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  • 29.03.2012

Zu Gast bei Freunden

THEATER "Lagos Business Angels" - der aktuellen Produktion von Rimini Protokoll am Berliner HAU kann man zumindest nicht vorwerfen, sie würde ihre Darsteller schwarz einfärben

VON ANDREAS FANIZADEH

"Ich bin der Boss, folgen Sie mir." Kester Peters hat offenkundig Spaß an seiner Rolle. Er sprüht vor Charme und Selbstbewusstsein. Gut gelaunt - schicker Anzug, sportliche Schuhe - führt er eine 20-köpfige Besuchergruppe durch die Bühnenszenarien des Berliner HAU-Theaters. Das Regieteam Rimini Protokoll (Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel) hat ihn neben anderen Laiendarstellern aus Lagos, Nigeria für ihre neue Produktion gecastet und einfliegen lassen. Nun steht er zur Premiere von "Lagos Business Angels" am Dienstagabend in einer kleinen Box im hinteren Bühnenraum des HAU. Er tauft sie den Blue Room. Hier wird er im Laufe des Abends sechs der in zehn Gruppen aufgeteilten Premierenbesucher von seiner Biografie erzählen.

In jeweils elf Minuten. Bis es mit der ersten Gruppe losgeht, ist er dann doch ein wenig nervös. "This is one of my businesses, Zierfische." Kester Peters deutet auf ein kleines Aquarium, das seinen Verschlag auf der Bühne behaglich macht. Auf die rückwärtige Wand ist eine sehr blaue Wandkarte geklebt, die in Ausschnitten Lagos, Nigerdelta mit Bremerhaven, Nordsee verbindet.

Peters wechselt zwischen (gutem) Deutsch und Englisch. In Lagos fing er mit dem Handel von Papageien an. Das war leider illegal. Er wechselte ins Zierfischgeschäft, wurde aber vom Partner übers Ohr gehauen. So beschloss er, nach Deutschland zu gehen, um die begehrte Fracht eigenhändig beim Endabnehmer hochpreisig zu vermarkten. Doch wie so oft: Hat einer Erfolg, ziehen die Nächsten nach. Konkurrenz verdarb das Geschäft. Heute ist Peters Mitte 40 und in Lagos als Berater im Ölgeschäft tätig. Was auch immer das sein mag, "Berater". In elf Minuten konnte es nicht geklärt werden.

Die Wechselhupe ertönt, und die Besuchergruppen werden durch den Bühnenparcours (Containerästhetik, Videos, auf Leinwände projizierte Lagos-Standbilder) zur nächsten Station geschleust. In einer Box wartet Frieda Springer-Beck. Eine resolute Dame. Im Hintergrund das Wappen des EFCC mit dem Emblem eines Adlers. EFFC, das steht für Economic Financial Crimes Commission, eine Spezialeinheit für Wirtschaftsverbrechen, für die sie in Nigeria tätig war. Sie erzählt mit rührender Selbstironie, wie es dazu kam. Wie sie zunächst von Deutschland aus mit "Geschäftsleuten" aus Nigeria in Kontakt kam und reingelegt wurde. Fake-Firmen, Fake-Banken, Fake-Anwälte. Ein perfektes System, das aber nur so lange funktionierte, bis Frau Frieda Springer-Beck anreiste und nach zähen Kampf ihre 300.000 US-Dollar zurückbekam. Heute lebt sie wieder als Pinselherstellerin in Deutschland.

Auch "The German Machine", der Autoausschlachter Frank Okoh, erweist sich als sehr engagierter Interpret seiner selbst. Für ihn wurde eigens ein Schiffscontainer im Hinterhof des Theaters aufgestellt. Dort erklärt der muskulöse Mann, wie der Handel mit Autoalt- und Schrottteilen aus Deutschland in Lagos funktioniert. Er hat einen blauen Anton an und kommentiert einen für das Theaterpublikum gedrehten Dokumentarfilm, der ihn beim Verkauf seiner Containerfracht in Lagos zeigt. Regel Nr. 5: "Know your clients." Regel Nr. 11: "Do not waste time."

"These Rimini-Guys are very smart", hat Kester Peters eingangs gesagt. "They invited us to answer some questions, now we are actors." Aber Berlin sei wirklich "very nice". Glanz und Elend der Methode liegen bei Rimini Protokoll eng zusammen. Natürlich will man gegen einen Kulturaustausch zwischen Nigeria und Deutschland keine Einwände erheben. Doch warum muss es so realitymäßig mit sich selbst spielenden Akteuren auf die Bühne gebracht werden? Soll das authentisch sein, oder ist es schon folkloristisch, quasi die andere Medaille des Blackfacing?

Zudem ist die Frontalbesprechung durch die Laiendarsteller teilweise ermüdend. Man wartet immer dringlicher auf den pausenfüllenden Klammersong "I Wanne Be A Millionaire". Ärgerlich ist, dass die Laiendarsteller als Ensemble am Ende auf der Bühne noch zu Bischofszitaten ("Wir sind geboren, um aufzusteigen") die Musicalclowns geben, und Rimini dabei ein bisschen Kapitalismuskritik versprühen. Die aber nun wirklich so harmlos ist, dass sie von jedem Goethe-Institut der Erde unbedingt gefördert werden muss.

Er wechselte ins Zierfischgeschäft, wurde aber vom Partner übers Ohr gehauen

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