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  • 05.01.2008

Ruf der Gene

"Da kommst du nicht mehr raus": Eiskunstlaufen funktioniert zumeist dynastisch. Das wird bei der Deutschen Meisterschaft in Dresden wieder einmal deutlich

DRESDEN taz Es ist eine Geschichte ohne Ende mit dieser Eislauffamilie. In der geküsst und gestritten wird, Glamour und Faszination mit knochenhartem Einsatz erarbeitet werden, dekoriert mit blauen Flecken wie mit Pailletten. In einer Welt voll heißkalter Leidenschaft, manchmal schwer erträglich, aber oft genug schlicht und einfach unwiderstehlich. Von der manche nach dem Ende ihrer kleinen oder großen Karriere nichts mehr wissen wollen, weil sie genug haben von der Enge, von den Zwängen, von der Kälte und von den großen Gesten.

Aber viele bleiben der Familie treu, weil darin schließlich ein großer Teil ihres Lebens und ihrer Liebe steckt. Und bei deutschen Meisterschaften laufen sich alle wieder über den Weg, so auch an diesem Wochenende in Dresden. Die Preisgerichte bestehen zum großen Teil aus ehemaligen Aktiven; diesmal sind als sogenannte Technische Spezialisten veritable Weltmeister dabei, der Chemnitzer Doktor Jan Hoffmann und die ebenfalls Ende der Siebzigerjahre erfolgreiche Anett Poetzsch. Im Organisationskomitee wirkt der ehemalige DDR-Meister Falko Kirsten, und die offiziellen Mannschaftsärzte der Deutschen Eislauf-Union stammen inzwischen auch aus dem Kreis der ehemaligen Aktiven: Stefan Pfrengle aus Mannheim, Ende der Achtzigerjahre dreimal Meister im Paarlauf, und Sven Authorsen, zweimal Meister im Eistanz.

Schrecklich nette Familie

Und wer die Familie lange genug begleitet, der sieht sogar die nächste Generation. Bei der Kür der Frauen am Freitag stand Karin Riediger-Heintges aus Duisburg hinter der Bande, emotional noch mehr mit ihrer Schülerin verbunden als andere Trainerinnen. Riediger, Meisterin des Jahres 1981 und als zarte, elegante Läuferin in Erinnerung, schickte ihre knapp 15 Jahre alte Tochter Isabel aufs Eis; die Art, wie die Kleine beim Laufen das Kinn nach vorn schob, kam einem also nicht zufällig irgendwie bekannt vor.

Und es wird vermutlich nicht mehr allzu lange dauern, bis eine noch Erfolgreichere mit ihrer Tochter in der Meisterklasse auftauchen wird. Claudia Leistner, Europameisterin 1989 und mehrmalige deutsche Meisterin, ist Trainerin ihrer zwölf Jahre alten Tochter Julia, die erst vor wenigen Wochen den Titel bei den Nachwuchsmeisterschaften gewann. Beim dazugehörigen Vater handelt es sich um keinen anderen als Mannschaftsarzt Stefan Pfrengle, den ehemaligen Paarläufer. Womit sich die Frage fast schon erübrigt, wieso die Tochter auf dem Eis gelandet ist. Aber einen inneren Zwang habe es da nicht gegeben, sagt Pfrengle. "Claudia und ich, wir haben das nicht forciert." Verständlich, denn man kann sich ja für sein Kind auch weniger komplizierte Sportarten vorstellen. Auch heute noch kann sich Pfrengle darüber aufregen, dass die Gattin nicht immer die Noten und Medaillen bekam, die sie verdient hätte. Aber Julia habe unbedingt laufen wollen, "und da hat das Schicksal halt seinen Lauf genommen. Da kommst du nicht mehr raus."

Inzwischen trainiert die Tochter an sechs Tagen in der Woche, der Spaß kostet summa summarum rund 500 Euro im Monat, aber nicht nur das. Der Umgang mit Mädchen in Julias Alter ist ja auch in einer unsportlichen Familie auf festem Boden nicht immer ganz leicht.

Da sei er dann später als kenntnisreicher Vermittler gefragt, sagt Doktor Pfrengle. Aber wer wäre dafür besser geeignet als er. Er hat in seiner Karriere als Paarläufer drei verschiedene Partnerinnen in Meisterklassen in die Luft gestemmt, geworfen und wieder aufgefangen, er ist seit vielen Jahren mit einer Frau verheiratet, die zwar gelegentlich auf den Hintern, aber gewiss nicht auf den Mund gefallen ist, und er weiß viel von dem, was in der großen Familie des Eiskunstlaufs hinter und vor der Bande so passiert. Aber er macht keinen Hehl aus einer gewissen Freude darüber, dass sich Julias jüngerer Bruder bisher vom Eise ferngehalten hat. Der Knabe hat den Ruf der Gene überhört; er spielt Fußball und Tennis.

DORIS HENKEL

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