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  • 29.01.2011

"Nicht austreten, sondern auftreten"

BEKENNTNIS Klaus Mertes, Rektor des katholischen Canisius-Kollegs, hat vor einem Jahr die Missbrauchsfälle an seinen Schülern öffentlich gemacht. Die letzten Monate waren für den Jesuitenpater eine neue Erfahrung mit seiner Kirche

INTERVIEW PHILIPP GESSLER

taz: Pater Mertes, Sie haben vor einem Jahr - nach dem Öffentlichwerden der Missbrauchsfälle an Ihrer Schule, dem Canisius-Kolleg in Berlin - sehr früh gesagt: Das ist für die Kirche nur die Spitze des Eisbergs. Dafür haben manche Kirchenobere Sie fast gehasst, oder?

Klaus Mertes: Das mag so sein. Ich habe mir das nicht angehört.

Sie haben doch sicher Druck von oben gekriegt, die Aufklärerei zu beenden.

Ich plädiere sehr dafür, Kirche nicht immer zu identifizieren mit den Kirchenoberen. Ich habe aus der ganzen Kirche Druck bekommen, auch von unten.

Ja, aber die Kirchenoberen haben Ihnen doch schließlich etwas zu sagen.

Die für mich zuständigen Oberen, nämlich der Pater Provinzial in München und die Ordensleitung in Rom, haben keinen Druck auf mich ausgeübt.

Und wie sieht dann der andere Druck aus: Ruft ein Kardinal bei Ihnen an? Kriegen Sie einen Brief?

Sie hören den Druck natürlich erst einmal über das Schweigen. Zum anderen kriegen Sie den Druck mit über offene Beschimpfung. Sie kriegen einen in Erregung geschriebenen Brief von einem Kirchenoberen, in dem Sie beschimpft werden. Die unangenehmste Form ist die: Es wird mir zugetragen. Etwa so: "Ach, Sie reden morgen mit dem, das ist doch der, der uns das alles eingebrockt hat." Aber ich habe mich nicht allzu sehr damit befasst, sondern mich mehr über die gefreut, die mich unterstützt haben.

Und welcher Kirchenobere hat Sie in einem Brief angegriffen?

Das werde ich Ihnen nicht sagen.

Hat Sie dieses schwere Jahr von der Kirche entfernt?

Nein.

Warum nicht? Wenn man so viel Schreckliches aus der eigenen Kirche erfährt, auch mehr, als man am Anfang erahnt hat, dann ist das doch bitter.

Wenn man seine Zugehörigkeit zu Gruppen an der moralischen Qualität ihrer Mitglieder festmacht, muss man dauernd die Gruppen ändern, zu denen man gehört.

Die Kirche hat einen besonders hohen moralischen Standard.

Für mich war die Kirche niemals eine Institution, die sich auszeichnet durch eine besondere Moralität - das war schon ein Missverständnis der Aufklärung. Meine Identifikation mit der Kirche hängt nicht an der Moralität ihrer Mitglieder, sondern an meiner religiösen Überzeugung.

Die Kirche ist nach Aussage des Konzils ein Sakrament, also Zeichen und Werkzeug des Heils.

Das ist richtig.

Das heißt, sie muss hohen moralischen Standards genügen.

Ja, aber zugleich hat die Kirche eine Antwort darauf, wie Gott mit den Menschen umgeht, die diesen hohen moralischen Standards nicht genügen. Es gibt auch eine Botschaft von Verzeihung und Vergebung. Es geht ja nicht nur um Moral.

Um was noch?

Meine Emphase und die tiefe Überzeugung, dass die Aufklärung und die Wahrheit ein Auftrag ist, geradezu ein religiöser Auftrag, verdanke ich eben dem Evangelium. Ich würde mir niemals absprechen lassen, wegen dieser Dinge nicht mehr zur Kirche zu gehören.

Gab es bei Ihnen keinen Prozess der Entfremdung?

Okay, unter den genannten Voraussetzungen sage ich schon, dass diese Erfahrungen im Missbrauchsskandal eine tiefe Anfechtung sind. Sie haben mir unglaublich wehgetan. Ich habe mit Erschrecken festgestellt, dass diese Beschimpfungen, die aus dem Inneren der Kirche an mich herangekommen sind, mich innerlich angreifen und nicht abperlen.

Was heißt das konkret?

