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  • 19.11.2007

Dub ohne Reggae

Wilde schöne Musik von Sebastian Claren nach dem literarischen Vorbild des Schriftstellers Daniil Charms oder des Regisseurs Sergej Eisenstein: komplex, dissonant und frei - ein Dub für Orchester

VON BJÖRN GOTTSTEIN

"Jah Rastafar I!", frohlockt ein Hörer nach der Uraufführung. Der Komponist lacht: "Haile Selassie, King of Kings, Lord of Lords!" Keine ganz gewöhnliche Szene für ein Neue-Musik-Konzert. Aber das ist auch kein ganz gewöhnliches Stück gewesen, dieser "Dub für Orchester". Sebastian Claren heißt der Komponist, der King Tubby ein tönendes Denkmal gesetzt hat. An Dub-Reggae erinnerten die warmen Bässe, die Auslassungen im Klangfluss, die auskomponierten Halleffekte.

Aber eine Hommage ist kein Abziehbild. Für Claren ist "Dub" in erster Linie ein Verfahren der Verwandlung. Der Vordergrund, der Gesang also, wird ausgespart. Der Hintergrund, der Riddim, wird in seine Einzelteile zerlegt, mikroskopiert, exponiert.

Claren wendet dieses Verfahren nun aber nicht auf einen Dancehall-Hit an, sondern auf ein kurzes Dramolett des russischen Surrealisten Daniil Charms. Die Worte ("Hauen wir uns einen rein!") werden ausradiert, die rhythmisch-strukturellen Merkmale des Texts hingegen akribisch in musikalische Parameter verwandelt. Ein zäher Klangstrom zieht in den Tempi und Metren der menschlichen Sprache am Hörer vorüber. Mit der Sensimilia-beseelten Klangwelt des jamaikanischen Vorbilds hat die schwere, träge Orchestermasse, die Claren da aufs philharmonische Parkett hievt, eher wenig zu tun.

Warum also schreibt man einen "Dub für Orchester", wenn es dann nicht nach Reggae klingt? Claren, 1965 in Mannheim geboren und seit 1984 in Berlin lebend, ist an den Referenzen der eigenen Sozialisation interessiert: an Dub eben und an surrealistischen Texten, an den Romanen von Rainald Goetz und den Filmen von Sergej Eisenstein. Gleichzeitig aber kann, wer fürs Orchester komponiert, nicht auch freakiger Rockstar sein wollen. Deshalb eben klingt es nicht nach Reggae, nicht nach Punk, Wave oder der Filmmusik der Zwanzigerjahre. Sebastian Claren schreibt neue Musik: komplex, dissonant, frei.

Es ist auf Clarens jetzt erschienenen Porträt-CD auch nicht deshalb "Potemkin I: Baby Baby" das schönste Stück, weil es auf Eisensteins legendären Film zurückgeht, sondern weil sich das Akkordeon mit den drei Streichern aufs Wundersamste vermählt. Weil Claren Gesten komponiert, verzahnt, ineinanderblendet und -schneidet, mit denen sich die Instrumente gegenseitig umschlingen und durchdringen. Natürlich lebt das Stück davon, dass Claren die Taktmaße den Filmsequenzen nachempfunden hat, dass er Kameraeinstellungen in musikalische Nahaufnahmen und Halbtotalen verwandelt hat. Für den Klangeindruck aber spielt es eine nur untergeordnete Rolle.

Neben der Aneignung ästhetischer Strategien aus Kunst, Literatur und Film ist es vor allem die Allmählichkeit schleichender Prozesse, die Clarens Werke auszeichnet und der sie ihre Statur und ihre Form verdanken. "Organisierte Verwirrung" hat Claren sein Kompositionsverfahren einmal genannt.

Bevor er sich einem Gegenstand widmet, sind die Dinge noch in Ordnung. Hinterher ist zwar nichts mehr an seinem Platz, aber das Durcheinander hat wenigstens System. Ein gutes Beispiel ist das Ensemblestück "Fehlstart (Detail)".

In einem Gemälde von Jasper Johns liest man das Wort "orange" in weißer Farbe auf rotem Grund. Wie, fragt Claren, erzeugt man diese Form der Irritation in der Musik? Zunächst geht in seinem Stück alles noch mit rechten Dingen zu.

Eine elegant zischelnde Hihat, eine charmant stotternde Flöte, eine trübsinnig schleifende Klarinette, ein pointiertes Streicherzupfen - all das fügt sich zu einer schnurrenden Klangszene. Wenn diese Elemente am Ende des Stückes nach zahlreichen Irrwegen und Umwegen dann wieder zueinander finden, wollen sie nicht mehr recht zusammen passen. Dann holpert und ächzt, was vorher so friedlich schnurrte. Es stimmt etwas nicht, ohne dass man sagen könnte, was dieses etwas ist.

Nicht immer geht es auf dieser CD derart geradlinig auf ein Ziel hin zu. Das Klavierstück "Alkan" lebt, im Gegenteil, von seinen Unwägbarkeiten. Mit "Alkan" ist Charles Alkan gemeint, ein französischer Klaviervirtuose des 19. Jahrhunderts, der das Instrument couragiert an seine Grenzen geführt hat, von der Musikgeschichte aber hinlänglich ausgelacht worden ist. Alkan hatte vor lauter Ideen nämlich das Gesetz der musikalischen Einheit missachtet.

Claren tritt nun seinerseits den Beweis an, "dass die Vereinheitlichung der musikalischen Sprache nicht der einzige Weg ist, zu einer schlüssigen musikalischen Aussage zu kommen". Der Pianist seines Stückes zerreißt sich zwischen hypnotischen Klangspiralen, irre laufenden Tonleiterketten und langen, gespreizten Akkorden von einer eigentümlichen Melancholie. Das ist wilde, schöne Musik. Und zwar auch dann, wenn man noch nie etwas von Charles Alkan gehört hat.

Sebastian Claren: dto. (Wergo/Note1)

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