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  • 27.02.2012

Rette sich, wer kann

Zu Besuch beim Soziologen Wilhelm Heitmeyer

VON GABRIELE GOETTLE

"Biologen verwenden für Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen - ihrer Wirte - leben, übereinstimmend die Bezeichnung ,Parasiten'." (Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, 2005, S. 10 )

Wilhelm Heitmeyer, Dr. phil. habil., Soziologe, Direktor der Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Geboren in Nettelstedt/Ostwestfalen, daselbst Schule und Abitur, danach Studium der Erziehungswissenschaften und Soziologie. Promotion 1977, Habilitation 1988. Herr Heitmeyer hat zwischendurch auch als Facharbeiter in einer Druckerei und kurz als Lehrer an einer "Brennpunkt-Schule" gearbeitet. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen und beschäftigt sich bereits seit 1982 mit Sozialisation, Gewalt, Rechtsextremismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, sozialer Desintegration. 1991/ 1992 hat er, als einer der ersten wissenschaftlichen Beobachter sozialer Zustände, die rapide Verschärfung der Fremdenfeindlichkeit und ein sprunghaft zunehmendes Verständnis für rechtsradikale Tendenzen in diesem Zusammenhang thematisiert. (Mitverfasser "Internationales Handbuch für Gewaltforschung", Köln 2002) Seit 2002 arbeiteten er und eine stattliche Anzahl sehr engagierter, meist junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der eben beendeten Langzeitstudie "Deutsche Zustände" (die Bände 1 bis 10 erschienen im Suhrkamp Verlag). Es ist die weltweit größte Studie über Ausmaße, Entwicklungen und Ursachen negativer Vorurteile. Am 10. März 2012 wird ihm der Göttinger Friedenspreis verliehen. Herr Heitmeyer wurde 1945 geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Vater fiel im Krieg, die Mutter war Arbeiterin in einer Zigarrenfabrik, danach hat sie einen Lebensmittelladen geführt.

Obenstehendes Zitat aus der Sammlung von Herrn Heitmeyer stammt aus einer Broschüre des Bundesministeriums für Arbeit und Wirtschaft, unter der direkten Verantwortung des damaligen Bundesministers für Arbeit und Wirtschaft, Wolfgang Clement. Sie erschien 2005 mit einem Titel im Stürmerstil: "Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, ,Abzocke' und Selbstbedienung im Sozialstaat". (BMWA 2005, S. 10.) Die Anzeigen gegen Clement wegen Volksverhetzung wurden von der Staatsanwaltschaft Berlin abgewiesen. Begründung: Zur Volksverhetzung fehle es an einem Angriff auf die Menschenwürde. Um solche Tendenzen geht es Herrn Heitmeyer auch in seiner Studie. Ich bitte ihn um eine Art Resümee.

"Der Anfang des gesamten Projekts war eigentlich 1992, damals habe ich in der Zeitschrift Das Argument einen Artikel geschrieben mit dem Titel: ,Wider den schwärmerischen Antirassismus'. Und damit bin ich natürlich sehr in die Kritik geraten, grade auch von links. Ich habe dann den Aufsatz zur Seite gelegt und bin erst gegen 2000 wieder drangegangen und habe mir überlegt, wie bekommt man eigentlich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - wie ich es nenne - auf die Agenda? Das Vergessen und Verdrängen, die gesellschaftliche Selbstentlastung, ist doch sehr ausgeprägt. Dann habe ich einen Antrag formuliert und mir Kooperationspartner gesucht, habe einen Antrag bei der Volkswagenstiftung gestellt auf Fördermittel. Und so ist dann - auch mit der Unterstützung der Freudenberg-Stiftung - so nach und nach dieses Zehnjahresprojekt entstanden.

Das entsicherte Jahrzehnt

Dadurch ist jetzt sozusagen ein Jahrzehnt ausgeleuchtet worden. Wir haben das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit untersucht, in dessen Zentrum ja das, was wir die die Ideologie der Ungleichwertigkeit nennen, steht. Diese jährliche Erhebung war natürlich sehr anstrengend, und es ist mir auch schwergefallen, das ganze Jahrzehnt auf einen Nenner zu bringen. Ich habe mich dann auf diesen Terminus ,Das entsicherte Jahrzehnt' fokussiert. Wir nennen dafür Anhaltspunkte und wir unterscheiden zwischen Signalereignissen: der 11. September 2001 ist so ein Signalereignis, durch das eine Umstellung von ethnischen Kategorien wie Araber, Türken usf. auf eine religiöse Kategorie, nämlich Muslime, entstanden ist. Mit den ganzen deutlichen Folgen auch einer Islamfeindlichkeit als ein Element dieses Syndroms. Es gibt eine Homogenisierung, es wird nicht mehr differenziert zwischen einem brutalen, politischen Islam und dem ganz alltäglichen Verrichten von Glaubensdingen, Gebeten etc.

