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  • 17.12.2007

Die Kinorevolution Südostasiens

Die digitale Produktionstechnik macht's möglich: Das Kino in Südostasien erfindet sich neu. Erst kam die Einmannproduktion, dann die unabhängigen Filmfestivals. Dieses "kleine Kino" erzählt Geschichten aus dem Unterbauch der Tigerstaaten

VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Geschäftig hantiert der malaysische Filmemacher Amir Muhammad an seinem Powerbook herum. Eigentlich wollte er bei der jährlichen Konferenz der südostasiatischen Filmwissenschaftler in Kuala Lumpur Ausschnitte aus seinem Dokumentarfilm "Village People Radio Show" vorführen. Aber nun streikt der Computer. "Bahnt sich hier eine comédie tragique an?", grinst er verlegen ins Publikum, während ein zur Hilfe geeilter Techniker am Rechner herumbastelt. Dann läuft der Film plötzlich, und Muhammad kann seine Präsentation zu Ende führen. Als er fertig ist, klemmt er sich den Laptop unter den Arm und fährt nach Hause, um in einer Nachtschicht allein am PC den Soundtrack seines Films zu bearbeiten. Das ist ein Jahr her. Im Februar 2007 läuft der fertige Film im Forum der Berlinale.

Noch vor weniger als zehn Jahren wäre eine Szene wie diese unmöglich gewesen. Filmproduktion - sei es auf konventionellem Film, sei es auf Video - war Teamarbeit, die in teuren Studios und Schneideräumen stattfand. Doch die Revolutionierung der Filmproduktion durch die digitale Technik erlaubt es nun jedem zu drehen, der Zugang zu einer digitalen Kamera und einem Computer für den Filmschnitt hat. Und das sind selbst in einer vergleichsweise armen Gegend wie Südostasien eine ganze Menge Leute.

In Ländern wie den Philippinen, Malaysia, Indonesien, Thailand und Singapur operieren Einmann-Produktionsteams wie Muhammad mit minimalen Budgets und produzieren trotzdem Filme, die auf Festivals in der ganzen Welt zu sehen sind. Festivals für Kurz- oder Independent-Filme schießen in vielen Großstädten der Region aus dem Boden. Auch die Medien beginnen von dem südostasiatischen "kleinen Kino" - wie der malaysische Filmkritiker Anuar Nor Arai es nennt - Notiz zu nehmen.

Das Filmfestival in Rotterdam war das Erste, das sich auf die Neue Welle aus der Region konzentrierte, und allmählich ziehen andere Filmfestivals nach: In Venedig war im September das Opus Magnum "Death in the Land of Encantados" des philippinischen Filmemachers Lav Diaz zu sehen. Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ("Mysterious Object at Noon", "Tropical Malady", zuletzt "Syndromes and a Century") war schon mehrmals in Cannes und Venedig. Sein Landsmann Pen-Ek Ratanaruang ("Last Life in the Universe", "Invisible Waves") nahm am Wettbewerb der Berlinale teil. Und schon machen sich Filmemacher wie Tan Chui Mui aus Malaysia oder Raja Martin aus den Philippinen einen Namen - und das in Ländern ohne jede Filmförderung und mit lokalen Filmindustrien, die in der Regel nicht mehr als bescheiden vor sich hin produzieren.

Diese Regisseure erzählen oft Geschichten aus dem Unterbauch der Gesellschaft. Wie etwa Beispiel "Tribu" ("Stämme"), der Debütfilm des philippinischen Filmemachers Jim Libiran. Er hat in Tondo, einem der Ghettos von Manila, einen Film mit Amateurdarstellern gedreht, in dem sie Szenen aus ihrem Alltagsleben als Bandenmitglieder und Kleinkriminelle darstellen. Der Film ist sichtbar ein Anfängerwerk, voller Anschlussfehler und mit oft unverständlichem Ton oder schlecht ausgeleuchteten Bildern. Doch die Laienschauspieler und ihre improvisierten Freestyle-Raps zeichnen ein anderes Bild von den Philippinen als die ewigen Liebesfilme, Melodramen und Komödien, mit denen die lokale Filmindustrie ihr Publikum zu unterhalten versucht.

