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  • 24.02.2010

"Das Krankheitsbild ist politisch"

SELBSTVERSTÜMMELUNG ALS ÜBERLEBENSTECHNIK Die Geschichte eines Ausgestoßenen ist auch die seiner Feinde: Regisseur Frank Castorf über den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, dessen "Soldaten" er in Berlin inszeniert

INTERVIEW PETER LAUDENBACH

Das Intendantenbüro der Berliner Volksbühne ist überheizt, Frank Castorf laboriert an einer schweren Erkältung. Wir wollen ausnahmsweise nicht über die Dauerkrise der Volksbühne reden, sondern über seinen derzeitigen Lieblingsautor: Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751 bis 1792, von dem er gerade das dritte Stück inszeniert. Castorf, der gefürchtete Trash-Fan und Schänder edler Dichtung, präsentiert sich als genauer Leser, der es mit jedem Ideologen der Werktreue aufnehmen kann. Der bekennende Zyniker Castorf wird bei Lenz ungewohnt melancholisch.

taz: Herr Castorf, nach Wolfgang Rihms "Lenz"-Oper in Wien und dem "Hofmeister" in Zürich inszenieren Sie jetzt mit den "Soldaten" Ihr drittes Lenz-Stück. Was interessiert Sie so an Jakob Michael Reinhold Lenz, diesem etwas irrlichternden Dramatiker aus dem 18. Jahrhundert?

Frank Castorf: Heiner Müller hat mal erzählt, wie er mit Peter Brook am Berliner Ensemble Brechts "Hofmeister"-Bearbeitung gesehen hat. Brook sagte, wenn es Artauds Theater der Grausamkeit gibt, dann ist es das, "Der Hofmeister" von Lenz.

Da wird die Geschichte einer Kastration erzählt: Der Hofmeister, der zu arm, ist, um zu heiraten, entmannt sich selbst.

Der Schnitt durch das eigene Fleisch, die Selbstverstümmelung ist der Preis, um in dieser Gesellschaft schmerzfrei zu überleben, um gesellschaftsfähig zu werden, das Leben in der Selbstverleugnung. Es gab im 18. Jahrhundert ernsthafte Reformdebatten, die die Kastration für Junggesellen vorgeschlagen haben, aber Selbstverleugnung ist auch heute gängige Überlebenstechnik.

Seit wann sind Sie Lenz auf der Spur?

Meine Sicht auf Lenz ist stark geprägt von einem Standardwerk, das ich an der Uni gelesen habe, "Büchner und seine Zeit" von Hans Mayer, ein Buch, das leider etwas in Vergessenheit geraten ist. Büchner beschreibt in seiner Erzählung "Lenz" anhand von Aufzeichnungen des Pfarrers Oberlin, bei dem Lenz untergekommen war, jemanden, der zweifellos genialisch-infantile, schizophrene Züge hat. Das ist eine frühe Bestandsaufnahme der Krankheit Schizophrenie. Meine Sicht auf Lenz ist natürlich auch die Wut auf das Idealische Schiller'scher Prägung. Manchmal ist es wichtiger, eine Hundehütte zu zeichnen, als ganze Ideengemälde zu entwerfen. Dann ist es die Wut darüber, wie Goethe in "Dichtung und Wahrheit" seinen Jugendfreund Lenz denunziert. Lenz wird durch die Sichtweise von Goethe zum Narren gemacht, jemand, der sich immer daneben benimmt.

Goethe wirft Lenz "Selbstquälerei" und "formloses Schweifen" vor.

Ja. Aber das Krankheitsbild ist auch politisch. Als Lenz 1876 den arrivierten Goethe in Weimar besucht, lässt Goethe ihn ausweisen, man weiß nicht genau, was vorgefallen ist, Goethe spricht nur von Lenz' "Eselei".

Lenz schreibt danach, er sei "ausgestoßen aus dem Himmel als ein Landläufer". Das ist der Bruch in seinem Leben.

Danach irrt er zu Fuß durch halb Deutschland, ohne Geld, bis er seine ersten schizophrenen Schübe bekommt. Goethe hat eine politische Karriere am Hof vor; die revolutionären Sturm-und-Drang-Jugendfreunde, Klinger, Wagner, Lenz, die zu ihm nach Weimar kommen, werden dieser Karriere gefährlich. Also müssen sie liquidiert werden.