Dann gibt es natürlich bei uns als Signalereignis die Situation von 2005, mit der Einführung von Hartz IV. Das hatte zur Folge, dass neben den unteren sozialen Lagen plötzlich auch die mittleren sozialen Lagen unter Druck gerieten. Dass sich auch in die die Angst einfräste, sozusagen. Und daraus entstanden dann auch wieder bestimmte Abwertungsmuster. Das dritte Signalereignis war die Finanzkrise 2008, die bei uns nur indirekt eine größere Bevölkerungsgruppe traf, nämlich diejenigen, die Aktien im Spiel hatten. Die eigentlichen Folgen der Finanzkrise aber waren die Wirtschaftskrise und die Arbeitsmarktkrise, mit den ganzen Unsicherheiten der zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse. Und natürlich die Fiskalkrise, die sich besonders bei denen auswirkte, die von Transferleistungen leben müssen. Abstiegsängste plagten den Mittelstand schon seit der Einführung von Hartz IV, und sie sind nach der Finanzkrise von 2008 noch stärker geworden.

Man muss aber sehen, dass es neben diesen Signalereignissen, deren Kennzeichen ja ist, dass darüber öffentlich debattiert wird, auch noch die schleichenden Prozesse gibt. Dazu gehört vor allem das, worüber nicht oder kaum diskutiert wird, zum Beispiel Demokratieentleerung. Diesen Begriff habe ich 2001 entwickelt - also noch vor der Analyse von Colin Crouch über ,Post-Democracy' von 2004 … Ach, den kennen Sie nicht … Ein Engländer, seine These ist, dass die Demokratie zwar in ihren Säulen erhalten bleibt, dass aber ihre innere Substanz sich verändert und schwindet. Wie ich sagte, das sind schleichende Prozesse, sie führen dazu, dass bestimmte Vertrauensmuster sich auflösen. Das führt dann auch leicht zu Einstellungsmustern wie Rechtspopulismus. Es führt dazu, dass Menschen sich aus dem System ausklinken und gar nicht mehr erreichbar sind, und das ist für eine Gesellschaft gefährlich.

Diesen Rechtspopulismus, den messen wir mit vier Indikatoren: Als letztes dazugekommen ist die Islamfeindlichkeit, dann Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, autoritäre Aggression. (Siehe dazu auch Adornos "F-Skala" zur autoritären Persönlichkeit. Anm. G. G.) Dieser schleichende Prozess wird meines Erachtens zu wenig thematisiert. Ein zweiter schleichender Prozess bezieht sich auf das, was wir Anomie nennen, eine Art von Orientierungslosigkeit. Man weiß als Bürger eigentlich gar nicht mehr, wo man steht. Und daraus entwickelt sich die Einstellung, dass man sich - surrogathaft - festen Boden unter den Füßen besorgt. Dazu gehören auch Stereotypen und Vorurteile, mit denen man die Welt neu für sich ordnen kann, obwohl sie natürlich gar nicht zu ordnen ist, weil sich die Gesellschaft relativ richtungslos entwickelt.

Und ein dritter schleichender Prozess, über den nun überhaupt nicht öffentlich gesprochen wird, ist die Ökonomisierung des Sozialen. Richard Sennett, ein amerikanischer Soziologe, hat sich damit beschäftigt. Bei dieser Ökonomisierung des Sozialen, da dringen Kategorien, die aus der Ökonomie kommen, wie Effizienz, Verwertbarkeit und Nützlichkeit, in die sozialen Verhältnisse ein. Und zwar in Institutionen, die überhaupt nicht danach beschaffen sein dürften: in die Familien, in soziale Gruppen, auch in Schulen etc. Wir haben seit einigen Jahren diese Einstellungsmuster untersucht und sehen, dass bestimmte Gruppen immer mehr in die Abwertung hineingeraten. Das sind diejenigen, die diesen Kriterien ,nicht genügen', also niedrig qualifizierte Zuwanderer, Langzeitarbeitslose, Behinderte und Obdachlose. Und diese ökonomistischen Einstellungen sind natürlich befeuert durch die Debatte um den Neoliberalismus.

