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  • 29.02.2008

Ganz genau bei Goethe hingefühlt

Martin Walser präsentierte seinen neuen Roman "Ein liebender Mann" symbolträchtig in Weimar

Es hat oft etwas Rührendes, wenn ein festlicher Rahmen wunderbar stimmungsvoll bereitet ist - und nur derjenige, dem der Aufwand gilt, passt nicht hundertprozentig hinein. So war es am Mittwoch in Weimar, wo symbolträchtig Martin Walsers neuer Roman der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Kronleuchter, Säulen, der Bundespräsident - alles wurde im Festsaal des Stadtschlosses aufgefahren, um diesen Goethe-Roman und seinen Autor würdevoll zu feiern. Selbst das Wetter spielte mit und zauberte einen Sternenhimmel über die Klassikerstadt. Nur Martin Walsers Krawatte stach aus alledem heraus. Auf ihr befanden sich giftig hellblaue, kaum zu identifizierende Muster; manche Beobachter wollen Autos auf ihr bemerkt haben.

Diese Krawatte war das kleine anarchische Moment, ein Hinweis auf eine sympathische Leck-mich-am-Arsch-Haltung in dieser Rundum-Literaturweihe-Inszenierung. Letztlich stand die Krawatte Martin Walser sogar ganz gut. Sie war das, was von seinen üblichen Sujets her - den kleinbürgerlichen, vergrübelten Nicht-mit-sich-klar-Kommern - in diesen Weihewillen hineinragte. Während seiner Lesung stand Martin Walser an einem Pult zwischen zwei Säulen, direkt hinter ihm ein Spiegel, links und rechts davon Fenster mit roten Vorhängen - ganz klassisch sah das aus. Nur die Krawatte nicht.

Über welches Verbindungsstück in "Ein liebender Mann" (Rowohlt Verlag, Besprechung folgt) der alte Goethe in eine Walserfigur verwandelt wird, umriss SZ-Literaturredakteur Ijoma Mangold in seiner Einführung präzise. Es ist das "Straucheln in der Liebe", das Martin Walser an dem Olympier interessiert. Der Roman geht um Goethes späte Liebe zu der 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow.

Nun hat Walser zuletzt manches Mal das Verhältnis von älteren Männern zu jüngeren Frauen thematisiert (und einmal, im "Lebenslauf der Liebe", auch das Verhältnis einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann). Das ist von der Kritik nicht nur positiv vermerkt worden, von Altmännerprosa war die Rede. Nun, bei Goethe, können die Kritiker aber nichts dagegen haben, so Walser in dem an die Lesung anschließenden Gespräch gut gelaunt. Schließlich ist aus dieser späten Leidenschaft immerhin ein so berühmtes Gedicht wie die "Marienbader Elegie" hervorgegangen. Im Kurort Marienbad hatten Goethe und Ulrike von Levetzow sich kennengelernt.

Das Gespräch war von Walsers Seite aus ein Diskurs über Liebe und Sehnsucht und die Rolle der Kunst darin. Ausgehend von der "Marienbader Elegie" ("Wenn Liebe je den Liebenden begeistet, / Ward es an mir aufs lieblichste geleistet; // Und zwar durch sie!"), sieht er im alten Goethe nicht den großen Entsagenden, als der er sich selbst stilisierte, sondern den noch einmal groß und unglücklich Liebenden. So ein Schmerz, so Walser, könne keineswegs in der Kunst überwunden werden, "aber er wird schön". Eine gesteigerte Empfindungsfähigkeit im Schmerz, und zwar ohne Hoffnung, damit den Schmerz hinter sich lassen: Das ist der Punkt, in dem Walser sich in Goethe spiegelt.

Es gebe eben keine Liebe ohne Leiden, wie der Kollege einer Frankfurter allgemeinen Zeitung in Anspielung an ein Kitschlied von Udo Jürgens den Abend etwas flapsig auf den Punkt brachte. Ganz ohne Ironie ist Martin Walser wirklich nicht immer zu ertragen. Aber der Abend machte einmal mehr klar, dass dieser Autor immer dann am besten ist, wenn er auch etwas peinlich ist - dann geht er mutig mitten hinein in die Gefühle. Einen schönen Begriff nahm man auch mit nach Hause. Man müsse genau "hinfühlen", sagte Walser an einer Stelle des Gesprächs. Das kann man offenbar auch mit seltsamen Krawatten tun. DIRK KNIPPHALS

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