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  • 14.01.2010

Ein zärtlich zuschnappendes Denken

VON A BIS Z 453 Minuten mit Gilles Deleuze: Die DVD-Box "Abécédaire" macht mit dem französischen Theoretiker vertraut

VON EKKEHARD KNÖRER

Im Winter 1988 und im Frühjahr 1989 stellte sich in drei Sitzungen der Philosoph Gilles Deleuze in seiner Wohnung den Fragen eines Fernsehteams. Kein Gespräch also, eher eine Befragung. Das Prinzip war dabei so willkürlich wie einfach. Die Themen folgten den Buchstaben des Alphabets, ein Buchstabe, ein Gegenstand, von A wie "Animal" ("Tier") bis Z wie "Zickzack". Deleuze bekam die Liste im Vorhinein und arbeitete seine später in freier Rede vorgetragenen Antworten gewissenhaft aus.

Eine Bedingung stellte Deleuze, der vom Fernsehen, das er als eifriger Zuschauer gut kannte, nur das Schlechteste dachte. Ausgestrahlt werden dürfe, wurde vereinbart, die Sendung erst postum. Diese Abmachung wurde dann freilich aufgelöst. Der Regisseur des "Abécédaire", Pierre-André Boutang, einer der Gründer des Senders Arte, bekam von Deleuze die Erlaubnis, die einzelnen Teile des Gesprächs in der Arte-Sendung "Metropolis" zu senden.

Claire Parnet, die die Stichworte gibt, war eine Schülerin und, à distance, wie sie in einem Interview sagt, auch eine Freundin von Gilles Deleuze. Aus ihren Fragen geht deutlich hervor, dass sie mit den Gewohnheiten, den Schrullen des Philosophen gut vertraut war.

Zu den Schrullen gehört entschieden Deleuzes Haltung zum Essen, für das er nichts übrig hat. Mit der Ausnahme einer Dreifaltigkeit von Speisen: Hirn, Zunge, Mark. Vater, Sohn, Heiliger Geist. An dieser wie an manch anderer Stelle ist zwischen großem Ernst und schalkhafter Selbstironie bei Deleuze nicht wirklich zu unterscheiden.

Gedreht ist das "Abécédaire" auf Film. Was zur Folge hat, dass das Gespräch in Einstellungen von jeweils zehn Minuten Länge zerfällt; danach wird die Rolle gewechselt. Regelmäßig führt das zu Unterbrechungen im Redefluss, zu Zäsuren und Wiederaufnahmen. Manchmal gibt es Weißblenden, da redet Deleuze ohne Bild einfach noch etwas weiter. Meist klatscht dann ein Assistent, die Rolle der Klappe übernehmend, vor der Kamera in die Hände: Fortsetzung folgt.

Unter dem Buchstaben F geht es nominell um "Fidelité" ("Treue"). Das erweist sich jedoch als Deckwort für lange Ausführungen zum Thema Freundschaft. Deleuze hatte einige enge Freunde unterschiedlicher Art. Mit dem einen verstand er zu schweigen, mit Félix Guattari entwickelte er gemeinsam eine Philosophie, Foucault, den er tief bewunderte, traf er selten. Man müsse, erklärt er zuletzt, im anderen den Punkt der Verrücktheit erkennen, dann erst werde ein Mensch vom Fremden zum Freund.

Zum Denken gelangt man, so Deleuze, nur an der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen. Eine Idee, ein Begriff entsteht am äußersten Punkt, an dem das Wissen ins Nichtwissen übergeht. Ein Punkt, an dem, wer denkt und wer schafft, keine Gewissheit mehr hat über das, was er denkt. Begriffe zu schaffen, Deleuze sagt es wieder und wieder, ist die wichtigste, ja, die einzige Aufgabe des Philosophen. Im Begriff, den er erfindet, schafft der Philosoph das Gefüge eines Problems.

In drei Sitzungen entstand das "Abécédaire". Drei unterschiedliche Kamerapositionen rahmen den Philosophen an immer demselben Ort: auf einem Stuhl vor einem Sims, darüber ein Spiegel. In der ersten Sitzung hängt ein Hut an einem Haken zwischen Spiegel und Tür. In der zweiten Sitzung sieht man zwei Hüte, einer hängt, einer liegt auf dem Sims. In der dritten Sitzung ist der Rahmen am engsten, aber wieder zwei Hüte, beide nun auf dem Sims. Beim Stichwort "Professeur" ("Professor", "Lehrer"), das zu den interessantesten gehört, weist Parnet darauf hin, dass die Hüte - neben den Fingernägeln - zum Deleuze-Mythos gehören.

An keiner Stelle hat man den Eindruck, dass Deleuze etwas auswendig Gelerntes vorträgt. Zwischen den Gedanken, die er sich bereitgelegt hat, erscheint vieles als Improvisation. Dazu passen die subtilen Stimmungsmodulationen des Gesprächs. Mal scheint der Philosoph müde, dann erregt er sich, schweift begeistert ab, kehrt erschöpft zurück, setzt neu an. Nie verliert er den Faden.

Die Psychoanalyse, Freud vor allem, verachtet Deleuze. In einer Anekdote, die er erzählt, führt er das vor. Jung berichtet Freud einmal, er habe von einem Gebeinhaus geträumt. Freud sieht in seiner Deutung nur einen einzelnen Knochen. Der Plural, die Mehrzahl, die vielen Knochen gehen, so Deleuze, über seinen Begriff.