Rohe Bürgerlichkeit

Man muss vielleicht noch sagen, dass diese Abwertungsmuster eng zusammenhängen damit, wie sich unsere Befragten auf einer sozialen Stufenleiter rein subjektiv zuordnen konnten: Unten. Mitte. Oben. Die, die sich oben einstuften, weisen ganz enge Zusammenhänge auf zu diesen Abwertungen, zur Missachtung und Diskriminierung von denen "da unten". Und eine andere Entwicklung gibt es, die hat uns dann doch sehr irritiert, dass es nämlich gerade bei denjenigen, die tatsächlich zu den Besserverdienenden zählen, einen bemerkenswerten Anstieg in den Abwertungen gegeben hat, seit der Krise. Seit 2008, ja. Wie das weitergehen wird, das können wir nicht sagen, weil wir ja jetzt mit den Erhebungen aufhören, aber man muss sehr genau darauf achten.

Und vor allem auch, weil ja Teile der Eliten diese Einstellungsmuster auch noch befördern und befeuern, weil sie die Themen setzen. Beispielsweise, wenn Sloterdijk von einem ,kleptomanischen Staat' spricht und zurück will zur ,Gnade der gebenden Hand', dann nimmt er denen, die von Transferleistungen leben müssen, ihre Würde. Ebenso macht es Sarrazin mit großem Erfolg, bei dem noch das ,Juden-Gen' und die Islamfeindlichkeit dazukommen. Das ,Juden-Gen' musste er zurücknehmen. Beim Antisemitismus wurde ja ein Tabu ausgesprochen, das in der Öffentlichkeit gilt, aber bei den anderen Diskriminierungen wurde es nicht ausgesprochen. Interessant ist seine Leserschaft. Sie meint, wenn die das alles schon so offen sagen, dann kann ich mir das auch erlauben. Und diese Leserschaft, die kommt ja nicht aus den unteren Soziallagen, sondern das ist so diese, ich nenne es: ,rohe Bürgerlichkeit'. Nicht zu verwechseln mit Bürgertum, das ist eine vollkommen andere Kategorie.

Dieser rohen Bürgerlichkeit müssen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Es ist eine Bürgerlichkeit, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert. Damit leugnet sie die Gleichwertigkeit von Menschen, macht ihre psychische und physische Integrität antastbar und führt zugleich einen Klassenkampf von oben. Sie ist sozusagen der Transmissionsriemen gegen diejenigen, die als Ausgegrenzte definiert werden.

Eine weitere Überraschung bei den Einstellungsmustern haben wir in Bezug auf die Geschlechterfrage erlebt. Dass nämlich - und das ist ein stabiles Ergebnis - bei Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Frauen höhere Werte haben als Männer. Es ist ein unliebsames Ergebnis, und wir dachten bei der ersten Erhebung immer noch, hoffentlich haben wir da keinen Fehler begangen. Aber es hat sich stets wiederholt. Und auch bei der Altersfrage, da gibt es einen wirklich sensiblen Punkt, dass wir es sozusagen mit einem ,schiefen U' zu tun haben, über das Altersspektrum. Zwar sind bei den Jungen solche Abwertungen schon sehr vorhanden, aber bei den Älteren, bei meiner Altersklasse über 60, da liegen die Abwertungen von schwachen Klassen noch deutlich höher! Das war überraschend. Aber die Gesellschaft reagiert ja erst dann, wenn sich diese Ideologien von Ungleichwertigkeit mit Gewalt verbinden, und die üben natürlich die Jungen aus. Die jungen Männer vor allem. Während sich um die Einstellungsmuster der Alten, die sie hinter ihren privaten Gardinen pflegen, im Freundeskreis oder in den Vereinen usw., kein Mensch kümmert. Dabei sind es ja gerade sie, die an der Reproduktion dieser Einstellungsmuster immer wieder beteiligt sind, als Großväter und Großmütter. So gesehen, ist es natürlich ein struktureller Fehler, mit den Interventionsprogrammen immer nur auf die Jugendlichen zu schielen.

