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  • 02.01.2008

"Selbst ungesunde Laster bilden Kultur"

Auf ein paar Zigaretten mit Friedrich Kittler: Deutschlands berühmtester Medientheoretiker über das Rauchen - in Zeiten zunehmender Verbote und Verächtlichmachungen

GESPRÄCH DETLEF KUHLBRODT

Wir treffen uns gegen Mittag. Herr Kittler ist ein bisschen müde. In den letzten Wochen war er viel verreist und hat später am Tag auch noch drei Termine. Bei einem dieser Termine wird er mit Norbert Bolz noch einmal über sein berühmtes Buch "Grammophon, Film, Typewriter" (1986) sprechen, das ganze Studentengenerationen beeinflusst hat. (Norbert Bolz hatte Ende der 80er Jahre zusammen mit dem großen Judaisten und Hermeneuten Jacob Taubes tolle Nietzscheseminare gegeben. In diesem Umfeld hatte ich Cord Riechelmann kennengelernt, der nun bei Kittler Assistent ist und mich an den berühmten Medientheoretiker vermittelt hatte. Wenn man von Kittler und Bolz spricht, ist Klaus Theweleit nicht fern. Man nennt sie auch die "Freiburger drei".)

Friedrich Kittler hat eine schöne wohltuende Stimme, die an den Enden der Sätze manchmal kleine Melodien andeutet. Vielleicht hat das mit seinem letzten Buch zu tun, das von "Musik und Mathematik" handelt.

Seit fast 50 Jahren raucht der berühmte Medientheoretiker schon die Marke Benson & Hedges. Ich rauche seit fast 30 Jahren Camel ohne. Wir sprechen mehr als zwei Stunden über Zigaretten. Die ungekürzte Version des Gesprächs hätte etwa fünf taz-Seiten gefüllt.

Rauchen anfangen

Friedrich Kittler: Da war ich wohl zehn. Wir hatten so eine Höhle im Wald gebaut und hatten dort angefangen mit Eiche und haben da sofort Durchfall von bekommen. Birke war ganz gut zu rauchen, aber schmeckte auch nicht. Und dann haben wir den jüngeren Bruder von Richard genommen und der hat uns dann fünf Zigaretten beschafft. Der war acht und konnte so tun, als wenn er für seinen Vater kaufen würde. Wir wären ja schon verdächtigt worden, wenn wir in den Laden gegangen wären.

Auf dem letzten Klassentreffen hat jemand erzählt, dass wir hinter dem Schulgebäude in Sachsen geraucht haben. Da waren wir zwölf.

Er erzählte das laut und deutlich und das Mädchen, um das ich damals geworben hab und von dem ich bis heute nicht wusste, ob sie nun Gegenliebe empfunden hatte oder nicht, sagte, als wir das erzählt hatten: "Auch du?!" - und dann kam mein Kinderspitznamen und dann wusste ich, dass sie mich damals geliebt hat. Das weiß ich seit vier Wochen.

Die Jungen hatten damals nur zwei Rollenbilder als Gymnasiast - entweder gehörte man zu den Nichtrauchern oder zu den Rauchern. Die einen galten als erotisch aktiv; die anderen als erotisch passiv oder als schwul, als impotent, als desinteressiert, als zurückgeblieben, zu katholisch, ihren Eltern zu sehr unterworfen.

Zigaretten und Krieg

Angeblich haben sich die Zigaretten ja über den Krimkrieg in Europa durchgesetzt. Die Engländer und Franzosen, die auf der Krim gelandet sind, kamen eher aus der Kultur der Zigarre und Zigarillos, während die armen russischen Muschiks schon damals ihre Papyrossi rauchten. Das hat sich dann wie immer vom Feind übertragen.

Und dann gibt es noch diese Regel, dass man nicht zwei Leuten außer sich selbst Feuer gibt.

