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  • 01.07.2010

"Das war wie ein Schock"

MAGISCHER REALISMUS "Women Without Men", das Spielfilmdebüt der exiliranischen Künstlerin Shirin Neshat, führt zurück in die 50er Jahre. Ein Gespräch über die unvorhergesehene Aktualität und eine vergessene Demokratie

INTERVIEW ANKE LEWEKE

taz: Frau Neshat, weshalb dreht man als bildende Künstlerin plötzlich einen Spielfilm?

Shirin Neshat: Weil man sich immer wieder neu erfinden muss. Ich wollte einen Film drehen, weil mich es mich gereizt hat, narrativer zu arbeiten, Motive und Themen meiner vorherigen Arbeiten in eine Geschichte einzubetten.

Und warum wählen Sie einen Roman zur Vorlage, dessen Handlung ein halbes Jahrhundert zurückliegt?

Wegen seines Stils, des magischen Realismus. Als Exilantin ist mir der Zugang zu einer realistischen Darstellung verwehrt. Ich kann nun mal keinen wirklichkeitsgetreuen Film über den Iran drehen, weil ich nicht dort lebe. Deshalb ist der magische Realismus die perfekte Ausdrucksweise für mich. Sozusagen ein anderer Weg zur Wirklichkeit meines Landes. Auch folgt das Buch wie auch meine Kunst einer konzeptuellen Idee. Durch den Garten wird die Geschichte allegorisch, er ist ein universeller metaphorischer und mystischer Raum. Die Stadt Teheran hingegen ist ein realistischer Ort. Wir haben sehr viel Mühe verwendet, die Zeit und die Stimmung Anfang der fünfziger Jahre zu rekonstruieren. "Women Without Men" will ja durchaus einen Blick in die Historie werfen, von Fakten berichten. Es ist diese Spannung zwischen konkreter Erzählung und abstrakter Überhöhung, die mich beim Lesen von Shahrnush Parsipurs Roman regelrecht fasziniert hat.

1953 war ein Wendepunkt in der Geschichte des Iran. Was kann man von dieser Zeit lernen?

Kulturell und politisch war es eine sehr bewegte Ära. Kulturell, weil der Iran damals sehr kosmopolitisch, sehr modern orientiert war, zumindest in den Städten lebte eine mehr oder weniger säkularisierte Gesellschaft. In meinem Film diskutieren Männer und Frauen über den Existenzialismus. Man war damals sehr offen für künstlerische und intellektuelle Bewegungen. Aber auch für modische Fragen. Man muss sich nur anschauen, wie elegant die fünfzigjährige Filmfigur Fakhri gekleidet ist, welche Kostüme sie trägt. In solchen Details wird die Textur einer Epoche spürbar, daher haben wir sehr genau, zum Beispiel in Modezeitschriften jener Jahre, recherchiert. Der Staatsstreich hat diese Gesellschaft aber wieder in einen anderen Zustand zurückkatapultiert. Der Westen hat diese Periode aus den Augen verloren, genauso wie viele Iraner. Aber es gab einmal den Beginn einer Demokratie im Iran!

Warum wurde diese Zeit aus dem Gedächtnis verbannt?

Im Iran scheint es ein Tabuthema zu sein, über diese demokratischen Aufbrüche zu reden. Bei uns zu Hause wurde jedenfalls nie darüber gesprochen. Als ich begann, für den Film zu recherchieren, fing ich mit Gesprächen im Familienkreis an. Zunächst stieß ich auf eine Wand des Widerstands. Denn nachdem der Schah wieder an der Macht war, hat seine Geheimpolizei nicht nur Kommunisten verfolgt, sondern auch Mossadegh-Anhänger. Mit brachialer Gewalt verfolgte man alle Oppositionellen, unterdrückte jeden Widerstand, Exekutionen waren an der Tagesordnung. Alle mussten sich ducken, deshalb wurden auch keine Diskussionen über den Staatsstreich geführt. Die Menschen haben diese Haltung über die Jahre einfach verinnerlicht. Als ich mit meinem Onkel, der schon lange in den USA lebt, über dieses Thema reden wollte, zuckte er regelrecht zusammen. Später fand ich heraus, dass er ein großer Unterstützer von Mossadegh war.

Ihr Film wurde von den Ereignissen nach den Wahlen im Iran eingeholt. Wieder gingen Menschen auf die Straße und demonstrierten für ihre demokratischen Grundrechte.

Diese Aktualisierung der Filmbilder konnte niemand vorhersehen. Das war wie ein Schock. Plötzlich wurde die politische Aktivistin Munis in meinem Film mit Nada verglichen, die bei den Demonstrationen getötet wurde. Vielleicht gleichen sich diese beiden jungen Frauen tatsächlich in ihrer Unschuld, in ihrer unideologischen Haltung. Munis sagt ja auch den Satz, dass sich die Geschichte immer wiederhole. Und zwar im negativen wie im positiven Sinn. Denn in "Women Without Men" sollte die Geschichte auch Inspirationsquelle sein, sollte zeigen, dass Generationen von Iranern bereits für ihre Freiheit gekämpft haben, dass keiner im Kampf alleine ist, dass man sogar in der eigenen Geschichte Brüder und Schwestern finden kann.

Von den Kämpfen ist in dem paradiesischen Garten, in dem sich die Lebenswege Ihrer vier Heldinnen kreuzen, nichts zu spüren. Auch schon in Ihren früheren Arbeiten wie "Tooba" zogen sich Menschen an einen solchen Ort zurück. Welches Konzept steckt dahinter?

