vorne gespielte Burgschauspieler zurücktritt. Am Schluss sieht man einen verwirrten Greis mit versteinerter Mimik - ein Bild, das im Gedächtnis bleibt.

Der Film verzichtet auf die großen Katastrophen und konzentriert sich auf Alltägliches wie die abgeschraubten Herdknöpfe, "weil zu oft was passiert ist"

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