Die Erklärung dafür kommt auch aus dem Krieg: Wenn man das im Schützengraben gemacht hätte, wäre beim ersten Feuergeben erkannt worden, dass überhaupt Feuer benutzt wurde; beim zweiten Feuergeben hätte der Gegner angelegt und beim dritten geschossen. Der Dritte, dem man Feuer gegeben hätte, wäre also totgeschossen worden. Ein schönes Märchen eigentlich.

Balance

Als junger Mann hab ich wahnsinnig gerne "Dorian Gray" gelesen von Oscar Wilde und da steht dieser Satz: "Die Zigarette ist der vollkommene Genuss, weil sie unbefriedigt lässt." Das stimmt aber gar nicht, sondern ist aus der Sicht eines Kettenrauchers formuliert. Wenn man viel raucht, lässt die Zigarette unbefriedigt; raucht man aber nur eine, erschlägt sie einen wie jede andere Droge eigentlich auch. Aber im Unterschied zu den anderen Drogen, die verboten sind oder verpönt, war das Zigarettenrauchen eben bis jetzt in der Öffentlichkeit erlaubt und es hing kein Tabu darüber.

Vielleicht wird das sehr witzig ab dem 1. Januar, weil die Zigaretten dann so verboten sind, dass sie weniger geraucht werden und wieder mehr als Drogen erfahren werden. Das wäre das einzige Positive, was ich diesem schrecklichen Rauchverbot abgewinnen könnte. Ansonsten sehe ich da überhaupt nichts Positives.

Der Staat hat kein Recht, sich in solche Dinge einzumengen. Am Sonntag sagte mir eine kluge Frau: "Die Welt ist eigentlich immer in Balance und wenn weniger Zigarettentodesarten auftreten, dann fressen die Leute mehr und kriegen häufiger Diabetes." Die Summe der Todesarten bleibt jedenfalls strukturell auch für die Krankenkassen gleich, also auch die Kosten des Todes. Der Tod ist sowieso unvermeidlich. Insofern besteht in thanatologischer Hinsicht überhaupt kein Grund, das so zu machen; aber ich finde auch in moralischer und ethischer Hinsicht. Seit wann sind denn demokratisch freie Staaten, legitimiert, solche Eingriffen in das Privatleben und Verhalten der Menschen zu machen?

Eine Pynchon-Geschichte

Wenn man Carlos Castaneda und solchen Helden glaubt, war das Rauchen ja ein heiliges Ritual und wurde von einem Lehrer/Guru überwacht, damit kein Horrortrip auftritt. Es wurde vierzig Tage prämeditiert und vierzig Tage nachmeditiert und es war ein hohes indianisches Heiligtum.

Und die Weißen, die jetzt das Feuerwasser bringen, übernehmen von den Indianern den Tabak und bringen es wie immer fertig, aus dem Heiligen ein profanes Ding zu machen. Es wird also zum profanen Laster, wird nach Europa importiert von Piraten und Gangstern und der Tabak wird unter Staatsaufsicht gestellt. Und dann im 17. Jahrhundert werden wahnsinnig viele das Rauchen betreffende Gesetze erlassen. In Berlin und London durfte man etwa auf der Straße gar nicht rauchen, weil das als extremer Verfall an indianische, barbarische Sitten galt, und dann - Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts - entdecken die Staaten, dass jedes Laster zwar ein Laster ist, aber andererseits auch eine staatliche Geldquelle sein kann. Und das Rauchen wird wieder erlaubt und es gibt eine Tabaksteuer.

Die Leute sollen jetzt also rauchen, damit der Staat Geld verdient. Und von dem Geld - und von dem Postmonopol des preußischen Staats - wird dann der Siebenjährige Krieg finanziert.

Aus solchen merkwürdigen Steuereinkommen, die ja bis heute die Förderseite des Staats an den Zigaretten sind. Man freut sich also, dass wir rauchen, obwohl wir es eigentlich gar nicht sollen, und deshalb werden die Tabaksteuern immer weiter erhöht.

