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  • 26.01.2008

"Deutsche sollten einfach wissen, was passiert ist"

Im Diskurs über den Holocaust geht mittlerweile etwas Entscheidendes verloren: das Geschehen selbst, so der Historiker Ulrich Herbert

taz: Herr Herbert, warum sind die Quellen in diesem Band chronologisch geordnet?

Ulrich Herbert: Weil nur das die Bezüge und Zusammenhänge verständlich macht. Eine bestimmte antijüdische Maßnahme eines Ministeriums in den 30er-Jahren ist nur zu verstehen, wenn man weiß, was sich zuvor auf der Straße zugetragen hat. Die einzelnen Bände folgen also der zeitlichen Abfolge - nicht aber das ganze Projekt, das wir nach einem lange diskutierten Prinzip nach Regionen und Staaten organisiert haben.

Und warum keine Ordnung nach Themen?

Weil das ein stark interpretierender Eingriff gewesen wäre. Zudem werden alle Texte durch eine aufwändige Kommentierung in die jeweiligen sachlichen, politischen und personalen Zusammenhänge eingeordnet. Das Hauptproblem bei der Konzeption war jedoch die Gewichtung der einzelnen Staaten. Sollte jedes Land die gleiche Textquantität haben? Wir haben uns entschlossen, die Textmenge an der Zahl der in den Staaten lebenden und ermordeten Juden zu orientieren. Deshalb gibt es zu West- und Nordeuropa zwei Bände, zur Sowjetunion vier. Das führt zu einer interessanten Korrektur der Perspektive. Zum Beispiel gibt es über Dänemark, wo die meisten Juden gerettet wurden, erheblich mehr Literatur als über die Ukraine, wo Hunderttausende ermordet wurden. Durch die Anordnung dieser Edition wird dieses Ungleichgewicht korrigiert.

Welche Kriterien waren noch ausschlaggebend?

Wir haben uns an Raul Hilbergs Kategorien "Täter, Opfer, Zuschauer" orientiert, und dies im Verhältnis zwei, zwei, eins. In den Bänden gibt es zudem überwiegend unveröffentlichte Quellen und sehr viele, die bislang nicht auf Deutsch vorlagen - bei dem Sowjetunion-Band sind dies mehr als zwei Drittel, fast alle Texte, die nicht von der deutschen Täterseite stammen. Außerdem ist natürlich die Aussagekraft des Dokuments entscheidend. In dem ersten Band gibt es z. B. das Schreiben des Vorsitzenden eines deutschen Sittichliebhabervereins, in dem der Ausschluss jüdischer Mitglieder dekretiert und die unbedingt nationale Ausrichtung des Vereins herausgestellt wird. Das wirkt skurril, zeigt aber die Eilfertigkeit, mit der solche Organisationen die Judenfeindschaft übernahmen - und wie tief sich diese in der Gesellschaft verankerte. Die dritte Auswahlentscheidung war besonders einschneidend - nämlich nur Dokumente zuzulassen, die vor dem 8. Mai 1945 verfasst wurden. Das schließt alle später entstandenen Erinnerungen aus.

Also kein Text von Primo Levi. Warum nicht?

Wo da aufhören? Bei einer Zeugenaussage in den NS-Prozessen der 60er-Jahre? Einer Autobiografie aus den 70ern? Einer belletristischen Bearbeitung von Tagebuchnotizen aus der Gegenwart? All diese Textsorten sind durch die Erfahrungen der Nachkriegsjahrzehnte gefärbt. Deshalb der Entschluss, nur Originalzeugnisse aus der Zeit der Verfolgung selbst aufzunehmen. Dadurch schien es zunächst schwierig, die Perspektive der Opfer angemessen zu repräsentieren. Aber durch intensivierte Recherchen ist es gelungen, erstaunlich viele Texte aus der Zeit selbst aufzufinden, in denen die Wahrnehmung der Opfer eindrücklich repräsentiert wird.

Die Chronologie ist ja eine gewissermaßen reine, unverstellte Form, etwas zu erzählen…

Natürlich stellen wir nicht "die Geschichte selbst" dar, das wäre naiv. Auch unsere Auswahl ist schon Interpretation. Aber wir ermöglichen dem Leser einen breiteren Blick auf das Geschehen, seine Orte, Protagonisten und zahllosen Einzelschicksale.

Trotzdem - ist die Idee, dass über die Quelle ein unverfälschter, authentischer Kontakt mit dem Geschehen möglich ist, nicht auch eine Fiktion?

Das ist gewiss eine Fiktion, und zwar eine hilfreiche: eine Intervention in den Geschichtsdiskurs in diesem Land. Mittlerweile erscheinen mehr wissenschaftliche Bücher über Erinnerungs- und Repräsentationsformen des Holocaust als über das Geschehen selbst. Hinter den Diskussionen über den Judenmord im britischen Spielfilm oder die Formen des Gedenkens in den norddeutschen Kirchengemeinden ist die Praxis der Verfolgung und Entrechtung, sind die Einzelheiten des Massenmords mittlerweile fast verschwunden. Diese Bücher sind der Versuch, den historischen Gegenstand wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Dies ist das zentrale Anliegen dieses Projekts?

Ja, wenngleich das Vorhaben gewiss viele Ziele hat. Es soll eine Grundlage für die wissenschaftliche Forschung sein und die Forschung selbst auch weitertreiben, vor allem in Ost- und Südosteuropa. Es ist gewiss auch als Element symbolischer Erinnerung lesbar, als Schriftmonument. Zudem: Dies ist ein deutsches Projekt.

Inwiefern?

Diese Edition wird von deutschen Historikern - in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt - in deutscher Sprache für ein deutsches Publikum erstellt. Es richtet sich an uns selbst. Man kann gewiss zu der Frage, welche spezifische Verantwortung die Deutschen für den Umgang mit der Geschichte des Holocaust besitzen, verschiedener Ansicht sein. Aber ein Student in Tel Aviv hat mir das einmal so erklärt: "Wir erwarten von den Deutschen dazu eigentlich gar nichts - außer: sie sollen das Gesche- hen genau kennen." Das fand ich sehr plausibel, auch weil es keine öffentlichen, demonstrativen moralischen Gesten verlangt, keine Demonstration geläuterter Gesinnung. Sondern eher eine individuelle, private Handlung - eine Anstrengung: Zurkenntnisnahme.

INTERVIEW: STEFAN REINECKE

CHRISTIAN SEMLER



ULRICH HERBERT, 56, ist Professor für Geschichte in Freiburg und einer der führenden deutschen Holocaust-Forscher. Bekannt wurde er mit Studien über Zwangsarbeiter und einer Biografie über den SS-Intellektuellen Werner Best. FOTO: ARCHIV

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