Der Karrierist Goethe panzert sich und spaltet mit seinen Jugendfreunden seine eigene Jugend von sich ab?

Das macht er mit einer ungeheuren Intuition und Brutalität. Der Sturm und Drang war der kurze Sommer der Anarchie, das muss vom Hofbeamten Goethe ausgeschaltet werden. Goethe treibt Lenz in die Isolation. Das ist von Goethe völlig konsequent gedacht, aus Überlebenswillen und Selbstschutz. Deshalb auch seine Abwehrreflexe gegen Kleist, gegen Hölderlin, gegen die Romantiker. Es gibt ja viele traurige Gestalten in der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, Lenz ist in dieser Vereinsamung der traurigste, schreibt Hans Mayer.

Gilt das für sein ganzes Leben?

Lenz stirbt als Obdachloser auf den Straßen Moskaus, in der Vereinsamung und Vereisung, in der Anonymität. Er stirbt, wie es hieß, "von wenigen vermisst und von keinem betrauert". Wenn dann jemand wie Büchner aufsteht und diese großartige Erzählung "Lenz" schreibt, ist das eine Ehrenrettung. Die Heftigkeit, mit der Goethe daran arbeitet, Lenz als Parodisten, als Unikum zu denunzieren, ist verräterisch und grausam. Natürlich hatte Lenz die Disposition zur Krankheit in sich, zur Schizophrenie. Aber seine Krankheit hat auch mit Verletzungen zu tun. In seiner Soldatenzeit, als Hofmeister der Barone von Kleist, haben ihn die Offiziere nackt aus dem Fenster gehalten, die üblichen sadistischen Scherze, die man mit sozial Schwächeren macht. "Der Hofmeister" und "Die Soldaten", das sind die ersten Tragikomödien der deutschen Literatur, damals pure Gegenwartsstücke. Was mich wirklich interessiert, sind zum Beispiel diese zerrissenen, kurzen Szenen. In den "Soldaten" bestehen Szenen teilweise nur aus ein, zwei Sätzen, das ist wie im Film.

Zerrissene Szenen eines zerrissenen Autors.

Ja. Lenz wird überall rausgedrängt, er hat nie eine richtige Stellung, er ist sozial nicht kompatibel. Er träumt davon, die Zarin zu beraten und entwickelt politische Reformideen. Das sind wahrscheinlich nur noch die Stoßgebete eines Schizophrenen, der längst alle sozialen Bindungen verloren hat, den man höchstens noch als genialischen Narren sieht. Das ist typisch für die Lage deutscher Intellektueller: Wenn sie nicht Erfolg haben und Karriere machen, werden sie närrisch und wunderlich, oder sie werden in die Position des Gestörten getrieben, Hofnarren wie Gundling am preußischen Hof. Es gibt den berühmten Satz "An ihm ist viel gesündigt worden" - und an Lenz ist wirklich viel gesündigt worden.

Lädt Lenz als halb wahnsinniges, am Leben gescheitertes Genie zu kitschigen romantischen Projektionen ein?

Das wäre ein falscher Blick. Er vermarktet sein Außenseitertum nicht. Er ist nicht Kurt Cobain oder Rimbaud, der schon weiß, dass er mit der Flucht nach Afrika als Waffenhändler an der Selbstmystifizierung arbeitet. Lenz will ja mitmachen, er will dazugehören und geliebt werden, er will helfen und durchstoßen zum Konsens der Gesellschaft, aber es gelingt ihm einfach nicht. Sein Außenseitertum ist nicht kalkuliert. Er ist wirklich ein naives Kind. Das ist das Bewunderungswürdige an der Oper von Rihm, in Musik übersetzte Psychopathologie, eine geniale Darstellung dieser völligen Verlorenheit und Einsamkeit.

Was sind das für Männergestalten in den "Soldaten", alle mit sexuellem Überdruck, der sich in Zoten und Saufgelagen abreagiert, halb komische, halb grausame Figuren? "Furchtbare Ehelosigkeit, was für Karikaturen machst Du aus den Menschen", heißt es einmal.