Ein Pfennig hatte glaube ich eine Zigarette gekostet, als ich anfing, die ersten heimlichen Zigaretten mit zehn oder elf bei meinen Freunden zu kaufen und jetzt kostet eine so viel, wie früher eine ganze Schachtel kostete.

Und die Abschaffung der drei Stück - jetzt haben wir ja nur noch 17 Zigaretten in der Packung - finanziert das Anti-Terror-Zentrum von Herrn Schily in der ehemaligen Treptower Telegrafenbataillonskaserne, ist mir zugeflüstert worden.

Das Anti-Terror-Zentrum schlägt sich ja mit den Rändern der Zivilisation herum, mit den Wüsten und Steppen und ölreichen Feldern usw. - das ist schon eine Art Pynchon-Geschichte.

Neulich im ZDF

Als die einen bekennenden Raucher suchten, haben sie natürlich zuallererst an Helmut Schmidt gedacht. Sie haben ihn also angerufen und Schmidt hat gesagt: "Ich mache gerne einen Auftritt kurz vor Mitternacht, aber ,Morgenmagazin' ist mir einfach zu popelig."

Dann haben sie weiter überlegt, wen sie als bekennenden Raucher in ihre Sendung kriegen können. Dann haben sie Herrn Steinbrück gefragt und dann haben sie Herrn Müntefering gefragt und dann haben sie Herrn Steinmeier gefragt. Alle drei haben abgelehnt, weil sie sich nicht outen wollten. Und dann blieb quasi nur noch ich in Berlin.

Der gute Gastgeber

Derjenige Freiburger Dozent, dem ich am meisten verdanke, Horst Ochse, hatte sich hier in Berlin, als er Professor geworden war, vollkommen zurückgezogen, auch aus privaten Gründen. Er lebte völlig allein, wie alle seine Bücherhelden, nach der Devise: "Gäste empfange ich frühestens nachts um drei. Am Tag will ich keinen Menschen sehen." Und dann kam ich dann, nachts um drei, und musste irgendein Signal pfeifen auf der Straße, mich also quasi akustisch ausweisen. Dann kam er runter und hat die Tür aufgeschlossen und dann kam ich hoch - vier Treppen - und da lag - schon aufgemacht - eine volle Schachtel Benson & Hedges vor dem Sessel, in den er mich hineinbat.

Er hatte also genau überlegt, wie er Kittler empfängt und wusste noch ganz genau, was ich rauche, obgleich wir uns zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatten. Das war eine Form der Höflichkeit, die man mit solchen Gesten herstellt und diese Form der Höflichkeit wird uns jetzt sozusagen - zumindest in der Öffentlichkeit - entwendet.

Die Mischung

Ich muss ja immer meinen Assoziationen hinterherjagen wie andere Leute ihren Rauchwolken: Gottfried Benn schreibt irgendwo, dass 1913, mit der Camel - Ihrer Zigarettenmarke - die erste Blended-Zigarette auf den Markt gekommen ist. Dass also zum ersten Mal Orient und Okzident in einer einzigen Zigarette zusammengemischt waren. Davor hatte man immer nur entweder Virginia oder Orientzigaretten gehabt.

Die schönste Zigarette

Ist die Zigarette danach! Wenn zwei langsam aus den Glückszuständen der Orgasmen wieder erwachen und sich eine Zigarette im Bett erlauben, ausnahmsweise. Das ist so eine schöne Geste und wenn's die Frau ist, die sagt, "lass uns eine rauchen", ist das doch einer der schönsten Momente. Das habe ich gerade erleben dürfen, deshalb musste ich das erzählen. (Pause)

Das Laster

Und jetzt die einsamen Zigaretten … Das einsame Haschisch ist ja auch was ganz anderes, als das Haschisch in der Gruppe, oder der Joint, der, wie der Name schon sagt, verbindet, indem er wandert im Kreis.