Rechts in der Mitte

Man muss immer wieder sehen und sehr genau beachten, dass diese Einstellungsmuster einen gesellschaftlichen Vorrat bereitstellen, an dem dann auch rechtsextreme Gruppen andocken können. Und es ist ja auffallend, dass selbst die, die sich an den rechtsextremen politischen Rändern bewegen, nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern mitten in ihr leben, mit einem oft ganz kleinbürgerlichen Lebensentwurf. Insofern ist es ja auch eine völlige Fehleinschätzung, wenn jetzt, anlässlich des Nationalsozialistischen Untergrunds, eine Abtrennung erfolgt. Sozusagen: Dort sind die Verbrecher - was sie zweifellos sind -, und ansonsten gibt es eine weitgehend intakte humane Gesellschaft. Das ist auch so eine gesellschaftliche Selbsttäuschung, die man stark kritisieren muss.

Was wir über die Jahre hinweg ganz deutlich feststellen können, ist, dass sich der gesellschaftliche Ton massiv verändert hat. Ich habe Ihnen ja schon ein paar Beispiele gegeben. Diese Form von Rohheit, mit der wir es heute zu tun haben, gab es in den 90er Jahren noch nicht. Es hat ja auch die ganzen Probleme der gesellschaftlichen Integration oder Desintegration so noch nicht gegeben. Sie ist ein ganz zentrales Thema unserer Studie. Wir arbeiten mit dieser Theorie der sozialen Desintegration, die wir entwickelt haben, um herauszufinden, was für Menschen bedrohlich wird und wie sie darauf reagieren. Desintegration und Integration reservieren wir in unserem Konzept natürlich nicht für die Zugewanderten, sondern das gilt ebenso für Teile der Mehrheitsgesellschaft. Die sind ja auch nicht integriert, wenn man ein bestimmtes Integrationskonzept zugrunde legt, nämlich den Zugang zu den Funktionssystemen wie Arbeit, Bildung etc. und der daraus entspringenden sozialen Anerkennung - was für uns ein sehr wichtiger Punkt ist.

Und wir stellen die Frage nach der politischen Partizipation; Kann ich an diesen wichtigen Kernnormen, wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness - kann ich da eigentlich mitdiskutieren? Habe ich da überhaupt eine eigene Stimme? Und wenn ich die nicht habe, dann scheine ich auch keinen Anspruch darauf zu haben und bin lediglich ein Bürger zweiter oder dritter Klasse. Also ich bin politisch völlig einflusslos, oder eben auch meine Gruppe. Hier setzt dann wieder ein Abwertungsverhalten ein, denn es ist ja nicht so, dass man sich nun zusammentut und gegen die herrschenden Gruppen vorgeht, sondern die negative Erfahrung wird umgelenkt und gegen die noch Schwächeren in der Gesellschaft gekehrt. Auch, um sich von denen abzusetzen und sich zugleich aufzuwerten. Es ist zynisch, aber jede Gesellschaft braucht genau dazu ihre Randgruppen, denn mit solchen Randgruppen wird Politik gemacht, man signalisiert der Mehrheit: Passt auf, dass ihr da nicht hineinrutscht! Insofern werden Randgruppen auch immer wieder neu ,kreiert'."

Ich möchte an dieser Stelle das Thema auch auf die bringen, die die Grundlagen dafür schaffen und geschaffen haben, mit Hartz IV, Zeitarbeit und dergleichen. Die Leute sind systematisch runtergestuft worden von den "Maßnehmern" durch eine Vielzahl von "Maßnahmen", auch rhetorisch runtergedrückt, auf ein erkennbar minderwertiges Niveau. Die Umbenennung der Arbeitslosen (das Wort bezeichnete noch den Verlust) in Hartz-IV-"Empfänger", die plötzlich etwas empfangen, worauf sie zuvor einen Anspruch hatten, die von "Leistungen" leben, ohne etwas dafür zu tun, die hatte System.

