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  • 04.08.2012

"Golda, keiner von ihnen lebt"

TERROR Vor vierzig Jahren beauftragte die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir Mossad-Chef Zvi Samir, nach München zu fliegen: Israelische Sportler waren während der Olympischen Spiele entführt worden. Ein Gespräch über Leben und Tod

INTERVIEW SUSANNE KNAUL

sonntaz: Herr Samir, welche Sicherheitsvorkehrungen hat der Mossad unternommen, bevor die israelische Olympia-Delegation zu den Olympischen Spielen 1972 nach München reiste?

Zvi Samir: Spätestens nach der Entführung der El-Al-Maschine nach Algier …

im Jahr 1968 durch die Terrororganisation "Volksfront zur Befreiung Palästinas" …

… war uns klar, dass es Widerstandsgruppen gab, die versuchen würden, israelische Einrichtungen in Europa anzugreifen. Die israelische Regierung hielt die Botschaften zu besonderer Aufmerksamkeit an. Außerdem sollten sie an die Regierungen in ihren Einsatzländern herantreten und um erhöhte Sicherheitsvorkehrungen bitten. Es hatte Überfälle auf Diplomaten gegeben. Den europäischen Verwaltungen gefiel die Idee nicht so sehr, bei diesem Krieg zwischen Israel und den Arabern mitzumachen. Sie sagten: Bringt den Konflikt nicht nach Europa. Wir werden die Botschaften natürlich bewachen, aber wir werden nicht superaktiv sein.

Und wie war die Reaktion?

Für unsere Delegationen, die ins Ausland reisten, galt, dass sie von israelischen Sicherheitsleuten begleitet wurden. Das war bei Botschaftsangehörigen so und auch bei den Sportlern, die zur Olympiade reisten. Die Beamten trugen keine Waffen bei sich. Auch das entsprach dem üblichen Vorgehen.

Wie haben Sie von der Entführung während der Spiele erfahren?

Ich war in meinem Tel Aviver Büro, als mich der Anruf erreichte, und flog sofort nach Jerusalem. Die Premierministerin Golda Meir hatte Verteidigungsminister Mosche Dajan und Vertreter des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet einberufen. Ich war der Einzige, der die Anlage des Olympiadorfs in München kannte. Sie war wie ein Bienenstock, schwierig für eine Befreiungsoperation. Und es war überhaupt nicht klar, ob die Deutschen uns zum Einsatz kommen lassen würden. Aus Deutschland kam die Nachricht, dass man dort alles versuchen würde, die Sportler zu befreien.

Was wurde während dieser Besprechung entschieden?

Die Entscheidung, ein Rettungskommando auf den Weg zu schicken, hätte vom Verteidigungsminister kommen müssen. So etwas gehörte eigentlich zum Aufgabenbereich der Armee. Dajan sagte aber: Die deutsche Armee braucht uns nicht. Sie verfügt über eine auf solche Einsätze trainierte Sondereinheit. Wenn sie den Auftrag bekommt, die Sportler zu befreien, dann wird sie das tun.

War das für Sie zu diesem Zeitpunkt eine befriedigende Entscheidung?

Das war mehr oder weniger die allgemeine Haltung in dem Zimmer. Golda Meir beendete die Sitzung, indem sie uns von ihrem Telefonat mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt berichtete, der ihr versprochen hatte, dass die Sportler auf deutschem Boden befreit werden würden.

Was haben Sie nach der Sitzung gemacht?

Ich fuhr zurück nach Tel Aviv. Der Mossad hatte mit der Sache nichts mehr zu tun.

Wie kam es dann, dass Sie schließlich doch noch nach München flogen?

Es ging hin und her. Dajan wollte zunächst nicht fliegen. Gegen Mittag rief mich dann der Militärsekretär der Regierung an und sagte: Hör zu, Dajan will doch versuchen, mit den Terroristen zu verhandeln. Jetzt sagt El Al, dass die deutschen Flugbehörden keine Landeerlaubnis für München geben, weil heute nicht der übliche Flugtag von El Al ist. Kannst du was machen?

Sie sagen, dass die deutschen Behörden Dajan nicht in München landen lassen wollten, weil es nicht der reguläre Anflugtag für die El Al war?

Genau. Ganz Deutschland steht Kopf, und die sagen, wir können nicht landen. Ich habe sofort einen Kollegen in Deutschland angerufen und ihn gefragt, ob er sich so etwas vorstellen kann. Ob das realistisch sei. Er sagte: Flieg los. Die El Al kann landen. Als ich das Dajan ausrichtete, sagte er: Hör mal, wenn du so gute Kontakte hast, dann kommst du am besten mit.

Was hatten Sie vor?