Detlef Kuhlbrodt: Mir ist unter cannabisrauchenden Bekannten aufgefallen, dass viele das Tabakrauchen aufgehört haben und nun nur noch pur Gras oder Hasch rauchen.

Friedrich Kittler: Das sollte man festhalten. Wenn man mit dem späten Foucault darangeht, gibt es eine Ethik und Ästhetik der Existenz und dazu würde dann auch gehören, dass ein vernünftiger Haschischraucher oder -esser nicht gleichzeitig Nikotin oder Alkohol dazu nehmen soll. Alle Welt weiß ja, wie ruinös die Vermengung von Drogen sein kann. Die Horrortrips - zumindest in meiner Erfahrung und in meinem Bekanntenkreis - entstehen ja durch wahllose Promiskuität des Einnehmens diverser Drogen gleichzeitig. Man muss sich dem Laster aber auch aufschließen und dieser einen Droge ihr Monopol oder ihre Ehre lassen.

Zigaretten und Frauen

Detlef Kuhlbrodt: Ich war vor fast zwei Jahren im Winter in Helsinki gewesen und hatte dort eine Freundin besucht. In dem Haus, in dem sie wohnte, war das Rauchen verboten. Deshalb bin ich dort immer morgens in einen kleinen verschneiten, schön aussehenden Park gegangen, um allein eine Zigarette zu rauchen. Und diese Zigaretten hatten mir unglaublich gut geschmeckt.

Friedrich Kittler: Wegen des Verbots?

Detlef Kuhlbrodt: Nein. Vielleicht, weil alles so kompliziert war; wir hatten uns in Berlin nur kurz gesehen und uns ineinander verliebt. Und hier haben wir gleich gemerkt, dass es nicht ging, mussten aber noch vier Tage miteinander verbringen. Die Zigaretten hatten mir so gut geschmeckt, weil die Situation so existenzialistisch war. Und dieser verschneite Park hatte bei minus 20 Grad Celsius in der Vormittagssonne unglaublich schön ausgesehen. Diese morgendlichen Zigaretten hatten auch noch so leichte Drogenwirkungen, wie die Zigaretten, die man als Teenager geraucht hatte. Einem wird ein bisschen schwindlig und dieser Schwindel verbindet einen wieder mit dem Traum oder der Nacht, aus der man grade kommt.

Friedrich Kittler: Ich hab auch einmal, um eine Frau wieder zu gewinnen, drei Monate nicht geraucht und musste dann nach Kalifornien fliegen. Die Vorstellung, drei Monate lang weg zu sein, war so aufregend, dass ich gleich wieder eine angesteckt hatte. Und bin dann auf diesem halbgepackten Koffer gesunken mit Schwindelanfällen und hab gedacht: Würde denn nicht auch eine Zigarette pro Tag reichen? Wenn man sich enthalten könnte, würde man jeden Tag diesen wahnsinnigen Schwindel erleben, den man gar nicht mitbekommt, wenn man so viele am Tag raucht.

Warum soll ich 70 werden?

Am Sonntag war ich auf einem großen Geburtstagsfest von einer 60-Jährigen. Der extra angemietete Saal stand unter totalem Rauchverbot. Man hätte nur in dem verregneten Hof nach einer dreistöckigen Fahrstuhlfahrt rauchen dürfen. Da hab ich mich beschwert bei der Chefmieterin dieses Saals. Und dann kam heraus, dass sie selber raucht, das Rauchverbot aber strikt aufrechterhalten müsse, sonst würde der Vermieter - irgendeine Immobilienfirma - sie rausschmeißen.

Dann hat sie sich aber doch erbarmen lassen und draußen am Ende des kalten Flurs ein paar Aschenbecher aufgebaut. Und dann hat eine Frau - aus der besten Hamburger Gesellschaft - so wütend reagiert mit der vollkommen berechtigen Begründung: "Ich möchte rauchen, aber nicht bei minus 3 Grad und irgendwo am Ende des Flurs, sondern ich möchte sitzen, ich möchte ein Glas Wein haben, ich möchte meine Zigarette in Ruhe ausrauchen, ich möchte es warm haben. Ich möchte in Anstand sterben und rauchen."