Herr Heitmeyer nickt und sagt energisch: "Ja, das hat System. Es gibt eindeutige Zusammenhänge zwischen der Forderung an die sozial Schwachen, ihre kritische Lebenssituation selbst zu bewältigen, und ihrer Abwertung. Sehr deutlich zeigt das ja auch diese Broschüre vom Bundesarbeitsministerium, aus der ich Ihnen das ,Parasiten'-Zitat genannt habe. So etwas steht in einer offiziellen Broschüre eines Ministeriums. Infam, das fasst man nicht! Und diese Broschüre ist durch sehr viele Hände gegangen, durch sämtliche Redaktionen, und es gab nur ganz vereinzelte Reaktionen. Das sind natürlich solche Denkmuster, die gehören direkt zu dieser rohen Bürgerlichkeit, von der ich gesprochen habe. Und auch zu den Spaltungsversuchen. Und wer sind die direkten und indirekten Akteure dieser Spaltungsbewegung? Es sind die intellektuellen Diskursagenten und Wissenschaftler, insbesondere der wirtschaftswissenschaftlichen und politischen Eliten. Das muss einem schon Sorgen machen. Und das kam eben nicht plötzlich, sondern teilweise schleichend, in Begleitung der neoliberalen Diskurse.

Rabiater Wettbewerb

Aber das ist nur die eine Seite, auf der anderen Seite - es laufen da mehrere Sachen zusammen - haben wir es über die Zeit hinweg auch mit einer Kontrollverschiebung zu tun. Es gibt nämlich einen Kontrollgewinn des autoritären Kapitalismus. Und dem entspricht ein Kontrollverlust der nationalstaatlichen Politik. Und daraus resultieren dann natürlich auch diese Formen der Demokratieentleerung. Die Ökonomisierung des Sozialen. Sicher, es gibt natürlich auch hausgemachte Dinge, wie schon gesagt, aber auf der anderen Seite gibt es diesen rabiaten Wettbewerb, bei dem nicht mehr Firmen miteinander konkurrieren, sondern ganze Länder. Auch im Hinblick auf die Standorte von Firmen. Und das macht noch mal einen deutlichen Unterschied in der Frage der Veränderung von Politik. Und bei all dem muss man eben aufpassen, dass die soziale Spaltung, die soziale Ungleichheit, die wir inzwischen erreicht haben, sich nicht noch weiter entwickeln. Teil des Problems ist, dass die nationale Politik keinerlei Interesse daran zeigt. Im internationalen Vergleich ist deutlich zu sehen: Je größer die Einkommensungleichheit, die einseitige Verteilung des Reichtums, umso größer sind die sozialen Probleme. Wir Deutschen haben ja, laut OECD, die größten Zuwachsraten in der ungleichen Verteilung.

Der entscheidende Punkt ist dabei ja, dass die Ungleichheit die Gesellschaft regelrecht zersetzt, dass der Prozess sich einschleicht und erst mal relativ unbemerkt verläuft, weil sich eben keine protestierenden Kollektive mehr bilden können und weil auch keiner mehr zuhört. Weil vielfach das Motto lautet: Rette sich, wer kann. Dadurch ist das Leben in bestimmten sozialen Gruppen auch permanent angstdurchsetzt und verätzt. Und das macht diese Ungleichheiten schon ziemlich gefährlich. Und es gibt etwas sehr Wichtiges, was ich bei sämtlichen Vorträgen deutlich mache - man muss sich hüten vor Normalisierung. Was in den 90er Jahren nicht denkbar war, ist heute ganz normal. Und was normal geworden ist, lässt sich nur noch schwer problematisieren.

Zurück zur Studie. Es gibt in unseren Untersuchungen Ergebnisse zu den drei Kernnormen, die eine Gesellschaft auch zusammenhalten: Solidarität, Gerechtigkeit, Fairness im Umgang miteinander. Gerechtigkeit ist die Frage von Verteilung. Mit welchen Gerechtigkeitsvorstellungen operiert man? Da gibt es ja unterschiedliche: Leistungsgerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Bedürfnisgerechtigkeit. Bedürfnisgerechtigkeit heißt, wer kann sich nicht selber helfen und wie kann man seinen Bedürfnissen gerecht werden. Und unsere Untersuchungen zeigen, dass ein großer Anteil sagt: In diesen Krisenzeiten können die Schwachen nicht mehr mit Solidarität rechnen. Oder eine ziemlich hohe Anzahl sagt: Das Postulat der Gerechtigkeit lässt sich in diesen Krisenzeiten nicht mehr realisieren. Und diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, die plädieren natürlich besonders stark für Leistungsgerechtigkeit, weil sie sich selbst als Leistungsträger sehen. All die anderen sind gewissermaßen Abhängige. Sind Nutzlose und Ineffiziente.