In persischen Gedichten ist der Garten, der Park, ein Ort der spirituellen Ruhe, der Transzendenz. Ein Ort der Zuflucht, der Freiheit. "Tooba" ist ein Baum im Paradies, ein weiblicher Baum. Diese Arbeit reflektiert das Bedürfnis der Menschen, nach dem 11. September einen Ort des Friedens aufzusuchen. Dieser Ort ist die Welt unserer Gedanken, ein mystischer Raum, den wir uns selbst erschaffen. Wenn man ihn wie meine Filmheldinnen aufsucht, kann man ein Gefühl der Freiheit erleben. Teheran bleibt in "Women Without Men" hingegen die Außenwelt. Zunächst sieht man gar nicht, dass der Garten eine Mauer hat, er scheint unbegrenzt. Wenn sich am Ende die Tore öffnen und nicht klar ist, ob es die Armee ist, die sich Eintritt verschaffen will, dann kann man diesen Moment auch wie eine Vergewaltigung erleben. Denn der Garten hat seine ganz eigene Körperlichkeit.

Ist er ein Paradies ganz ohne religiösem Kontext?

Kann sein. In jedem Fall ist es ein Paradies, in dem ein von allem abgelöster Zustand der Unschuld herrscht.

Verstehen Sie sich als Botschafterin der persischen Kultur, eines Islam, der nicht politisch aufgeladen ist?

Ganz bestimmt. Man darf nie vergessen, dass jede muslimische Gesellschaft ihre eigene Geschichte hat. In den Iran wurde der Islam von den Arabern gebracht, er ist nicht unsere ursprüngliche Religion. Wir wurden gezwungen zu glauben, haben dabei aber einen mystischen Islam erschaffen, der offen für Sufismus, Poesie und Philosophie war. Von dieser Traditionslinie handeln meine Arbeiten. Im Westen neigt man aber zur Verallgemeinerung. Ich möchte diesen westlichen Blick nicht kritisieren, aber ich muss ihn ständig korrigieren. Es mag sich banal anhören, aber Islam ist nicht gleich Islam! Man sagt immer wieder, dass sich meine Arbeiten mit der Situation der Frau in der islamischen Welt auseinandersetzen. Auch dagegen muss ich mich verwahren. Es gibt nicht die eine islamische Welt. Ich würde mir doch nicht anmaßen, über türkische oder ägyptische Frauen zu sprechen. In Ägypten tragen viele Frauen den Schleier freiwillig, im Iran werden sie dazu gezwungen.

Sie leben die längste Zeit Ihres Lebens im Exil, doch der Iran folgt Ihnen …

Es gibt da dieses Sprichwort: "Sie können einen Iraner aus dem Iran nehmen, aber sie können ihm niemals den Iran nehmen." Ich glaube, dass ich gerade durch meine Exilsituation zur Künstlerin geworden bin. So kann ich mit meinem Land, mit meiner Familie in Kontakt bleiben. Weil ich nicht zurückreisen darf, werden meine Verzweiflung und Trauer immer größer. Da diese Beziehung ungeklärt ist, bleibt der Iran meine Obsession. Und in einem Land, das Kunst und Kultur nicht unterstützt, sondern in ihrer Essenz bekämpft, hat man außerhalb als Künstler eine umso größere Macht. Deshalb verstehe ich mich als Kulturbotschafterin. Es ist doch unsere Kultur, die unser Ansehen retten kann.

"Es mag sich banal anhören, aber Islam ist nicht gleich Islam! Man sagt immer wieder, dass sich meine Arbeiten mit der Situation der Frau in der islamischen Welt auseinandersetzen. Auch dagegen muss ich mich verwahren. Es gibt nicht die eine islamische Welt"

SHIRIN NESHAT



Shirin Neshat

  Shirin Neshat wird 1957 im Iran geboren. Ihre Eltern schicken sie auf ein katholisches Internat, 1975 geht sie zum Kunststudium in die USA.
  Erst zehn Jahre nach der Islamischen Revolution kehrt sie in ihre Heimat zurück. Geschockt über die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen, fühlt sich Neshat als Fremde im eigenen Land und beginnt im Exil zu arbeiten. Ihre Foto- und Videoarbeiten begeben sich auf die Suche nach der verlorenen persischen Kultur. In ihrer Kunst möchte Neshat die den Islam überdeckenden Ideologien entknoten, die sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Codes der muslimischen Welt dechiffrieren.
  Diesen Blick einer leidenschaftlichen Forscherin bewahrt sie sich auch in ihrem ersten Spielfilm "Women Without Men", der 2009 auf den Filmfestspielen in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet wurde.



"Women Without Men"

  "Women Without Men" spielt im Jahr 1953 und beginnt mit Bildern von verblüffender Aktualität. Junge Männer und Frauen ziehen durch die Straßen Teherans, fordern Freiheit und Demokratie. Ihr Hoffnungsträger Mohammed Mossadegh, der erste demokratisch gewählte Präsident des Iran, soll durch einen von Engländern und Amerikanern mitinitiierten Staatsstreich gestürzt werden. Aus der Perspektive von vier Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft erinnert Shirin Neshat an die Unruhen und Umbrüche jener Jahre im Iran. Ihr Film versucht die Gratwanderung zwischen Gesichtsstunde und magischer Erzählung. In einem paradiesischen Garten schenkt sie Ihren Heldinnen einen Augenblick des Friedens und der Freiheit. Vorlage für "Women Without Men" ist der gleichnamige Roman der Autorin Shahrnush Parsipur.

  "Women Without Men". Regie: Shirin Neshat. Mit Pegah Ferydoni, Arita Shahrzad u. a. Deutschland/Österreich/Frankreich 2009, 99 Min.

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