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  • 22.08.2008

Mach meine Schwester nicht an!

Sisters, die Frauenabteilung des afrodeutschen Politpop-Projekts Brothers Keepers, bringen mit "Gender Riots" ihr Debüt heraus. Der Job ist klar: Diskriminierung bekämpfen. Wen man erreichen will, weniger. Kinderzimmer, Universität, Charts?

VON SONJA EISMANN

Nicht gerade ein wohliges Gefühl, wenn man sich in Erinnerung ruft, was im Jahr 2000 der Anlass für die Gründung der Brothers und Sisters Keepers war: Bei einem rassistischen Überfall in einem Dessauer Park wurde der 39-jährige Mosambiker Alberto Adriano zu Tode geprügelt. Als Reaktion schlossen sich afrodeutsche MusikerInnen wie Adé Bantu, Torch, Xavier Naidoo, D-Flame, Afrob, Samy Deluxe und Mamadee zu einem Kollektiv zusammen: Brothers Keepers. Auf ihrer Platte "Lightkultur", die als scharfes Statement gegen deutsche Xenophobie und Nazigesinnung im Dezember 2001 veröffentlicht wurde, fanden sich auch zwei Stücke der insgesamt acht beteiligten Sisters Keepers, die sich neben dem betont maskulinen Zorn deutlich versöhnlicher ausnahmen. Der "Letzten Warnung" standen hier "Liebe und Verstand" gegenüber.

In der Bibel fragt Gott Kain, nachdem der seinen Bruder erschlagen hatte, wo er denn Abel gelassen habe. "I know not: Am I my brother's keeper?", antwortet der Schuldige patzig in der englischen Version. Dieser Ausspruch, nach Jahrhunderten amerikanischer Bibeltreue längst in den allgemeinen Wortschatz aufgegangen und zum Mahnmal für die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen geronnen, ist in seiner Doppeldeutigkeit mit Bezug auf afroamerikanische Männer, die sich gegenseitig häufig als "Brothers" titulieren, ein durchaus passendes Emblem für eine afrodeutsche Männerinitiative. Aber was ist mit den Sisters, die in der Bibel selbstverständlich nicht gesondert zur Sprache kommen?

1851 wollte die schwarze Abolitionistin und ehemalige Sklavin Sojourner Truth auf der Women's Convention in Ohio von den wohlsituierten weißen Männern und Frauen im Publikum wissen, wo denn ihr Podest sei, auf das man im Viktorianischen Zeitalter die Frauen als ätherische "Engel im Haus" metaphorisch stellte? Nach Jahren unmenschlichster Sklaverei, die nie einen Unterschied zwischen männlich oder weiblich gemacht hatte, artikulierte Sojourner Truth die berühmte Frage: "Ain't I A Woman?" Schon 14 Jahre vorher hatte der Sklavereigegner George Bourne in seinem Werk "Slavery Illustrated in Its Effects Upon Women" einen Stich abgedruckt, der eine kniende Sklavin zeigt, die ihre angeketteten Arme flehend nach oben erhebt, umrahmt von den Worten: "Am I Not a Woman and a Sister?"

Wer hütet also die Schwestern? Die Verquickung von "Rasse", Klasse und Geschlecht als besonders perfide "triple oppression", schon damals als spezifisches Problem nichtweißer Frauen erkannt, aber erst ab den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts von Kritikerinnen wie bell hooks, Gloria Anzaldúa, Audre Lord und Maxine Hong Kingston nachhaltig auf die Theorielandkarte gebracht, treibt auch die deutschen Sisters um.

Nachdem sich die Keepers seit der Veröffentlichung von "Lightkultur" sehr viel mit Aufklärungsarbeit in Schulen und Bildungsinstitutionen beschäftigt hatten - und die Sisters im Februar bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest Platz 14 belegten -, ist der weibliche Teil des Zusammenschlusses, neu zusammengesetzt und auf den Bandnamen "Sisters" reduziert, jetzt mit einem ersten kompletten Album zurück. Der Titel: "Gender Riots".

In "Unite" rappt Meli: "Ich bin mein Sister's Keeper, behüte meine Schwester". Hier wird der Kritik rassistischer Diskriminierung die spezifisch weibliche Perspektive auf Unterdrückung - und vor allem Solidarität - hinzugefügt. "Wir wollten weibliche Stärke zeigen. Aber eben auch Frauen und Mädchen inspirieren, an sich selbst zu glauben", erklärt Onejiru, eines der sieben fixen Bandmitglieder. "In vielen Kulturen stellt man fest, dass Frauen sich gegenseitig behindern und als stutenbissig gelten. Aber aus einem Zusammenschluss kann viel, viel mehr Kraft geschöpft werden. Das soll nicht heißen, dass es immer leicht ist. Frauen müssen es nur wollen."