Es geht auch darum, zu betrachten, was mit der Armut passiert, auch mit der Altersarmut, die immer größer wird. Auch die unter den Migranten. Insofern ist auch hier die Frage der Verhärtung ein wichtiger Punkt." Ich möchte kurz auch Bezeichnungen einführen, die Herr Heitmeyer in seinen Texten gewählt hat, die mir angenehm auffielen, weil sie irgendwie zartfühlend sind und unabgenutzt. Begriffe wie: entsicherte und entkultivierte Bürgerlichkeit, Vereisung des sozialen Klimas, kalte Kalkulation gegenüber den "Nutzlosen", Renaturalisierung der Ungleichheit.

Er räuspert sich und sagt: "Das hat einfach damit zu tun, wie sich Eliten äußern, also Leute, die den Zugang haben zu den Medien, die Vervielfältiger sind von bestimmten Dingen. Und wie das dann einsickert in die ,rohe Bürgerlichkeit' kann man ja sehen. Es gibt eine große Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen. Es gibt so eine Art semantischen Klassenkampf von oben gegen ,die da unten'. Renaturalisierung meint, dass biologische Kriterien benutzt werden, dass man sprachlich damit Gruppen markiert, die dann nie mehr da rauskommen, weil sie bestimmte Kennzeichen tragen. Das kann die Hautfarbe betreffen, aber auch die Religion oder die Obdachlosigkeit. Und man will ,Säuberung' oder zumindest Aus- und Abgrenzung. Rassismus und die Abwertung von Obdachlosen sind zum Beispiel von 2010 auf 2011 signifikant angestiegen. Ein ebenfalls ansteigender Trend lässt sich aktuell bei der Fremdenfeindlichkeit und bei der Abwertung von Behinderten beobachten. Und 35,4 Prozent der Befragten stimmten 2011 der Aussage zu: ,Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden'. 40,1 Prozent bestätigen: ,Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten'. Und 44,2 Prozent sind sich sicher: ,Sinti und Roma neigen zur Kriminalität'.

Eine neue Normalität

Also, ich fasse am Schluss noch mal der Verständlichkeit halber zusammen: Die laufenden Prozesse der Umverteilung und ihre gesellschaftliche Zerstörungskraft nehmen stetig zu und führen zu einer immer größer werdenden Spaltung der Gesellschaft. Die oberen Einkommensgruppen nehmen diese Spaltung nur begrenzt wahr, sie sind im Gegenteil der Meinung, dass sie zu wenig vom Wachstum profitieren. Sie sind rasch bereit, die Hilfe und Solidarität für schwache Gruppen aufzukündigen. Sie werten zunehmend stärker ab. Die Studie macht deutlich, es existiert eine geballte Wucht rabiater Eliten und die Transmission sozialer Kälte durch eine rohe Bürgerlichkeit, die sich selbst in der Opferrolle sieht und deshalb immer neue Abwertungen gegen schwache Gruppen in Szene setzt. Und die Studie zeigt, wie stark Menschen aufgrund von ethnischen, kulturellen oder religiösen Merkmalen, der sexuellen Orientierung, des Geschlechts, einer körperlichen Einschränkung oder aus sozialen Gründen mit solchen Mentalitäten konfrontiert und ihnen machtlos ausgeliefert sind. Die Opfergruppen sind mittlerweile wehrlos und nicht mobilisierungsfähig. Insgesamt ist eine ökonomische Durchdringung sozialer Verhältnisse empirisch belegbar. Sie geht Hand in Hand mit einem Anstieg von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Seit 2008 haben sich die krisenhaften Entwicklungen zeitlich massiv verdichtet.

Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität sind zur neuen Normalität geworden, die Nervosität scheint über alle sozialen Gruppen hinweg zu steigen. Wir erleben, wie sich ein neuer Standard etabliert: ,volatility', so die New York Times. Eine explosive Situation als Dauerzustand. Aus all dem resultiert vor allem eines: Die gewaltförmige Desintegration ist auch in dieser Gesellschaft nicht unwahrscheinlich."

"Abstiegsängste plagten den Mittelstand schon seit der Einführung von Hartz IV"

WILHELM HEITMEYER

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