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  • 16.09.2010

LEXIKON DES MODERNEN UND UNMODERNEN FUSSBALLS

Kronprinzenpokal, der

Die Welt des Fußballs ist stets voller seltsamer Wettbewerbe gewesen, über deren Sinn man eifrig rätseln konnte. Ob es nun der Intertoto-Cup war, den man als Pokal eigentlich gar nicht gewinnen konnte, oder der Anglo-Italian-Cup, in dem immerhin mehr als ein Vierteljahrhundert lang englische und italienische Pokalsieger bzw. Amateurteams bzw. Zweitligisten nach rätselhaften Auswahlkriterien gegeneinander antraten. Längst vergessen auch der Alpenpokal, den 1968 sogar mal die Hochalpinisten von Schalke 04 gewonnen haben.

Doch auch in Deutschland gibt es einen höchst bizarren Wettbewerb, dessen Geburtsfehler schon darin bestand, dass er 1909 vom letzten Kronprinzen einer untergehenden Monarchie gestiftet wurde, dessen wahre Liebe gar nicht dem Fußball-, sondern dem Bobsport gehörte. Da passte von Beginn an nichts zusammen, auch wenn das Vereinsemblem des ehemaligen Bundesligisten Spielvereinigung Unterhaching, in dem ein Viererbob und ein Fußball zu sehen sind, bekanntlich das Gegenteil zu behaupten sucht.

Heute versteht man die Sache mit dem Kronprinzenpokal sowieso noch weniger, weil hierzulande föderale Zugehörigkeiten die Menschen schon lange nicht mehr in Wallung bringen. Das liegt nicht nur daran, dass wir nun in Bundesländern leben, deren Namen wie Leutheusser-Schnarrenberger klingen, was allein schon verhindert, dass sich Rheinländer und Pfälzer als stolze Rheinland-Pfälzer fühlen. Im Fußball ist das nicht anders, obwohl dessen eigensinnige Föderalität mit der politischen Einteilung in Bundesländer nur teilweise zu tun hat. So untergliedert sich der Deutsche Fußball-Bund in 21 Landesverbände, die auch Landstriche wie Nordbaden oder Südwest vertreten.

Vom Publikum weitgehend unbemerkt haben sie sogar Auswahlmannschaften, die seit über hundert Jahren einen eigenen Wettbewerb austragen, dessen Pokal von Wilhelm von Preußen, dem besagten letzten deutschen Kronprinzen, gestiftet wurde. Vermutlich war die Idee im Kaiserreich sogar noch leidlich aufregend, dass Westfalen gegen Badener spielten, schließlich war in jener Zeit die Kleinstaaterei noch nicht lange vergessen und sorgte die Verheiratung einer Bayerin mit einem Norddeutschen noch für ungefähr so viel Aufregung, wie wenn sich heute Sarrazinisten mit einer Kopftuch tragenden Schwiegertochter konfrontiert sehen.

Trotzdem tat sich der Pokal nicht nur wegen des Endes der Monarchie schwer. Er wurde vier Mal umbenannt (Bundespokal, Reichsbundpokal, Amateur-Länderpokal, Länderpokal), durchlief eine Fülle von Formatänderungen, deren Details zur Vermeidung größerer Langeweile hier unerwähnt bleiben sollen, und blieb doch stets der rätselhafteste Wettbewerb des deutschen Fußballs. Viel zu tun hatte das nach dem Zweiten Weltkrieg mit der kryptischen Amateurregel, die beim Amateur-Länderpokal zumindest bis ins Jahr 1986 galt. Nur Spieler, die den Sport des Sportes und nicht des Lebensunterhaltes wegen betrieben, durften mitspielen. Also etwa der spätere Nationaltorhüter Uli Stein 1976 für Niedersachsen, Klaus Augenthaler ein Jahr später für Bayern (nicht München) oder Frank ("Mach et, Otze") Ordenewitz 1984 im Team von Bremen (nicht Werder).

Warum sie damals als Amateure galten, ist weitgehend dem Vergessen anheimgefallen. Zugleich verblühte die Idee, dass Fans etwa mit der Auswahl des Mittelrheins fiebern könnten, schließlich komplett. Nur Fußballanhänger mit dadaistischer Neigung wären auf die Idee kommen, den Schlachtruf anzustimmen: "Hurra, hurra, die Niederrheiner sind da!" Und wer hätte im Moment der Empörung über eine hohe Niederlage schon krakeelt: "Wir sind Nordbadener und ihr nicht"?

Kein Wunder also, dass vom alten Kronprinzenpokal heute nur noch ein Schaulaufen der Talente geblieben ist. Einmal im Jahr treffen sich die U21-Mannschaften der Regionalverbände zu einem mehrtägigen Turnier in der Sportschule Wedau in Duisburg. Da drängeln sich entlang des Spielfelds vor allem die Scouts der Profivereine, um noch den letzten übersehenen Kronprinzen des deutschen Fußballs einzusammeln, auf dass er eines Tages vielleicht sogar um den Franz-Beckenbauer-Pokal spielt. Was das schon wieder ist? Vergessen Sie es einfach!

KOLUMNE

CHRISTOPH BIERMANN

liebt Fußball und schreibt darüber

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