Um ehrlich zu sein, wusste ich es selbst nicht genau. Als wir zum Flughafen kamen, wimmelte es dort nur so von Journalisten. Dajan drehte ab. Er hatte Angst, dass es die Sportler gefährden könnte, wenn sich herumsprach, dass er nach München flog. Ich schlug ihm vor, vom Militärflughafen zu fliegen, aber das hätte den Abflug um zwei Stunden verzögert. Er bat mich, allein zu fliegen. Ich wusste, dass ich in Deutschland wenig ausrichten konnte. Der Mossad war dort nicht vertreten, und aus politischer Sicht hatte ich keinen Vorteil vor dem Botschafter. Es gab für mich keinen Grund zu fahren. Golda Meir hörte meine Einwände an und sagte dann: Ich weiß, aber ich möchte, dass du hinfährst, damit wir einen Zeugen haben, wie die Deutschen die Sportler befreien. Ich stimmte zu und flog zusammen mit Viktor, einem von Dajans Sicherheitsleuten, der gut Arabisch sprach. Er war erst einige Wochen vorher bei der Befreiung der Sabena dabei gewesen, einer Flugzeugentführung im Mai 1972.

Welches Bild bot sich Ihnen, als Sie ankamen?

Wir landeten erst, als es schon dunkel war. Der Botschafter, Asher Ben-Nathan, brachte mich in seinem Dienstwagen zum Olympiastadion. Wir standen am Tor und wurden nicht reingelassen. Ben-Nathan machte einen Skandal, er rief bei dem damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher an, der veranlasste, uns doch reinzulassen.

Haben Sie die Entführer sehen können?

Als ich auf das Gelände kam, sah ich, wie zwei Sicherheitsbeamte mit den Entführern verhandelten. Brandt und Genscher waren dort. Ich fragte sie, was da vor sich ginge, und dann sagte Genscher: Diese Sache ist Angelegenheit des Landes Bayern. So hält es die Verfassung fest. Ich sollte mit den Bayern reden.

Was haben Sie gedacht, als Sie sahen, dass kein Sonderkommando im Einsatz war?

Das war der erste Schock. Mir wurde jetzt klar, dass weder die Armee noch der Grenzschutz beauftragt worden waren. Der Plan war, die Sportler zum Militärflughafen zu fliegen. Dort sollte die Befreiung stattfinden. Dort seien seit dem Mittag Vorbereitungen getroffen worden.

Haben Sie die Sportler sehen können?

Wir sahen - es fällt mir schwer, darüber zu reden -, wie die Sportler einer an den anderen an Händen und Füßen gefesselt abgeführt wurden. Zigtausende Leute haben zugesehen, wie sie der ganzen Welt präsentiert wurden. Die Entführer waren bewaffnet und gingen mit ihnen zu den Hubschraubern. Genscher stand genau neben mir. Es war Totenstille. Es war nicht nur für mich erschlagend, sondern für alle, die es gesehen haben. Dann sind wir zum Hubschrauber gegangen. Dort wollte man uns zunächst nicht mitfliegen lassen. Es war wieder die gleiche Szene, bis Genscher und Brandt sich für uns einsetzten und wir doch mitfliegen durften.

Was passierte dann auf dem Militärflughafen?

Wir landeten neben dem Hauptgebäude des Flughafens. Es hatte ein Flachdach und drei Stockwerke. Das Gelände war von Scheinwerfern beleuchtet. Ich stand neben Brandt, Genscher und Viktor und beobachte durch das Fenster, wie die Entführer landeten. Sie kamen erst kurz nach uns an, weil man mit ihnen einen kleinen Umweg geflogen war. Die Sportler stiegen aus. Sie waren vielleicht fünfzig Meter vom Haus entfernt. Sie standen zwischen den Hubschraubern und dem Haus. So war es wohl abgesprochen. Dann sahen wir den Kommandanten der Terroristen mit noch einem oder zwei Männern in Begleitung von Leuten der Lufthansa, die sie in ein arabisches Land fliegen sollten. In dem Flugzeug sollten anstelle der Piloten Polizisten sitzen. Die hatten die Aufgabe, die Terroristen entweder zu töten oder zu verhaften. Wir warteten, vielleicht fünf oder zehn Minuten. Durch das Fenster sahen wir das Flugzeug und die Terroristen. Wir warteten auf die Schüsse. Nach kurzer Zeit stiegen sie wieder aus, um das Flugzeug zu überprüfen.

War das der Moment, der für die Befreiungsaktion geplant war?

