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  • 25.05.2010

"Thailand wacht auf"

DER GEWINNER Erstmals gehen die Thailänder auf die Straße, um zu sagen, was sie wollen. Ein Gespräch mit dem Regisseur Apichatpong Weerasethakul über Politik und Film

INTERVIEW CRISTINA NORD

Freitagvormittag, auf der Terrasse des Grand Hotel an der Croisette. Der thailändische Filmemacher Apichatpong Weerasethakul ist eben von Bangkok nach Cannes gereist, um seinen neuen Film "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" vorzustellen. Es ist der schönste Beitrag zum Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele - umso schöner, dass dies die Jury unter Leitung von Tim Burton auch so sah. Apichatpong Weerasethakul wurde am Sonntagabend die Goldene Palme überreicht.

taz: Herr Weerasethakul, wann haben Sie Bangkok verlassen?

Apichatpong Weerasethakul: Am Donnerstag. In der Nacht zum Freitag bin ich angekommen. Ich hätte es fast nicht geschafft, weil die Situation sich ständig verschlimmerte. Mein Pass war im Stadtzentrum, in der gefährlichsten Gegend, dort konnte niemand mehr hin. Ich bekam einen Ersatzpass vom Ministerium für Kultur und bat die Botschaften um Hilfe.

Wegen des Visums für die EU?

Ja. Zuerst die französische Botschaft, aber die war im Begriff zu schließen. Sie stimmten sich mit der spanischen Botschaft ab. Während wir auf dem Weg dorthin waren, sagten die Spanier: "Wir müssen jetzt auch schließen, aber wir leiten Sie an die italienische Botschaft weiter." Also fuhr ich zur italienischen Botschaft, und dort bekam ich den Stempel. Ich glaube, die haben ein paar Stunden später auch geschlossen, weil sich die Gewalt vom Stadtzentrum aus ausbreitete. Es war ja der Tag, an dem sich die Anführer der Rothemden stellten. Das hat Chaos hervorgerufen, Gewaltausbrüche überall in der Stadt. Und die Regierung hat eine Ausgangssperre angekündigt. Auf der Schnellstraße stadtauswärts waren eine Menge Autos unterwegs, man sah schwarzen Rauch über der Stadt. Es war wie ein Film.

Auf der Website der Bangkok Post stand Freitag früh, dass Anfang der Woche die Banken wieder öffnen und sich der Flugverkehr normalisiert. Kann man diesen Informationen trauen?

Es gibt eine große Spaltung in der Gesellschaft, und die Unterprivilegierten sind wütend. Manchmal zünden Leute ein Kaufhaus an, weil sie auf Drogen sind. Teenager geben ihrem Zorn Ausdruck. In vielen Städten brennen Verwaltungsgebäude. Ich bin mir nicht so sicher, wie man so leicht zur Normalität zurückfinden soll, es gibt ja mehr als einen Grund für die Unruhen.

Die Rothemden sind im Norden Thailands besonders stark. Sie sind im Nordosten groß geworden, ihre Filme spielen dort. Was macht diese Gegend aus?

Was das Wetter und die Landwirtschaft angeht, sind die Bedingungen harsch. Das bedeutet: Die Menschen sind arm. Es ist die ärmste Region des Landes. Viele gehen nach Bangkok, um dort zu arbeiten. Dort schaut man auf sie herab, unter anderem, weil sie Dialekt sprechen. In meinem Film wird durchweg dieser Dialekt gesprochen. Wer in Thailand arm ist, wird leicht zum Gegenstand politischer Manipulation, zum Beispiel durch Stimmenkauf. Das Gesundheits- und das Bildungssystem sind nicht gut. Das ist der Hauptgrund für die jetzigen Probleme; die Unruhen mussten irgendwann ausbrechen, es ist ein Bürgerkrieg und ein Klassenkampf. Aber es ist zugleich komplizierter, denn die Armen sind zwar Teil der Bewegung der Rothemden, aber eben auch die Reichen, und die Politiker haben andere Beweggründe als die Armen.

Wie stehen Sie selbst dazu?

Die Lage zwingt einen dazu, die eigenen Meinungen, Werturteile und moralischen Einstellungen unentwegt zu überprüfen - wie in dem Film "Do the Right Thing" (von Spike Lee, Anm. d. Red.). Ich frage mich noch immer, was meine Position in diesem ganzen Durcheinander ist. Mein Gefühle sind: Ich bin nicht glücklich, aber ich bin froh, diese wichtigen Ereignisse zu erleben. Wir haben diese Art von Klassenkampf in Thailand noch nicht erlebt; es ist eine starke Botschaft an die Regierung. In Frankreich mag es ja normal sein, wenn die Leute auf die Straße gehen, um zu sagen, was sie wollen. In Thailand ist es das nicht. Die Regierung reagiert mit Zensur, sie unterdrückt Nachrichten und bestimmt, was im Fernsehen läuft. Aber da wir in der Zeit von Internet und Twitter leben, wissen alle, dass das einfach nicht die Wahrheit ist. Die Leute haben ein Bewusstsein, das sie vereint: Wir sind an der Nase herumgeführt und mit Propaganda zugeschüttet worden, seit wir denken können, und das ist jetzt der Augenblick des Aufwachens.