Wer Deleuze sieht, kann von seinen Fingernägeln nicht schweigen. Es sind Krallen, formlos, verfärbt, gebogen, eingerollt, tierisch fast. Wann immer die Hände im Bild sind, blickt man fasziniert, entsetzt, angeekelt, staunend darauf. Auch die Krallen gehören in der Aufzählung der einstigen Schülerin Claire Parnet zum Mythos.

Deleuze geht nicht gern hinaus in die Welt. Er hasst Konferenzen, Konversation und geselliges Beisammensein. Wenn er die Wohnung verlässt, will er pirschen. Er legt sich auf die Lauer, er hofft auf das Ereignis der Begegnung. Etwas spricht ihn an im Film, den er sieht, in der Ausstellung, die er besucht. Lauernd setzt er sich ins Verhältnis zur Welt, man muss sich sein Denken als zärtlich zuschnappendes vorstellen.

Die Müdigkeit ist des nie ganz gesunden Philosophen Begleiter. Sie kommt im Laufe des Tages, und Deleuze empfängt sie, wenn die Arbeit des Tages getan ist, mit Freundlichkeit. Er schätzt sie, sie umfängt ihn, weich und wie Watte, sie nimmt der Welt ihre Schärfe.

Nicht die Notwendigkeit bestimmt das "Abécédaire", sondern die Lust an der Willkür des Alphabets. Und doch hat man nicht den Eindruck, dass etwas fehlt.

An Obsessionen mangelt es Deleuze nicht: für Leibniz, für Spinoza, für das Kino. Gegen das Bellen der Hunde und das Reiben der Katzen an Beinen und Körpern, gegen das Essen, gegen das Reisen. Aus der Liebe wie aus dem Widerstand zieht der Philosoph Energien.

Es gibt Pausen im "Abécédaire", aber Leerlauf gibt es nicht. Das ganze Gespräch, die siebeneinhalb Stunden, sind im besten Sinn konzentriert. Deleuze lässt sich tragen von der Bewegung des eigenen Denkens, reagiert auf zugeworfene Fragen, aber in eigener Art. Wenn er lacht, sieht man die Lücke zwischen den oberen Vorderzähnen.

Bei der Bäcker-Transformation - einem mathematischen Konstrukt - geraten die einander zunächst fernen Punkte eines Quadrats irgendwann nebeneinander. So muss man sich das Denken, das Hirn vorstellen. Nichts muss sich fern bleiben. Auch den Wissenschaften, von denen er nicht mehr als nur gerade genug verstehen will, lauert Deleuze auf.

Ein anderes Beispiel ist der Riemannsche Raum, den man sich nicht als ganzen, sondern nur Stück für Stück vorstellen kann. Hier entdeckt Deleuze eine Nähe zum Raumkonzept der Filme Bressons. Die Aufgabe des Philosophen ist es nicht, Begriffe der Wissenschaft korrekt zu verwenden, sondern mit seinen Konzepten das, was nicht denkbar war, denkbar zu machen.

In der ersten Sitzung - und nur in ihr - sieht man im Spiegel die Fragestellerin Claire Parnet. Sie verschwindet dann aus dem Bild, man hört nur noch ihre Stimme. Das ist bezeichnend für den Takt dieses Films, der stets jene Mittel wählt, die sich, weil sie einfach sind, als die rechten erweisen.

Die Literatur, die Kunst, das Kino hat Deleuze geliebt. Das Theater und die Musik nicht, behauptet Parnet und erntet nicht in puncto Theater, aber beim Thema Musik Widerspruch. Er sitzt ungern unbequem, es fehlt vor allem die Zeit, aber die Opern von Berg und Mahlers "Lied von der Erde" bewegten ihn, sagt der Philosoph, wie weniges sonst.

Die Unterbrechungen alle zehn Minuten, die Weißblenden, das Klatschen des Tonmanns, das Innehalten und Neuanfangen geben dem Film etwas von einem Musikstück. Das "Abécédaire" ist eine Komposition für Gedanken.

Guillermo Vilas hat das aristokratische Genie des Björn Borg, der das Tennis als Massensport neu erfand, nur imitiert. Deleuze ist ein großer Philosoph des Sports, insbesondere des Tennis. Neben Borg bewundert er auch John McEnroe sehr.

Wittgenstein und die Wittgensteinianer verabscheut Deleuze dagegen wie wenig auf der Welt sonst. Sein Bannfluch gegen den Denker, Verkörperung alles Falschen in der Philosophie, ist der kürzeste und der heftigste Abschnitt im ganzen Film.

X und Y lässt das Abécédaire aus.

Ob es ihm gefällt, dass in seinem Namen der Buchstabe Z auftaucht, fragt zuletzt Claire Parnet. Ich bin überglücklich, sagt der Philosoph, und lacht das herrliche Lachen von Gilles Deleuze.

Gilles Deleuze/Claire Parnet/Pierre-André Boutang: "Abécédaire. Gilles Deleuze von A bis Z". 3 DVDs, 453 Min., Zweitausendeins, 49,90 €

Deleuze geht nicht gern hinaus in die Welt. Wenn er die Wohnung verlässt, will er pirschen

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