Also die Frage: Bin ich nicht tatsächlich ein Netzbeschmutzer? Oder bin ich nicht doch jemand, der - das ist auch so ein Vorwurf - den Missbrauch dazu benutzt, um seine kirchenpolitische Agenda raufzusetzen? Es gibt für mich auch eine tiefe Entfremdung und Enttäuschung, wenn die Kirche anfängt, wie es manche getan haben, das Problem für sich dadurch zu lösen, dass sie auf andere mit dem Finger zeigt. Dass sie also das Thema nicht annimmt in seiner Größe und Tiefe. Es verändert insofern mein Verhältnis zu Kirche, weil ich mich nicht mehr so geborgen fühle in ihr, weil sie nicht mehr so einfach meine Heimat ist.

Sie sehen sie nun nüchterner?

Ich sehe sie viel nüchterner. Es ist viel Enttäuschung über die Kirche drin. Aber das wird kein Grund sein, mich von der Kirche zu distanzieren. Ich hatte nie ein idealisiertes Bild von der Kirche. Ich halte es dann mit dem Satz: Nicht austreten, sondern auftreten.

Hat der Orden Ihnen Halt gegeben in der Zeit der Angriffe?

Ja, Ordensmitbrüder und gute Freunde. Die nicht immer alles besser wissen.

Das sind also die besseren Freunde: die, die nicht immer alles besser wissen?

Ja, es gibt auch die Freunde, die schon immer alles besser wussten: Man hätte dies tun oder jenes unterlassen sollen - und so. Ich habe mich auch, ganz westeuropäisch, an die Vernunft geklammert. Die hat mir ein paar klare Botschaften gegeben. Und für mich ist natürlich auch ganz wichtig das Vorbild Jesu.

Der wurde auch verlassen von seinen Leuten.

Ja, dieser Satz von ihm: Die Wahrheit befreit. Oder: von den eigenen Leuten verlassen zu werden, aber darauf nicht zu reagieren mit einer inneren Resignation oder einem Bruch. Sich die Zugehörigkeit nicht absprechen lassen.

Jetzt könnten Ihnen einige vorwerfen, Sie gerierten sich als ein kleiner Jesus.

Aber jetzt sagen Sie mir: Mit welchem Vorbild soll sich denn sonst ein Christ oder ein Jesuit identifizieren?

Sie haben erzählt, dass in Ihrer Kommunität von zehn Leuten, in der Sie leben, aus Schock über die Enthüllungen geweint wurde. Sind Ihnen auch die Tränen gekommen?

Ja.

Auf dem Ökumenischen Kirchentag im Frühling vergangenen Jahres wurden Sie fast bejubelt, während der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, der Trierer Bischof Ackermann, ausgepfiffen wurde. Glauben Sie, das war nötig, dass ein Bischof auch einmal so deutlich den Unmut der Basis hört?

Ich halte es für ganz wichtig, dass die Bischöfe ihre Ohren öffnen und dem Unmut aus der Basis zuhören. Das ist ja eine der Konsequenzen aus dem Versagen der Verantwortlichen bei den Missbräuchen: Sie haben, als die Opfer versucht haben zu reden, nicht gehört. Und die erste und wichtigste Aufgabe von Verantwortlichen in Institutionen ist Zuhörenkönnen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Kirche das gelernt hat, zuzuhören?

Ich bin nicht der Oberzensor, der das jetzt beurteilen kann.

Aber Sie haben doch einen Eindruck.

Ja, der ist gespalten. Es gibt einige Opfer, denen wirklich zugehört worden ist. Ich nenne Beispiele. Da ist der Satz von Papst Benedikt, das Problem komme nicht von außen, sondern von innen. Das ist ein Satz, der aus dem Zuhören kommt. Der Satz vom österreichischen Kardinal Schönborn, dass die Kirche ganz grundsätzlich neu über sich selber nachdenken muss, ist ebenfalls aus dem Zuhören gekommen.

Kennen Sie Beispiele, wer nicht zugehört hat?

Ja, die gibt es, aber die will ich nicht konkret machen. Es gibt ein klares Verweigern des Zuhörens. Eine riesige Mauer, die nichts hören will von dem, was wehtun könnte, wenn man es anhört.

Also Teile der Kirche - würden Sie sagen: die Mehrheit? - sind immer noch nicht bereit, zuzuhören?

Sie sind immer bei der Hierarchie, wenn Sie bei der Kirche sind.

Ja, denn die Hierarchie spielt in der Kirche eine sehr große Rolle.

Richtig. Aber es ist wichtig, dass man das nicht zu sehr internalisiert. Das Priestertum in der Kirche ist dazu da, die Gläubigen an ihr allgemeines Priestertum zu erinnern. Es gibt eine Vollmacht der Basis, und die sollte sie sich nicht durch eine Fixierung auf die Hierarchie selbst rauben.

