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  • 30.04.2010

Der Triumph des Übersetzers

CHAMPIONS LEAGUE José Mourinhos Inter Mailand wehrt in einer intensiven Abwehrschlacht beinahe alle Angriffe des FC Barcelona ab und steht im Endspiel gegen den FC Bayern

AUS BARCELONA TOM MUSTROPH

José Mourinho breitete im Camp Nou triumphierend die Arme aus. Lange verharrte der Portugiese in dieser Pose. Ganz so, als wollte er den Fans des FC Barcelona sagen: Seht her, ich, den ihr immer als den Übersetzer schmäht habt, habe jetzt für eure schwärzeste Stunde gesorgt!

Von 1996 bis 2000 war Mourinho beim FC Barcelona zunächst als Übersetzer von Chefcoach Bobby Robson, später auch als Assistenztrainer, Ballaufpumper und Profiseelentröster tätig. In einer Findungsphase, die mit dem Engagement von Pep Guardiola als Cheftrainer abgeschlossen wurde, galt er kurzzeitig sogar als ernsthafter Kandidat für die oberste sportliche Leitung. Aber die Tatsache, dass er für viele im Umfeld der Katalanen immer nur der Übersetzer sein wird und er außerdem wegen seines provokanten Auftreten nicht sonderlich kompatibel mit der bei aller individueller Klasse durch großen Kollektivgeist geprägten Vereinskultur ist, ließ das Management von der Mourinho-Option Abstand nehmen. Nach einer aufopferungsvollen Abwehrschlacht seiner Mannen konnte Mourinho nun jedoch all diese Demütigungen als ausgelöscht betrachten.

"Das ist die schönste Niederlage meiner Karriere. Meine Mannschaft hat Blut auf dem Rasen gelassen und für ein historisches Ereignis gesorgt", meinte er pathetisch. Für die nach dem 3:1-Sieg im Hinspiel und der 0:1-Niederlage im Rückspiel aus dem Wettbewerb gekegelten Katalanen hatte er nur Spott übrig. "Sie haben vor dem Spiel Party gemacht. Wir feiern danach."

Mourinho spielte auf das Hupkonzert und die Böllerschüsse katalanischer Fans in der Nacht vor dem Spiel vor dem Hotel der Italiener an. "Um 23.30 Uhr haben wir die Polizei gerufen. Die kam aber erst um 3.30 Uhr", erzählte er und machte ganz den Anschein, als glaube er an eine Verschwörung aller Katalanen gegen ihn und seine Mannschaft. "Von Eto'o wollten sie sogar die Steuern des Jahres 2005 eintreiben", empörte er sich - und leitete den nächsten Seitenhieb ein: "Dadurch haben wir begriffen, dass sie Angst haben."

Nun ja, der Sieger hat gut lachen. Es hätte durchaus anders ausgehen können, wenn Julio Cesar einen satten Schuss Messis nicht bravourös gehalten, der junge Bojan Krkic einen Kopfball unfassbar freistehend nicht knapp am Tor vorbeigesetzt hätte oder dem gleichen Spieler ein Treffer wegen eines schwer erkennbaren Handspiels von Touré nicht aberkannt worden wäre. Allerdings hatte Barcelona beim aus stark abseitsverdächtiger Position erzielten 1:0 von Abwehrchef Piqué und der überzogenen roten Karte gegen Thiago Motta auch Glück.

In Unterzahl gelang Inter offensiv sehr wenig. Aber die Nerazzurri verteidigten ihren 16er so gekonnt, wie es der klassische Western den Cowboys gegen ganz blutrünstig dargestellte Ureinwohnerhorden zuschreibt. Ironie der Geschichte ist, dass auf Inters Seite mit all den Brasilianern, Argentiniern und Kolumbianern die Nachfahren der indigenen Bevölkerung Südamerikas standen, gegen die die Erben der alten Kolonialmacht erfolglos anrannten.

Der nach dem Spiel völlig aufgelöste Mourinho machte den Eindruck, als sei er mit diesem gewonnenen Halbfinale schon im Paradies angelangt. Ob seine Spannkraft ausreicht, die Mannschaft fürs Finale in Madrid auf eine eben solche Höhe zu bringen, scheint fraglich. Persönlich hat er in dieser Champions-League-Saison bereits unglaublich viel erreicht. Er warf den Exclub Chelsea mit dem früheren Lieblingsfeind Carlos Ancelotti aus dem Wettbewerb. Danach gelang ihm das tatsächlich historische Unterfangen, den besten Klub der Welt schachmatt zu setzen. Der FC Bayern München stellt für den José aus Setubal möglicherweise nur deshalb noch eine Herausforderung dar, weil auf der dortigen Trainerbank mit Louis van Gaal ein früherer Chef von ihm sitzt. Trickst der Schüler seinen alten Meister noch aus, bleibt ihm gar nichts anderes mehr zu gewinnen übrig. Dann geht es ihm wie Frank Rijkaard. Er kann Pause machen oder in einer Liga wie der türkischen nach neuen Anreizen fahnden. Über seine Zukunft nach dem 22. Mai schweigt Mourinho sich gegenwärtig auffällig konsequent aus.

Das Finale in Madrid wird zur Bühne eines weiteren süßen Racheakts. Mit den Holländern Wesley Sneijder und Arjen Robben kommen zwei in der Vorsaison von Real Madrid brutal abgeschobene Spieler an ihre alte Wirkungsstätte zurück, während die Hausherren allenfalls auf der Tribüne Platz nehmen können. "Ich freu mich drauf", hat der in Inters Diensten stehende Sneijder schon mal verlauten lassen. So eine Champions League ist doch eine feine Sache. Selbst zutiefst gekränkte Egos können dort Erlösung finden. Der FC Barcelona darf im nächsten Jahr in die Spieltherapie.

"Mein Team hat Blut auf dem Rasen gelassen und für ein historisches Ereignis gesorgt"

INTER-TRAINER JOSÉ MOURINHO

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