Keiner hat sie verhaftet. Keiner hat geschossen. An der Stelle gab es keine Scheinwerfer. Das war unfassbar. Warum hatten sie für die Scharfschützen keine Scheinwerfer aufgebaut, damit sie sehen können, wohin sie schießen!? Man konnte nichts sehen! Es war nichts vorbereitet. Wir saßen dort und durften uns nicht einmischen. Das war mir so fremd. Ich verstehe die deutsche Verfassung. Aber hier reden wir über Menschenleben. Ist das nicht wichtiger? Im Judentum überschreitest du die heiligsten Gesetze, wenn es darum geht, Menschen zu retten.Hier ging es doch nur um die Verfassung!

Haben Sie versucht, etwas zu unternehmen?

Ich konnte kein Deutsch, und Viktor sprach nur Arabisch. Als sie anfingen zu schießen, sagte ich: Lasst sie uns holen. Sie leben noch, sie bluten. Wie zu einer Wand. Ich schlug vor, auf das Dach zu gehen und mit den Entführern zu reden. Ich ging hoch, rechts von mir lag ein Scharfschütze. Ich sah mir sein Gewehr an. Ich war über viele Jahre Soldat, und ich weiß, wie das Gewehr eines Scharfschützen aussieht. Mit dem Gewehr, das dieser Polizist in der Hand hielt, hätte er von seinem Winkel aus nicht treffen können. Er war kein Scharfschütze.

Wann wurde Ihnen klar, dass die Sportler tot waren?

Ich ging zum Hubschrauber und sah, dass keiner überlebt hatte. Der Hubschrauber war von innen ausgebrannt. Später telefonierte ich mit Golda Meir. In Israel hatte sich wegen der Schüsse das Gerücht verbreitet, dass die Sportler auf freiem Fuß sind. Sie sagte: Nu, Zwi, wie war es? Ich sagte: Was meinst du - wie war es?' - Sie sind befreit worden. Ich sagte: Golda, sie sind nicht befreit worden … Keiner von ihnen lebt.

Nach dem Mord an den elf Sportlern entschied man in Israel über eine Serie von Exekutionen der Beteiligten. Erzählen Sie mir, wie das damals war.

Nein.

Auch nicht, wie Sie den Auftrag erhalten haben?

Ich will Ihnen etwas sagen. Golda Meir war nicht glücklich darüber, dass wir zu Dingen gezwungen wurden, die Kulturstaaten nicht tun. Ihr gefiel das überhaupt nicht. Ich habe sie nicht mehr einbezogen. Mir war klar, dass sich die Terroristen frei in Europa bewegen und dass keine Regierung etwas dagegen unternimmt. Die europäischen Behörden wollten bei diesem Krieg zwischen Israel und den Arabern nicht mitmachen. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Sobald ich Informationen über geplante Terrorattentate in Europa hätte, würde ich mit allen Mitteln dagegen vorgehen.

Auch in Form von gezielten Exekutionen?

Mit allen Mitteln. Das fängt an mit der Benachrichtigung der Regierungen und geht weiter mit Sicherheitsvorkehrungen und der Abwehr möglicher Angreifer. Die Regierung Israels wusste, dass das die Aufgabe des Mossads war und er das übernehmen würde. Die Pflicht der Abwehr war unsere. Solange wir Terror verhindern konnten, würden wir das tun. Wenn einer der Beteiligen anschließend wieder Attentate plante und daran mitwirkte, ist er vielleicht auf die ein oder andere Weise verletzt worden. Unsere Strategie war es zu beweisen, dass wir das tun können. Unser Ziel war, künftige Terroranschläge zu verhindern.

Dann kam die Entscheidung über die Vergeltung für das Attentat bei der Olympiade von Ihnen?

Sie werden nicht mehr verstehen, denn ich sage nicht mehr dazu.

Gab es die Methode der Exekution von Terroristen schon vor München?

Wenn ich mich recht erinnere, ist das in arabischen Ländern schon vor München praktiziert worden. In Europa gab es bis München keine Exekutionen. Dort fanden Nachforschungen statt, Beobachtungen. Man muss darauf genau antworten. Die Dinge hatten sich verändert. Mit der Gründung des "Schwarzen Septembers" wurde es viel gefährlicher.

"Schwarzer September", so bezeichnete sich die palästinensische Terrorgruppe, die die Geiselnahme von München verantwortete …

München war die erste Aktion des "Schwarzen Septembers". Es ging jetzt nicht länger darum, ein Fenster bei den Büros der Fluggesellschaft El Al kaputt zu machen oder auf einen Botschafter zu schießen, der in London über die Straße geht. Diese Geschichte war viel besser vorbereitet. Es gab eine Bedrohung, die weiterreichte und die auch die westliche Zivilisation nicht länger verschonte.

Hat sich die Methode der Exekution von Terroristen bewiesen?