Aber immer noch muss ein großer Teil der Hierarchie zum Jagen getragen werden.

Ich vermute, ja.

Woran liegt das?

Daran, dass das, was der Missbrauch offenlegt, so wehtut, dass es nicht angehört werden kann, ohne sein Selbstbild zu verändern. Dieser Prozess tut weh.

Hat sich die Kirche durch das Öffentlichwerden der Missbrauchsfälle verändert?

Ich glaube, dass sie sich in diesem Jahr erheblich bewegt hat, aber das ist noch lange nicht genug.

Muss man in der Kirche sein, damit sich etwas verändert, damit Kritik ankommt?

Ich glaube, dass Kritik aus dem Inneren der Kirche stärker ist als Kritik von außen. Die Kritik von außen ist wichtig, und die Kirche und die Hierarchie müssen auch lernen, auf die Stimmen von außen zu hören. Ich glaube aber, dass der Prozess von innen her letztlich der kraftvollere ist für die Veränderung. Es gibt Black Boxes, da muss der Druck von außen kommen. Aber ohne ein Durchbrechen des Schweigens von innen her gibt es keine wirkliche Bewegung.

Viele Kirchenkritiker sind kaum mehr wirksam, weil sie aus der Kirche ausgetreten sind wie Eugen Drewermann oder Gotthold Hasenhüttl.

Es ist ja ein Albtraumvorstellung von mir, dass ich irgendwann auch in irgendwelchen Talkshows sitze, und dann steht da: "Klaus Mertes, Kirchenkritiker". Die Kritik, die ich leiste, leiste ich nicht aus Distanz zur Institution, sondern weil ich letztlich mit ihr identifiziert bin. Kritik als Ausdruck von Identifikation, nicht von Distanz. Das ist mir wichtig. Das Evangelium gehört in die Basis der Kirche. Es ist vom Evangelium her eine kritische Distanz für die gelebte Praxis in der Kirche da.

Was kann man denn machen, damit die Kirche wieder demütiger wird und offenere Ohren bekommt?

Aufklärung spaltet eine Institution, und das führt zu einem unheimlich schmerzhaften Prozess, der dann die Institution als Ganzes ergreifen muss. Das braucht Zeit. Dieser Prozess wird auch im nächsten Jahr nicht abgeschlossen sein. Es ist ein langer Prozess, und das muss so sein, damit auch wirklich eine Veränderung kommt. Zwei, drei Erklärungen, drei, vier Papierchen, das reicht nicht.

Was hat Ihnen denn am meisten wehgetan bei den Leuten, die sich da offenbar wieder in die Wagenburg zurückgezogen haben? Dieses Wort von einem der Topleute im Vatikan, Kardinal Angelo Sodano, die Debatte über den Missbrauch sei nur "Geschwätz"?

Also, das hat mich unglaublich beschämt, dieses Wort von Sodano. Ich finde es einfach unglaublich. Da ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich das Gefühl hatte, das ich bisher als Katholik und strammer Antikommunist nie hatte, nämlich: Ist das nicht etwas ganz Ähnliches, was wir bei der 40-Jahres-Feier der DDR erlebt haben, diese Inszenierung da in Ostberlin?

Danach ist ja bekanntlich die Mauer gefallen.

Genau.

Halten Sie überhaupt die Kirche für reformierbar?

Ja.

Inwieweit darf sie das überhaupt sein?

Sie darf es natürlich, selbstverständlich.

Aber wie weit?

Das muss man jetzt sehen. Auch das ist ein Prozess. Ich habe jedenfalls noch nie einen Pessimisten gesehen, der etwas verändert hat.

Kann man sie noch reformieren ohne eine Reform der Strukturen?

Nein. Ich glaube, dass auch Strukturreformen kommen müssen. Wenn ich es von der Perspektive der Opfer her sehe - und das ist ja die neue Perspektive -, sind es zwei große Themen, bei denen Reformen notwendig sind: Welches Bild haben sie von uns aufgrund der Erfahrung, die sie mit uns als Kirche gemacht haben? Das eine ist das Thema Macht und das andere ist das Thema Sexualität.

Das heißt konkret?

Ich glaube, dass es dringend notwendig ist, die Stimme der Nichtkleriker in der Kirche zu stärken und den Zentralismus abzubauen, etwa bei der Ernennung von Bischöfen. In den vergangenen dreißig Jahren ist da viel kaputt gemacht worden durch die Verfahren - oder besser: Nichtbeachtung von Verfahren -, mit denen zurzeit zentralisiert Bischöfe ernannt werden.

Wie viel Demokratie verträgt denn die Kirche?