Auch Ihr Film "Syndromes and a Century" wurde zensiert.

Ja, auf der Grundlage eines uralten Gesetzes. Als das passierte, gründeten wir die Bewegung "Free Thai Cinema", wir hielten Seminare ab und protestierten. Das trug dazu bei, dass es heute ein neues Gesetz gibt, das über Altersfreigaben funktioniert. Doch auch dieses Gesetz birgt Probleme, da die Regierung nach wie vor einen Film verbieten kann, wenn sie findet, dieser Film stellt eine Gefahr für die nationale Sicherheit dar. Das ist ein weiter Begriff, der dazu taugt, alles mögliche zu verbieten - dezidiert politische Filme, Filme über die Unruhen und die separatistischen Bewegungen im Süden zum Beispiel.

Sehen Sie selbst Ihre Freiheit des Ausdrucks eingeschränkt?

Natürlich!

Meinem Kollegen Tilman Baumgärtel haben sie vor einem Jahr gesagt, ihr bisheriges Werk sei sehr persönlich gewesen, nun wollten Sie politischer werden. Die Installation "Primitive Project", damals in München zu sehen, sei ein Schritt in diese Richtung.

Ich mache noch immer persönliche Filme, aber das Politische ist in meine Privatsphäre eingedrungen. Alles ist politisch, das Private, die Redefreiheit, die Sexualität. Und jetzt gerade geht es um die Freiheit der Thailänder, um meine Freiheit, die bedrängt und zerquetscht wird. "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" ist wie meine früheren Filme, nur an die neuen Verhältnisse angepasst, bewusster.

Es geht darin um Erinnerung - ist womöglich Erinnerung für sich genommen schon politisch?

In Thailand wird Erinnerung fabriziert. Oder besser: das Nichterinnern. "Primitive Project" entstand in einem Dorf im Nordosten, in Nabua. Dieses Dorf wurde von kommunistischen Aufständischen besetzt und daraufhin von Regierungstruppen. Das Dorf befindet sich im Mittelpunkt eines Konfliktes …

ohne das zu wollen?

Genau. Die Leute wurden gezwungen, sich den Kommunisten anzuschließen. Wenn ein Soldat sie auf der Straße anhielt und fragte, ob sie einen Kommunisten gesehen hätten, und sie nein sagten, wurden sie verprügelt. Wenn Sie sagten, sie seien Kommunisten, wurden sie sofort erschossen. Man hatte also keine andere Wahl, als in den Dschungel zu gehen und Kommunist zu werden. Das zog sich von den 60er- bis in die frühen 80er-Jahre. Heute will daran niemand erinnert werden.

Ihr neuer Film ist aus "Primitive Project" hervorgegangen. Diesmal freilich haben Sie einen Protagonisten, der sich an alles erinnert.

Während ich den Film machte, hat der Aspekt der Erinnerung an Bedeutung verloren. Ich habe mich stärker auf die Schauspieler konzentriert und darauf, wie sie auf den sterbenden Boonmee reagieren. Ich wollte dem Publikum viel Raum lassen, sich verschiedene Szenarien vorzustellen.

Tiere, Geister und Menschen koexistieren.

Der Nordosten Thailands ist stark beeinflusst von der Kultur der Khmer. Das heißt, es gibt animistische Traditionen und den Glauben an die Seelenwanderung. Tiere, Menschen und Pflanzen bilden drei zirkulierende Daseinsformen. Ich hoffe, dass das Publikum deren Präsenz im Film spürt.

Diese kleinen Geschichten, die Sie in den Film einflechten, - sind das lokale Legenden oder erfinden Sie die? Zum Beispiel die Geschichte von der Prinzessin und dem Wels?

Die habe ich mir ausgedacht, aber sie hat ihren Ursprung in dem, womit ich groß geworden bin, besonders im Fernsehen meiner Kindheit, das solche üppigen, königlichen Kostüme und solche dramatischen Plots hatte.



Apichatpong Weerasethakul

  kam 1970 in Bangkok zur Welt und wuchs in Khon Kaen im Nordosten Thailands auf. Dort schloss er ein Architekturstudium ab, anschließend studierte er Film am Art Institute of Chicago.

  Seinen ersten Langfilm, "Mysterious Object at Noon" stellte er 2000 fertig, es folgten "Blissfully Yours" (2002), "The Adventure of Iron Pussy" (2003), "Tropical Malady" (2004), "Syndromes and a Century" (2007) und jetzt "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives".

  Weerasethakul ist zugleich in der bildenden Kunst zu Hause. 2009 etwa präsentierte er im Münchner Haus der Kunst die multimediale Installation "Primitive Project", die im jüngsten Spielfilm weiterentwickelt wird.

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