Unsere Operation "Frühling der Jugend" - ein Angriff auf die PLO-Zentrale in Beirut im April 1973 - hat die Führung getroffen. Das Problem ist, dass, selbst wenn man die oberste Führungsschicht abträgt, gleich die nächste kommt, die vielleicht noch radikaler ist. Trotzdem gibt es keinen anderen Weg. Der Vorteil ist, dass man Zeit gewinnt. Solange sie damit beschäftigt sind, auf sich selbst aufzupassen, gibt es weniger Attentate und weniger Opfer. Sie hatten Angst, mussten abtauchen und sich verteilen.

Glauben Sie, dass Israel Vorsichtsmaßnahmen versäumt hat, mit denen der Mord an den Sportlern hätte verhindert werden können?

Es gab eine Untersuchungskommission, die den Schin Bet mit für die Entwicklungen verantwortlich hielt. Aber was hätte man von Israel aus tun können, außer mit den deutschen Sicherheitsleuten zu reden? Deutschland wollte sich mit der Olympiade den Weg zurück zu den Nationen der Welt ebnen. Deshalb trugen die Sicherheitsleute keine Schusswaffen. Sie hatten Stöcke. So wie im alten Griechenland die Waffen niedergelegt und die Kriege beendet wurden, so hatte auch Deutschland mit den Kriegen abgeschlossen. Es ging nicht, dort Leute mit Waffen herumlaufen zu lassen. Ich verstehe das. Aber auf wessen Kosten - auf Kosten der Leben dieser Sportler.

In einem Interview sagten Sie damals: "Was mich betrifft, hat sich Deutschland nicht verändert." Wie ist Ihre Meinung heute?

Wenn es um Deutschland geht, dann sage ich ganz offen, so habe ich es damals empfunden und später auch in einem Bericht formuliert, nachdem ich zurückgereist war nach Israel: Wir wurden im Stich gelassen bei der Rettung von Menschenleben. Sehen Sie, meine Tochter ist Schriftstellerin, und sie steht der deutschen Literatur sehr nah. Sie sagt, dass es ein anderes Deutschland gibt. Ich bin mir durchaus bewusst, dass sich das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland verändert hat. Was ich damals gesagt habe, trifft heute nicht mehr zu.

Welche Konsequenzen haben Sie aus dem Olympia-Attentat gezogen?

Nach München stand für uns fest, dass niemand die Juden und Israel beschützen würde, außer wir Juden selbst. Es mag Sympathie geben, Kooperation, Hilfe und Sicherheitsvorkehrungen, aber um wirklich Schutz zu bieten, muss man im Zweifelsfalls bereit sein, mit Blut zu bezahlen. Und das tut keiner. Kein Sicherheitsdienst war bereit, wirklich den Kopf für uns hinzuhalten.

Die Bundesregierung hat seinerzeit gefasste palästinensische Terroristen immer sehr schnell wieder abgeschoben. Wie ist das in Israel aufgenommen worden?

Deutschland wollte mit dem Terror nichts zu tun haben. So stellte es sich für uns damals dar. Hätte man die Terroristen nicht entlasten, wäre man früher oder später selbst in die Schusslinie geraten. Deutschland hätte riskiert, selbst zum Opfer von Attentaten zu werden, deutsche Fluglinien wären von Entführungen bedroht gewesen. Dazu war man nicht bereit. Die Deutschen schämten sich für die Katastrophe, die sich auf deutschem Boden ereignet hatte. Daran habe ich keinen Zweifel, aber das ging nicht so weit, dass man gegen den Terror gekämpft hätte.

Susanne Knaul ist Israel-Korrespondentin der taz. Sie war gerade elf Jahre alt, als die Sportler entführt wurden - und verfolgte das Geschehen mit einer Mischung aus Schock und Faszination.

"Ich war der Einzige, der die Anlage des Olympiadorfs kannte. Sie war wie ein Bienenstock"

"Keiner hat sie verhaftet. Keiner hat geschossen. An dieser Stelle gab es keine Scheinwerfer"



München 1972

 Das Geschehen: Die palästinensische Terrororganisation "Schwarzer September" nahm während der Olympischen Sommerspiele von München elf Athleten der israelischen Mannschaft als Geiseln - zwei von ihnen wurden bereits bei der Geiselnahme ermordet. Bei einem gescheiterten Befreiungsversuch durch deutsche Behörden auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck starben alle verbleibenden neun Geiseln.

 Die Konsequenz: Bei nachfolgenden israelischen Vergeltungsaktionen in den Jahren nach 1972 wurden mehrere direkt und indirekt an dem Anschlag Beteiligte sowie mindestens zwei Unschuldige getötet.

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