Und das hat die Gastgeberin dann überzeugt; wir durften ab zehn Uhr rauchen. Und eine andere, ebenfalls großbürgerliche Frau, sagte dann: "Ach die Welt … Schauen Sie sich einmal die Kleider an, die die Leute auf den Flughäfen tragen; all diese amerikanischen Jeans und Turnschuhe und nun das Rauchverbot. Wissen Sie: Ich möchte eigentlich gar nicht mehr so lange leben in dieser Welt. Die Welt wird so widerlich und gegen meine Ansprüche an Eleganz und Luxus, dass ich gar nicht mehr einsehe, warum ich 70 werden soll."

Griechenland

Ich hab einen Freund, der trinkt keinen Schnaps, sondern nur Wein, und raucht nicht. Weil er sich sagt, die Griechen hatten Wein, aber keinen destillierten Schnaps; die Griechen hatten keinen Tabak, aber verwendeten Opium. Also kann ich durchaus Opium zu mir nehmen, aber keine Zigaretten. Er lehnt die Drogen der Neuzeit ab. Die Neuzeit beruht auf Feuerwaffen, Feuerwasser und Tabak und kandiertem Zucker statt Honig.

Und ich hab mir dann auch überlegt, was ich an meinem Lebensstil ändern müsste, um griechischer zu leben und nicht nur griechisch zu schreiben und griechischen Geist zu zeigen. Und da fiel mir ein, ich könnte doch, Virginiazigaretten und Blended-Zigaretten - also dies Gemisch aus Orient und Okzident - sein lassen und nur noch Orientzigaretten rauchen. Das wäre doch griechischer, als wenn ich Virginia rauchen würde.

Fliegen

Wir mussten mal nach Buenos Aires fliegen. Wir fanden den Flug furchtbar lang. Dann haben wir gehört, dass die Air France immer noch kleine Raucherecken hatte, in der Business Class. Wir hatten also unser ganzes Geld zusammengerafft und haben einen Economy- und einen Business-Class-Sitz gekauft und wollten uns dann so abwechseln. Und als wir einstiegen, hieß es, gerade dieser Jumbo-Jet sei noch nicht mit der neuen, von der Air France konstruierten Raucherecke ausgerüstet.

Auf dem Rückweg war wieder alles okay; da konnte ich dann rauchen mit den Stewardessen, die alle qualmten in dieser Raucherecke. Und dann hatte ich mich beschwert und gesagt, dass ich extra diesen Business-Class-Sitz gekauft hätte, um rauchen zu dürfen. Die Chefstewardess wurde dann so hochnäsig und arrogant, dass sich ein älterer Steward - mit so einem reizenden Schnurrbart - geärgert hat. Und er fing in einem eleganten Französisch an: "Ich entschuldige mich im Namen der Air France, ich entschuldige mich im Namen der République française, und es tut mir wahnsinnig leid und hoffentlich kriegen Sie auf dem Rückflug die Ihnen versprochene Raucherecke." (Die ich dann ja auch bekommen hab.)

Von der Air France hatte ich dann auch noch erfahren, dass die Amerikaner allen Fluggesellschaften die Landerechte innerhalb von Amerika abgesprochen haben, die überhaupt noch Rauchersitze an Bord haben. Und dann haben das alle übernommen und die Lufthansa auch und Mehdorn und seine idiotische Deutsche Bahn.

Zug

Ich bin am 3. September von Heidelberg zurückgefahren von einem sehr schönen Kongress. Ich hatte mich noch gar nicht darauf eingestellt, dass man in der Bahn nicht mehr rauchen darf. Und es war grässlich. Und als ich dann feststellte, kurz vor Wolfsburg, dass ich in dem Waggon der 1. Klasse restlos allein war - nachts um elf oder zwölf - da hab ich zwei Zigaretten heimlich geraucht und war richtig glücklich. Und kam mir wieder wie fünfzehn vor. Und die Klimaanlage wirkte so gut, dass man diese Zigarette nach zehn Minuten nicht mehr riechen konnte.