Die Scherze sind sehr derb, das kenne ich aus meiner eigenen Armeezeit, man genießt die gemeinsame Verrohung. Je mehr Saufen, desto besser. Aus Langeweile tyrannisiert man sich gegenseitig, der Schwächste oder Merkwürdigste in der Gruppe wird zum Opfer, das sind sexualsadistische Momente. Einen so ungeschminkten Umgang mit Sexualstörungen kenne ich sonst kaum aus der deutschen Literatur. Das hat was vom Keller in "Pulp Fiction", wenn man runtergeht in die tieferen Regionen. Der beliebteste Freizeitsport der Offiziere in Straßburg, wo Lenz war, war es, Bürgermädchen zu verführen. Dieses Muster des adligen Verführers beschreibt Lenz im Gegensatz zu Schiller oder Lessing in ihren bürgerlichen Trauerspielen mit einer ungeheuren Trostlosigkeit. All diese Figuren mit ihren Hoffnungen gehen zu Grunde. Marie, das verführte Bürgermädchen, endet als Prostituierte, bettelnd und hungernd. Die Aussichtslosigkeit dieser Figuren ist etwas, das einen runterziehen kann.

Setzt er dem etwas entgegen?

Wie einen Kontrapunkt setzt Lenz das grelle, irrationale Lachen, das in jeder Szene da ist. Das ist wie von Beckett oder Pina Bausch, eine groteske Modernität. Die harten Schnitte zwischen den Szenen haben fast etwas vom Boulevard, wie später bei Feydeau, die Tür geht zu, die Tür geht auf, und dazwischen werden ansatzlos und wie nebenbei ganze Biografien verwüstet und die Unschuld dieses Bürgermädchens weggevögelt. Ich finde die Stücke von Lenz so atemberaubend, weil sie keine falschen Hoffnungen aufkommen lassen. Diese Kombination aus sozialer Genauigkeit und Groteske ist in der deutschen Literatur ohne Vorbild. Erst Büchner in "Woyzeck" erreicht wieder diese Dimension.

Mit seiner "Lenz"-Erzählung porträtiert Büchner auch seinen literarischen Vorläufer als Dramatiker, oder?

Büchner kommt mit dem kühlen Blick des Naturwissenschaftlers anders als Lenz zum fatalistischen Geschichtspessimismus: Machen wir uns nichts vor, die Welt ist, wie sie ist, und sie ist nicht gut für den Menschen. Wir leben in der klar erkannten Feindschaft zu den gesellschaftlichen Verhältnissen. Büchners Danton hat die tiefere Erkenntnis, dass es sich nicht mehr lohnt, zu kämpfen. Büchners "Woyzeck" ist ohne die Stücke von Lenz nicht denkbar. Stolzius, der unglücklich verliebte Junge in den "Soldaten", ist eine Woyzeck-Figur. Lenz hat wie Büchner die ungeheure Fähigkeit, nicht den großen Handlungsschirm aufzuspannen, sondern einzelne Vorgänge herauszunehmen, zu fragmentieren, um sie fast naturwissenschaftlich bewusst zu machen.

Vergrößerte, ins Groteske getriebene Momentaufnahmen statt des Kontinuums, der Diktatur des Plots - das ist sehr nah an der Erzählweise in Ihren Inszenierungen.

Ja, klar. Brechts Bearbeitung des "Hofmeisters" macht nach dem Zweiten Weltkrieg Tabula rasa, ein Spiegelbild der deutschen Misere, geschrieben aus einer Perspektive der absoluten Negation. Ich finde, dass darunter bei Lenz eine ungeheure Sehnsucht nach Harmonie liegt, eine naive Liebessehnsucht, die er nicht leben konnte.

Noch mal die erste Frage: Was fasziniert Sie so an Lenz?

Dieser völlige Schmerz, gepaart mit einer Glückssehnsucht.

"Das ist typisch für die Lage deutscher Intellektueller: Wenn sie nicht Karriere machen, werden sie närrisch und wunderlich oder in die Position des Gestörten getrieben"

FRANK CASTORF



Castorf und Lenz

 "Jakob Lenz", die Kammeroper von Wolfgang Rihm, deren Libretto auf Büchners Erzählung "Lenz" zurückgeht, inszenierte Castorf 2008 für die Wiener Festwochen.

 "Der Hofmeister" in der Regie von Castorf hatte im Januar 2010 im Schauspielhaus Zürich Premiere.

 "Die Soldaten" von Lenz werden am 25. Februar an der Volksbühne Berlin Premiere haben.

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