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  • 08.02.2008

"Männchen ist doch lustig"

Es sollte amüsant und auf Handys gut anzuschauen sein: ein Gespräch mit Isabella Rossellini über ihr Regiedebüt "Green Porno" (Forum), in dem statt Menschen Schnecken und andere Tiere Sex haben

INTERVIEW CRISTINA NORD

taz: Frau Rossellini, was hat Sie am Sexualleben der Insekten so gereizt, dass Sie ein Kurzfilmprogramm dazu gemacht haben?

Isabella Rossellini: Ich wurde gefragt, ob ich für den Sundance Channel etwas drehen wollte. Der ist gerade im Begriff, sich in einen grünen Sender zu verwandeln, und will sich ausschließlich mit Umweltfragen befassen. Die Filme sollten sehr kurz, eingängig und auffällig sein und außerdem fürs Netz geeignet. Für Tiere habe ich mich immer schon interessiert. Und da sah ich die Chance, etwas zu tun, was ich seit meiner Kindheit tun wollte: eine Art von Comedy, Kuriositätenshow über das Leben der Tiere.

Geht es in "Green Porno" eher um Reproduktion oder eher um Lust?

Eher um Reproduktion. Alle Informationen, die ich in dem Film über das Sexualleben der Insekten gebe, sind korrekt. Tiere sind beim Sex ja sehr kreativ, es gibt eine ganze Menge von Arten, wie sie es tun, und ich wollte das so zeigen, dass es einen zum Lachen bringt. Als Nebeneffekt tritt vielleicht die Überlegung auf: "Oh, ich wusste gar nicht, dass Tiere auf diese Art Sex haben."

Warum haben Sie die Rolle des Männchens übernommen?

Das lag an der Spinnen-Episode. Das Weibchen sitzt im Netz, das Männchen bewegt sich. Ich habe mit Papierkostümen gearbeitet, in denen es nicht einfach ist, sich zu bewegen. Und die weibliche Spinne ist riesig, viermal größer als das Männchen. Da war es für mich leichter, das Männchen zu spielen. Hinterher dachte ich: "Ist doch lustig, das Männchen zu spielen." Manchmal sind die Tiere in dem Film aber auch Hermaphroditen, dann spiele ich eben den Hermaphroditen.

Ich hatte leider nur Gelegenheit, drei der acht Filme zu sehen - den mit den Fliegen, den mit den Glühwürmchen und den mit den Spinnen. Was gibt es noch?

Regenwürmer, Libellen, Schnecken, Bienen und Gottesanbeterinnen. Die Regenwürmer und die Schnecken sind Hermaphroditen.

Wenn Sie sagen, dass es ganz viele und recht ungewöhnliche Arten der Sexualität gibt, klingt das fast ein bisschen queer.

Na ja, zunächst einmal geht es um den Austausch von genetischen Informationen, um Spermien und Eizellen und darum, wie sie zusammenkommen. Wie das geschieht, unterscheidet sich erheblich von dem, was Menschen kennen. Das ist das Interessante und das Lustige.

Kann es sein, dass der Tonfall von Film zu Film wechselt? Die Glühwürmchen-Episode fand ich ziemlich romantisch, der Spinnen-Film wirkte ziemlich brutal.

Es ist oft ganz schön brutal. Stellen Sie sich vor: Die Gottesanbeterin frisst während des Akts den Kopf des Männchens. Dessen Nervensystem ist so eingerichtet, dass es auch ohne Kopf noch weiter Sex hat. Das Weibchen kaut auf dem Kopf des Männchens herum, aber der Akt geht weiter. Das machen wir auch in "Green Porno".

Sie arbeiten mit Cartoon-Elementen genauso wie mit Realfilm - liegt das daran, dass "Green Porno" eigens für kleine Bildschirme und Displays gedacht ist?

Es gibt ja eine Kontroverse, weil man heutzutage "Vom Winde verweht" und "Casablanca" auf das Mobiltelefon herunterladen kann. Manche Leute halten das für einen Fehler, ich sehe das ähnlich. Kleine Displays eignen sich nicht, um Filme zu sehen, die die Regisseure seinerzeit für riesige Leinwände konzipiert haben. Mein Ziel war es, etwas zu schaffen, das zum kleinen Bildschirm passt. Ich habe deshalb eine Menge Filme auf kleinen Bildschirmen gesehen. Am besten funktionierten Cartoons: je einfacher, je weniger Linien, umso besser. Sobald man eine Totale hat, mit einer Person, mit Häusern und Verkehr, erkennt man nichts mehr. Einmal habe ich einen Western gesehen, es gab eine lange Einstellung auf Hügeln, und ich fragte mich: Was soll das? Hinterher, auf der großen Leinwand, sah ich: Auf den Hügeln sind Indianer mit Pferden. Eigentlich eine spektakuläre Aufnahme, nur eben nicht für kleine Bildschirme.

Ist das Mini-Display die Zukunft des Kinos?

Sicher wird es immer mehr Produkte geben, die direkt dafür hergestellt werden. Das heißt aber nicht, dass das Kino von heute an zusperrt. Es hat bereits das Fernsehen überlebt - damals dachten die Leute ja auch, dass niemand mehr ins Kino gehen würde. Heute kann man sich DVDs unmittelbar nach dem Filmstart besorgen, und trotzdem gehen die Leute noch ins Kino. Das wird auch weiterhin so bleiben. Aber sicher: Die neue Technologie wird eine neue Welt eröffnen. Wir kennen diese Welt noch nicht, wir experimentieren, und "Green Porno" ist eines dieser Experimente.

"Green Porno" läuft als Vorfilm zu "My Winnipeg" (Forum) und bei Forum Expanded



ISABELLA ROSSELLINI, geboren 1952 in Rom, ist die Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. International bekannt wurde sie Anfang der 80er-Jahre als Werbegesicht des französischen Kosmetikkonzerns Lancôme und 1986 als misshandelte Nachtclubsängerin Dorothy Vallens in David Lynchs "Blue Velvet". Seit 2003 arbeitet sie mit dem Regisseur Guy Maddin zusammen und drehte mit ihm unter anderem "The Saddest Music in the World", in dem sie auch die Hauptrolle spielt. "Green Porno" ist ihre erste Regiearbeit.

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