Ach, ich glaube, eine ganze Menge. Wollen mal sehen, wie weit das geht. Ich sage ja nicht, dass die grundlegenden religiösen Wahrheiten, die die Kirche "verwaltet" in Anführungsstrichen, demokratisch abgestimmt werden können. Es gibt auch Grenzen des Demokratisierbaren in der Kirche. Aber da ist einiges möglich. Absolute Macht kann eben letztlich keine Dienstfunktion übernehmen.

Glauben Sie, dass die Offenlegung des Missbrauchsskandals der entscheidende Schlag war für eine Entwicklung, die zum Ende der Volkskirche führen wird?

Die Volkskirche ist ja schon am Ende hier in Deutschland. Oder was meinen Sie?

Es gibt in Deutschland noch 50 Millionen Christen, davon 25 Millionen Katholiken.

Der Missbrauchsskandal birgt die Chance zu einer Erneuerung der Kirche, die sie dem Volk wieder näherbringt.

Auch wenn sich das nicht in den Zahlen ausdrückt?

Das muss sich nicht in Zahlen ausdrücken. Es gibt ja schon eine tiefe Entfremdung zwischen der offiziellen Kirche und der Öffentlichkeit, also normalen Leuten. Entweder weil die Dinge nicht mehr verständlich sind oder wegen des Doppellebens innerhalb der Kirche. Das kirchliche Lehramt predigt die einen Sachen - und gelebt wird etwas ganz anderes. Das ist auf Dauer ein Zustand, der zum inneren Zerbrechen der Kirche führt.

Auch in Sachen Sexualität?

Selbstverständlich. Das ist ein wichtiger Punkt. Auch in Sachen Familienplanung. Da sind Anspruch und Praxis dauerhaft so weit auseinander, das kann über eine oder zwei Generationen zwar äußerlich noch so weitergehen, aber dann bricht das auseinander. Insofern ist die Voraussetzung, dass die Kirche wieder eine Nähe zum Volk bekommt, letztlich die Annahme der Aufklärungssituation und des Lernens.

Philipp Gessler, Jahrgang 1967, ist taz-Reporter, römisch-katholisch und lebt in Berlin



Klaus Mertes

 Der Mensch: Klaus Mertes wurde 1954 in Bonn-Bad Godesberg in eine Diplomatenfamilie hineingeboren. Er wuchs in Marseille, Paris und Moskau auf. In Bonn war Mertes auf dem Aloisiuskolleg, einer Jesuitenschule. Nach dem Abitur spielte Mertes im Stabsmusikkorps der Bundeswehr Geige und Bratsche. Es folgte ein Jahr als Orchestermusiker in Südafrika. Danach begann Mertes ein Studium der Slawistik und Klassischen Philologie in Bonn. Anschließend studierte er Philosophie in München und Theologie in Frankfurt.

 Der Lehrer: Mit 23 Jahren trat Mertes dem Jesuitenorden bei. Von 1990 bis 1993 war er Latein- und Religionslehrer in Hamburg. Seit 1993 arbeitet er im Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin, zunächst als Lehrer, seit Oktober 2000 als Rektor.

 Die Zukunft: Ab September 2011 wird er Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien im Schwarzwald - freiwillig, wie er betont. Seit 2007 ist Mertes Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.



Chronologie des Skandals

  28. Januar 2010: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt. In Wochen darauf kommen in ganz Deutschland Missbrauchsfälle durch katholische Laien, Priester und Ordensleute ans Licht.

  22. Februar: FDP-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger wirft der Kirche mangelnde Kooperation mit den Behörden vor.

  25. Februar: Triers Bischof Ackermann übernimmt das neue Amt eines Beauftragten für Missbrauchsfälle. Eine Telefon-Hotline für die Opfer wird geschaltet.

  2. April: Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, räumt Fehler der Kirche ein. In den folgenden Wochen werden mehrere Priester beurlaubt oder in den Ruhestand versetzt.

  8. Mai: Nach Misshandlungsvorwürfen früherer Heimkinder nimmt Papst Benedikt das Rücktrittsgesuch von Bischof Mixa an.

  16. Juni: Bei einer Messe auf dem Petersplatz in Rom bittet der Papst die Opfer um Vergebung.

  15. Juli: Der Vatikan verschärft seine Regeln gegen Pädophilie.

  23. August: Die Bischöfe verständigen sich auf neue Leitlinien gegen Missbrauch durch Geistliche. Bei Verdacht wird nun die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

  26. Januar 2011: Der Jesuitenorden bietet jedem Opfer eine "Anerkennungszahlung" von 5.000 Euro an.

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