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  • 14.01.2008

Für Geld machen sie alles

Von selbst ernannten "Konzernhuren" bis zu neuen Vertriebsformen im Internet: In Hamburg wurde über die Zukunft des Broterwerbs mit Popmusik ausführlich diskutiert. Stichwörter dabei: Netzwerkbildung, Einführung in Dilettantismus sowie ein dezidiertes Desinteresse an der Musikindustrie

VON JULIAN WEBER

Herzstück, Hirnlappen, Nasenflügel. Die Teilnehmer der Hamburger Podiumsveranstaltung "Operation Ton. Kongress für musikalische Zukunftsfragen" erhielten zum Geleit in einem Erste-Hilfe-Set glibberige Organ-Nachbildungen ausgehändigt. Diese stünden sinnbildlich für den jeweiligen Zugang zur Musik, ob emotional (Herz) oder theoretisch (Hirn) oder doch eher über Drogen wahrgenommen (Nasenflügel).

Es ging an diesem langen Samstag um die Zukunft des Broterwerbs mit Popmusik, und die ernüchtert die Beteiligten gewaltig. Tonträgerverkäufe seien irrelevant geworden, meinte Lars Leverenz, Chef des Hamburger Plattenlabels Audiolith Records. Es gehe dabei um Netzwerkbildung, und auch da benötige der kleine Pop dringend eine Organspende. Statt zum Operationssaal war das Hamburger Westwerk aber in einen "Darkroom für Musikschaffende und Verwerter" umgestaltet. Zur Kür kamen Musiker auf die Bühne, unter ihnen der Entertainmentprofi Jacques Palminger.

Vorher aber die Plicht, bei der das Publikum aufgefordert war, mittels eines in die Höhe gereckten Knochens in die Vorträge einzugreifen. "Der Künstler, der macht, was er will", hatte der Kölner Textdichter Tobias Röger seinen Beitrag überschrieben.

Röger hat eine Punkrockvergangenheit, mit der Band Wohlstandskinder tourte er jahrelang durch die Republik. Im Nachhinein sehe er diese Zeit als Praktikum an, sagte er. Noch blieben die Knochen unten. Inzwischen schreibt Röger Songs für Gunter Gabriel oder Christina Stürmer, steht bei der Universal als Songwriter unter Vertrag. Und so erzählte die selbst ernannte "Konzernhure" von Meetings mit Stars und Managern, bei denen Songthema und BPM-Zahl vorab festgelegt würden. "Für Geld mache ich alles", gestand Röger. Nicht mal als Zitat klang das Geständnis glamourös. Röger muss seinen Unterhalt mit Gesangsunterricht bestreiten, denn der Vorschuss der Plattenfirma reicht bei weitem nicht zum Leben aus.

Sarah Bogners multimediale "Einführung in den Dilettantismus" zeigte in eine andere Richtung. Die in Wien lebende Münchner Künstlerin referierte die Vorteile und Nachteile der halb ernsten Wissensaneignung nach Goethe und Schiller und versuchte deren Thesen mit eigenen Musikvideos und Hörspielen zu veranschaulichen. Bogners Videos sind betont asynchron zur Musik inszeniert.

Die Rumpelästhetik ist zwar nicht neu, aber charmant. Bogner praktiziert Circuit Bending, eine in den USA entwickelte Manipulationstechnik, bei der elektronische Musikinstrumente durch Eingreifen in Schaltkreise und Umlötungen transformiert werden, um Industrienormierungen und Klangpaletten zu erweitern oder zu zerstören. "Eine zukunftsweisende Kunstform, die auch noch ein Hund versteht", so Sarah Bogner.

Was bei ihr chaotisch und antistrategisch anmutete, erklärte der Hamburger Theaterregisseur Veit Sprenger in seinem Vortrag über Musik als Teil der Bühnenperformance kühl-kalkuliert. Sprenger, Koregisseur der preisgekrönten Musikvideos der Hamburger Band Kante, verfolgt in den Theaterstücken mit seiner Performance-Art-Gruppe Showcase Beat Le Mot das Prinzip der Selbstüberforderung. Schauspieler müssen mit Skistiefeln Square Dance tanzen. Die Kunst ist ohne selbst auferlegte Handicaps nicht mehr zu haben, dann aber klänge sie auch wieder befreit, so Sprenger. Und doch gibt es äußere Umstände, gegen die auch er nicht ankommt. "Die bösen Majors, wir kennen das Gerede - leider stimmt's", sagte er über die Tatsache, dass die Plattenfirma EMI seinen Videoclip zum Kante-Song "Zombi" nachträglich umschneiden ließ.

"Es geht in erster Linie um Musiker und Zuhörer, alle anderen, die sich dazwischenschieben, müssen sich rechtfertigen", so zitierte Volker Grassmuck den ehemaligen Manager der Band Pink Floyd. Grassmuck, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität, sprach zum Thema "Freies Wissen". Die Musikindustrie interessiere ihn gar nicht, ihm sei an der Zukunft der Freiheit der Zeichen gelegen.

Und so hob er an zu einem Exkurs über Urheberrechte von John Locke, über Lautréamont bis hin zu den Situationisten und der Copy-Art-Bewegung. Die Knochen schnellten im Minutentakt in die Höhe, als er über alternative Musikökonomien im Nordosten Brasiliens berichtete und zu den neuen Vertriebsformen im Internet Auskunft gab.

Von der internationalen Theorie zur Praxis in Deutschland ist es aber noch ein weiter Weg, das wurde an diesem vielstimmigen und kontroversen Debattentag mal wieder klar. Aber "es gibt Hits, und es gibt den Hit, bei dem wirklich kein Sackhaar wackelt". Als Jacques Palminger seinen Torchsong "Deutsche Frau" einleitete, gab es - Broterwerb hin oder her - kein Halten mehr. Spätestens dann war deutlich: Operation Ton gelungen, Patient Pop lebt noch.

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