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  • 22.07.2008

Die Kirmeswerdung der Open-Air-Familie

Die Ausgabe 2008 des Wohlfühlfestivals "Melt!" stand mehr im Zeichen von Gewitter, Kommerzialisierung und technischen Pannen als von Konzerthöhepunkten. So hatten die Zuschauer mehr Spaß unter den Regenschirmen, aber weniger Freude an den Darbietungen ihrer Indie-Helden

VON DAVID DENK

Als am späten Samstagnachmittag zwei Regenbogen über "Ferropolis" erschienen, applaudierte und johlte der ganze Zeltplatz. Gerade noch hatten die Festivalbesucher das miese Wetter verflucht und sich vor dem Regenguss in Sicherheit zu bringen versucht, nun standen sie vor ihren Zelten und bewunderten das Naturschauspiel, als wäre es der Headliner des Wochenendes.

Es war einer der raren Momente beim Melt! 2008, in denen die Festivalromantik aufkam, die die Süddeutsche Zeitung in einer Hymne auf "familiäre Open Airs" in der Samstagsausgabe beschworen hatte, von denen das Melt! "eines der schönsten" sei.

Bis nach dem Melt! 2006 hätte man da umstandslos zugestimmt. Doch dann kam im vergangenen Jahr das "Coca-Cola-Tent" dazu und damit die Kirmesatmosphäre. 2007 war allerdings auch das Jahr, in dem das Melt! zum ersten Mal seit Festivalgründung 1997 schwarze Zahlen geschrieben hat. Das ist die Ambivalenz der Kommerzialisierung: Was nützt einem die Aussicht, dass das Melt! auch nächstes Jahr stattfinden kann, wenn man sich fragt, ob man überhaupt wieder hinfahren soll?

Dass der Ruf des Melt! als das Gutfindfestival der Nation gefährdet ist, ahnt auch der Veranstalter. "Ich fände es schade, wenn in deinem Artikel stehen würde, dass man da nicht mehr hinfahren kann", sagt Matthias Hörstmann, der auch das kostenlose, von Anzeigen finanzierte Musikmagazin Intro herausgibt.

Doch auch Hörstmann, der zum Fünftagebart einen Kapuzenpulli der Festivaldarlings The Whitest Boy Alive trägt, scheint sich auf seinem eigenen Festival nicht mehr so ganz wohl zu fühlen. "Es sind Leute dazugekommen, die ich zu Hause nicht auf dem Sofa sitzen haben möchte, Drei-Tage-wach-Publikum", gibt er zu und sagt: "Dieses Festival hat sein Limit erreicht." Mehr als 20.000 Besucher kamen am Wochenende auf das unwirkliche, von monströsen Braunkohlebaggern gesäumte Festivalgelände nahe Dessau in Sachsen-Anhalt.

Das Melt! 2008 hatte viel mit sich selbst zu kämpfen. Abgesehen von der Kirmeswerdung eines Indiefestivals ärgerten die Besucher zahlreiche Organisationspannen: vor allem die stundenlangen Wartezeiten beim Tausch der Eintrittskarten gegen Festivalbändchen, die viel zu kleine Location für The Whitest Boy Alive und der wegen Gewitterschäden ersatzlos gestrichene Auftritt der Hypeband Hercules and Love Affair. Sowohl am Freitag- als auch am Samstagabend sorgte kräftiger Regen für Überschwemmungen und Kurzschlüsse auf der Hauptbühne, die in diesem Jahr den Namen eines Turnschuhherstellers trug.

Dessen Stoffschühchen hatten die Festivalprofis in diesem Jahr gegen bunte Gummistiefel getauscht. Während die einen trotzig durch die Pfützen tanzten, achteten die anderen, den Blick stur gen Boden gerichtet, ganz genau darauf, wo sie hintraten. An dieser Stelle möchte der Autor herzlichst der Blondine danken, die ihm ihren Union-Jack-Regenschirm "made in China" geliehen hat. Und Katja und Björn grüßen, die er unter dem Schirm kennengelernt hat. Weil es da ziemlich eng war, konnte er sehen, wie Björn eine Twitter-SMS mit folgendem Text schrieb: "Gewittersturm überm Melt. Warten auf The Notwist". Das ist sachlich völlig richtig - nur fragt man sich, wen es interessiert, wo Björn gerade im Regen steht.

Nachdem das Gewitter vorübergezogen und die Bühne trockengewischt war, bedankte sich Sänger Markus Acher artig dafür, "dass ihr alle noch da seid" und spielte eine knappe Stunde lang zauberhafte Notwist-Songs, die mit ihrem betörenden Plackern und Blubbern doch sowieso dem Regen näher sind als der Sonne.

Besonders stolz waren die Veranstalter des Melt! in diesem Jahr auf die beiden Höhepunkte eines jedoch vor allem im Popularitätsmittelfeld schwächelnden Festivals: die einzigen Deutschland-Auftritte von Franz Ferdinand und Björk in diesem Jahr - im Fall von Björk sogar das erste seit fünf Jahren. Besonders die Isländerin, für deren Auftritt das Festival zum ersten Mal auf drei Tage erweitert worden war, bezauberte die Festivalbesucher. Anmutig, energetisch und musikalisch überragend versöhnte Björk, die sogar auf ein Bläserensemble singen kann, viele Besucher mit dem Krisen-Melt! 2008.

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