Taxi

1. Bis vor einigen Jahren war Taxifahren juristisch gesehen ein Akt, in dem der Taxifahrergast sich für zehn Minuten dies Gehäuse mietet und deshalb gehörte dies Taxi mietweise ihm für die Dauer der Fahrt. Deshalb konnte er rauchen, wann immer es ihm beliebte. Und das ist so geändert worden, dass das Taxi jetzt quasi dem Staat gehört und als öffentliches Verkehrsmittel per Taxifahrer vom Staat quasi zur Verfügung gestellt wird, aber alle Rechte bleiben beim Staat, der dieses als öffentliche Verkehrsmittel wie alle anderen ausgibt.

2. Mein Lieblingstaxifahrer erzählte, er mache sich wahnsinnig viele Sorgen um seinen Bruder. Sein Bruder habe in Adlershof eine Kneipe. Und diese Kneipe werde er wohl nach dem Rauchverbot zumachen müssen. Denn - und jetzt kam so eine brillante soziologische Analyse - diese Kneipe hat die Funktion, dass alle, die ab zwölf Bier trinken, weil sie arbeitslos oder verzweifelt oder Hartz-4-Empfänger sind, und dazu eine Zigarette brauchen, weil andernfalls das Bier nicht schmeckt, dass die diese Kneipe und die Intimität der vier Wände brauchen, um vor sich selbst in Anstand ihren Lastern nachzugehen. Und auf dem Dorf Adlershof kein schlechtes Bild von sich abzuliefern.

Er wollte mir also erzählen, die werden sich ab dem 1. Januar als Clochard fühlen, weil sie in der Kneipe nicht mehr rauchen können und damit geht ihnen der letzte Rest von Ehre verloren. Darum geht's eigentlich in dem ganzen Ding und das hat er als Einziger richtig auf den Begriff gebracht.

"Die verlorene Ehre der Raucher" könnten wir ja Ihren Text nennen.

Klare Worte

Detlef Kuhlbrodt: Nichtraucherorganisationen haben ja inzwischen Denunziationsvordrucke ins Netz gestellt.

Friedrich Kittler: Typisch Nichtraucher! Typisch Moralapostel! Dass Nichtraucher ohne Kopfschmerzen aufwachen wollen, kann ich ja sehr gut verstehen, aber dieses Petzer- und Denunziergehabe, das die Moralseite dieser Welt so mit sich bringt, regt mich wahnsinnig auf.

Die offene Schachtel

Eigentlich peinlich, dass ich die offene Schachtel vor mir habe. Wir haben nämlich alle an dem Tag, als der Schrecken mit der Anti-Raucher-Reklame auf jeder Schachtel begann, silberne Zigarettenetuis gekauft.

Da hab ich dann versucht - auch mit diesem teuren Feuerzeug, dass ich geschenkt bekommen habe und dem dazu passenden Silberetui - ein bisschen mehr Kultur reinzubringen. Das hat auch ganz gut gewirkt.

Die offene Schachtel ist sehr ungesund vor den eigenen Augen. Wenn man das Etui erst aufmachen muss und das Feuerzeug mühsam öffnen - im Unterschied zu den Billigfeuerzeugen - raucht man aufmerksamer. Ich glaube, wir Raucher müssen uns wirklich ernsthaft bemühen, die Unkultur des Rauchens, wo man ständig raucht, ohne es zu merken, wieder in eine etwas bewusstere Kultur zu überführen.

Schluss

All diese Anekdoten ranken um das Faktum, dass selbst Laster und ungesunde Tätigkeiten eine Kultur zwischen Menschen ausbilden.

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