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  • 04.06.2010

Missbrauch der Frequenzen

SCHALLWELLEN Der britische Musiker und Wissenschaftler Steve Goodman untersucht in seinem aktuellen Buch "Sonic Warfare" die politische Dimension des Klangs in Club und Krieg. Im Kern geht es um die Frage, unter welchen Umständen Sound "unsound" wird

VON TIM-CASPAR BOEHME

Schon mal von LRAD gehört? "Long Range Acoustic Devices" sind akustische Waffen, mit denen sich Schallwellen von einer Lautstärke bis zu 150 dB über weite Strecken ziemlich präzise auf Menschen richten lassen - das entspricht dem gebündelten Lärm eines Düsenflugzeugs in wenigen Metern Entfernung. LRADs sind keine Science-Fiction-Vision wild gewordener Klangforscher, es gibt sie tatsächlich.

Zum Einsatz kamen sie unter anderem beim G-20-Gipfel in Pittsburgh, wo die Polizei Demonstranten mit schrillen Frequenzen in die Flucht schlug. Frachtschiffe verwenden sie, um Piraten fernzuhalten. "Schallwaffen sind derzeit schwer in Mode", so Steve Goodman, Dozent für Music Culture an der University of East London, Dubstep-Produzent und Labelchef von Hyperdub Records.

In seinem Buch "Sonic Warfare" beschäftigt er sich mit dem Phänomen des Missbrauchs von Klang für militärische und polizeiliche Zwecke. Die Palette der akustischen Kampfstrategien ist breit, und nicht jede Geschichte, auf die man stößt, klingt seriös, wie er einschränkt. Da ist zum Beispiel die Ghost Army aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Division der US-Armee, in der Künstler die Aufgabe hatten, Manövergeräusche von schwerem Gerät aufzuzeichnen und in realistische Klangcollagen zu verarbeiten. Dem Feind sollte suggeriert werden, die anrückende Armee sei viel größer als die wirkliche Einheit. Psychologische Kriegsführung durch akustische Simulation also.

Anekdoten dieser Art paaren sich laut Goodman gern mit Verschwörungstheorien als Hintergrundrauschen, besonders im Internet. In seinem Buch geht es dem Forscher und Musiker in erweiterter Perspektive um die politische Dimension von Klang oder "unsound", wie er es mit einem unübersetzbaren Wortspiel nennt. "Unsound" bezeichnet für Goodman zum einen die unhörbare Dimension von Klang, Ultraschall oder Infraschall, wie er vornehmlich für akustische Kampfzwecke zum Einsatz kommt und der direkt auf den Körper einwirkt, ohne bewusst wahrgenommen zu werden.

Zum anderen heißt "unsound" so viel wie "unseriös" oder "ungesund", was die Auswirkungen dieser Unklänge treffend beschreibt. Goodmans schönstes Beispiel für die Instrumentalisierung von Klang ist der "Mosquito", ein unscheinbares Kästchen, das vor Geschäften oder in Shopping Malls angebracht wird, wo es Frequenzen von 20 kHz aussendet. Diese Töne können Erwachsene nicht hören, für Jugendliche sind sie aber äußerst unangenehm, sodass sie vom unerwünschten Herumlungern abgehalten werden. Doch findige Teenager eigneten sich diese Waffe kurzerhand für ihre Zwecke an. Sie nahmen die Klänge des Mosquito auf und benutzten sie als Klingelton für ihre Handys. "Sonic Warfare" ist voll von Geschichten dieser Art. Goodman will mit seinem Buch freilich kein bloßes Kompendium der Schallkampfmethoden bieten, sondern verfolgt zudem einen ehrgeizigen theoretischen Anspruch. Zur Fundierung seiner Theorie des "unsound" will er eine "Ontologie der Schwingungskraft" entwickeln, auf die sich die weiterführenden politischen Überlegungen stützen sollen.

Im Anschluss an Denker wie Henri Lefebre wählt er den Begriff der "Rhythmusanalyse" als Ausgangspunkt für seine Grundsatzbetrachtungen über die Rolle von Schwingungen für die Organisation der Welt, um sie mit der Affektenlehre von Spinoza zu kombinieren. So sehr man sich über Goodmans weiten Horizont, aus dem er sein Thema angeht, freuen kann, so berechtigt sind die Zweifel, wie weit seine Überlegungen tragen. Seine vom Philosophen Gilles Deleuze inspirierte Einsicht, dass ein Körper im spinozistischen Sinne keine geschlossene Einheit bildet, sondern etwas Offenes, da er affiziert werden kann und zugleich in der Lage ist, andere Körper zu affizieren, regt zweifellos zum Nachdenken an.

Leider muss man sich die Verbindung mit Goodmans politischen Ansätzen an vielen Stellen selbst zusammenreimen. Interessant ist Goodmans Idee, die Ambivalenz von Schall als Waffe über den militärischen Rahmen hinauszudenken und in den Clubkontext zu übertragen. Wie er feststellt, gibt es zwei entgegengesetzte Strategien der Verwendung von Schall: Man kann ihn einerseits nutzen, um eine Menge auseinanderzutreiben, man kann aber genauso gut Menschen mit Schall zusammenführen. Goodman, der als Kode 9 zu den Pionieren der bassbetonten Clubmusik gehört, weiß ziemlich genau, wovon er spricht. Seine Musik verwendet tiefste Frequenzen, die den Körper direkt affizieren, um ihn zum Tanzen zu bringen. Diese Töne kann man als durchaus bedrohlich empfinden. Was passiert also, wenn ein durchdringender Bass im Club Fluchtreflexe auslöst, den Atem stocken lässt, man aber nicht wegläuft, sondern bleibt und die Frequenzen in Bewegung übersetzt? Diese Frage kann auch Goodmans Buch nicht beantworten.

Steve Goodman: "Sonic Warfare. Sound, Affect, and the Ecology of Fear". MIT Press, Cambridge 2010, 270 S., £ 25,95. Goodman hält im Rahmen des Symposiums "Höre mit Schmerzen" am 5. Juni einen Vortrag im Berliner HAU

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