Mit ähnlichen Filmen haben in den Siebziger- und Achtzigerjahren Regisseure wie Lino Brocka und Ishmael Bernal internationale Beachtung erreicht. Doch in den letzten zwei Dekaden hat das philippinische Kino, einst die drittgrößte Filmindustrie der Welt nach Hollywood und Bollywood, sich weltweit ins Abseits manövriert. Erst der digital produzierte "Maximo Oliveros" (2005) von Auraeus Solito über einen zwölfjährigen Jungen im Ghetto und dessen unerwiderte Liebe zu einem Streifenpolizisten konnte wieder an die internationalen Festivalerfolge der philippinischen Neuen Welle der Siebzigerjahre anknüpfen. Und auch in den Philippinen selbst war der Film, nicht zuletzt wegen der unermüdlichen Öffentlichkeitsarbeit seiner Macher und wegen seines charismatischen Hauptdarstellers, ein unerwarteter Publikumserfolg.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Filme wie Raja Martins "Indio Nacional" (2005), die mehr mit dem lateinamerikanischen poetischen Realismus gemeinsam haben als mit den sozialkritischen Kino von Brocka, Bernal und Co. Martin, der diesen Debütfilm mit 22 Jahren realisierte, hat mit digitalem Video einen Schwarzweiß-Stummfilm gedreht, der stilistisch an die frühen newsreels von Edison und den Brüdern Lumière erinnert. Und sein Kollege Khavn de la Cruz dreht fast ohne Budget und fast im Monatsrhythmus neue Trash-Filme, in denen die Horrorfilmtradition des philippinischen Kinos mit internationalem Kultkino versöhnt wird. Anders als "Maximo Oliveros" und "Tribu" haben solche Filme in den Philippinen keine Chance auf einen regulären Verleih in den Kinoketten.

Aber die Filmemacher in ganz Südostasien begnügen sich längst nicht mehr damit, Filme zu machen. Sie organisieren auch die notwendige Infrastruktur, um ihre Arbeiten zu zeigen: in Schulen, Universitäten, Galerien oder in Manila sogar in einem Kino in einer Shopping Mall, bei der die Gruppe Independent Film Makers of the Philippines den Besitzer überzeugen konnten, einen Saal für regelmäßige Aufführungen lokaler Independent-Filme zur Verfügung zu stellen.

Trotzdem ist es mitunter leichter, diese Filme bei Festivals im Ausland zu sehen als in den Ländern, in denen sie produziert wurden. John Torres, dessen "Todo Todo Teros" (2006) diverse internationale Filmpreise einheimste, aber in den Philippinen nur einige wenige Male gezeigt wurde, hat darum immer ein paar DVDs mit seinem Film in der Rucksacktasche, die er unter Bekannten und Interessierten verteilen. Torres und auch Lav Diaz denken gelegentlich sogar laut darüber nach, ihre Filme an die DVD-Piraten weiterzugeben, die in allen Ländern Südostasiens ein florierendes Geschäft betreiben und über ein überaus effizientes Vertriebsnetzwerk verfügen.

Oft sind die internationalen Festivals die einzige Chance, neue Filme überhaupt zeigen zu können. Amir Muhammads Dokumentarfilm "The Last Communist" wurde in Malaysia - neben Singapur das politisch repressivste Land in der Region - vom Innenministerium auf den Index gesetzt, weil der Film von dem problematischen Thema der Kommunistischen Partei Malaysias handelt. Obwohl man den Protagonisten des Films, den malaysischen Kommunistenführer Chin Peng , der seit über 40 Jahren in Thailand im Exil lebt, im ganzen Film kein einziges Mal sieht, war die Dokumentation für das malaysische Establishment zu kontrovers. Der Film wurde auf Festivals in Berlin, London, Singapur und Hongkong gezeigt. Inzwischen ist er auf dem Schwarzmarkt Malaysias auf illegalen DVDs ein Bestseller. Auch in Singapur und selbst in den vergleichsweise liberalen Philippinen geraten Independent-Filmer immer wieder mit den jeweiligen, nach wie vor mächtigen Zensurbehörden aneinander.

In einem Essay vergleicht der kanadische Filmkritiker Cameron Bailey die philippinischen Independent-Filme der Gegenwart sogar mit dem lateinamerikanischen "Third Cinema" der Siebzigerjahre, für das zum Beispiel die Argentinier Fernando Solanas und Octavio Getino einstanden. Doch anders als diese Filmemacher, die sich ästhetisch und politisch nicht nur von Hollywoodkino, sondern auch vom europäischen Autorenkino absetzen wollten, sind die unabhängigen Regisseure der Gegenwart stilistisch und politisch weitaus weniger dogmatisch. Sie haben sich nicht einem dezidierten "Gegenkino" verschrieben, sondern bedienen sich einer weiten Bandbreite ästhetischer und narrativer Mittel.

Als ein Anzeichen der fortschreitenden Globalisierung des Weltkinos sollten die südostasiatischen Produktionen in den nächsten Jahren auch im Westen auftauchen. Die Länder Südostasiens wurden schon als ökonomische "Tigerländer" gefeiert; höchste Zeit also, ihre vitale Alternativ- und Subkultur, nicht nur im Kino, international zu beachten.

Tilman Baumgärtel hat ein Buch veröffentlicht: "Kino Sine. Philippine-German Cinema Relationships". Es ist beim Goethe-Institut Manila erschienen, und kann unter www.goethe.de/kinosine heruntergeladen werden

Die Philippinen hatten einst die drittgrößte Filmindustrie - nach Hollywood und Bollywood. Doch 20 Jahre lang ging es bergab

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