Auf die Frage, wie der latent akademische Gestus, der sich für viele immer noch mit dem Terminus "Gender" verbindet, mit der Fluffigkeit des Soul-Pop-Projekts, als das sich die Platte musikalisch präsentiert, zusammengeht, bemerkt Onejiru verschmitzt: "Ein bisschen Aufruhr hat noch niemandem geschadet." Dann fügt sie hinzu: "Ich für meinen Teil mag es, wenn sich etwas außerhalb von der gängigen Marketingstrategie entwickelt, wenn man etwas wagt, ohne auf die potenzielle Zielgruppe zu schielen. Das befreit und lässt der Kreativität den eigenen Lauf."

Dass die "Riots" sowohl auf (historische) Ausschreitungen von Schwarzen als auch auf die Bewegung zorniger junger (weißer) Frauen Anfang der 1990er-Jahre verweisen, ist natürlich kein Zufall. Man fühle sich der Tradition von Blaxploitation und Riot Grrrl Groups viel stärker verpflichtet als dem, was durch die Terminologie endloser Casting Shows unter dem - für die Genealogie der Black Music einst so wichtigen - Begriff Girl Group entwertet worden sei, so Onejiru.

Textlich lässt sich diese Verbindung durchaus herstellen, musikalisch hakt es ein wenig. Die von verschiedenen Produzenten unter der Regie von Matthias Arfmann, ansonsten zuständig für den Sound von u. a. Jan Delay, Patrice und eben auch Onejiru, entstandene Musik steht dabei ästhetisch in deutlichem Gegensatz zur Radikalität, die der Titel proklamiert. Die zwölf Stücke, in ihrer Diversität zwischen Pop, Reggae, Hiphop und Neosoul so etwas wie der gewollte Querschnitt aus den Geschmäckern der sieben Sisters Onejiru, Mamadee, Meli, Nicole Hadfield, Tamika, Noah Sow und Namusoke sowie ihren vier Unterstützerinnen Angela Ordu, Tesirée Kaitesi, Sonia Singh und Lisa Cash, präsentieren sich glatt und wenig abweichlerisch. Obwohl es das erklärte Ziel war, "eben keinen Weichspülersound und -messages" zu fabrizieren, nivellieren sich die Spitzen in der Summe doch zu wenig spezifischer Breitenwirksamkeit. Aber wer weiß, vielleicht braucht es ja genau diese, um ganz weit bis in die Provinz und die Kinderzimmer vorzudringen, wo Bewusstsein gemacht wird.

Trotz des leichtfüßigen Pop-Appeals verspüren die Sisters nämlich auf jeden Fall so etwas wie einen Bildungsauftrag - waren sie doch auch schon im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung wie auch für das Goethe Institut unterwegs. Onejiru: "Als ich noch zur Schule ging, habe ich eine umfassende Aufklärung über den afrikanischen Kontinent und einen Umgang mit dem Erbe der Sklaverei und Kolonisierung vermisst. Es war nicht sehr schön, die Stereotypen zu ertragen. Das hat sich im Laufe meines Studiums - Geografie, Afrikanistik und Völkerkunde - nicht besonders erhellt oder gar geändert. Ich habe auch genau deswegen diese Fächer gewählt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich nicht warten kann, dass sich etwas ändert. Ich muss es selbst in die Hand nehmen. Deshalb ist mir persönlich der ,Bildungsauftrag' wichtig. Meine anderen Sisters haben da ihre eigenen Erfahrungen gemacht, und es hat sich als ein wunderbares Gefühl erwiesen, Vorbilder für die SchülerInnen, für die Kids zu sein. Der Dialog und Austausch von Erfahrungen sind unglaublich wichtig."

Ein Blick auf die Songtext-Website magistrix.de bestätigt, neben der Notwendigkeit des Engagements für die Geschlechtsgenossinnen, bei dem sich die Sisters dankbar auf ihre "Vorfahrinnen" berufen, ohne sich nach eigener Aussage von Dogmen einschränken lassen zu wollen, die ungebrochene Dringlichkeit antirassistischer Agitation. Unter dem Songtitel "Adriano (letzte Warnung)" der Brothers Keepers, findet sich, offensichtlich in die Site gehackt, ein rassistischer Schmähtext: "Gestern noch im Urwald herumgehopst / kommt jetzt zu uns das negride Gesocks!" mit dem Refrain "Nigger, Nigger - raus aus unserem Land!" Da bleibt zu hoffen, dass eine massive Präsenz der afrodeutschen Sisters und ihrer Sisters dumpf-deutschen Ressentiments wie diesen bald den Hahn zudreht.

Sisters: "Gender Riots" (V2 Records)

"Ich kann nicht warten, bis sich was ändert, ich muss es selbst in die Hand nehmen", erklärt Onejiru von Sisters

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