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  • 30.11.2010

Sie spielen gar nicht mehr süper

TÜRKEI Galatasaray Istanbul steckt in einer der schwersten Krisen der Vereinsgeschichte

"Was soll ich schon sagen?", fragte Gheorghe Hagi sichtlich genervt in die Runde, als er sich nach der Heimniederlage des von ihm trainierten türkischen Spitzenklubs Galatasaray der Presse stellen musste. "Natürlich läuft es nicht so, wie wir es uns vorstellen", erklärt der Rumäne. Galatasaray, der 17-malige Meister, dessen Platz auch dem eigenen Selbstverständnis nach stets an der Tabellenspitze einzuordnen ist, liegt nach 14 Saisonspielen der Süper Lig nur auf Rang zehn, verlor bereits sieben Partien - so auch diese am Sonntag gegen den Istanbuler Rivalen Besiktas, zu Hause mit 1:2. Seit drei Wochen warten die "Gelb-Roten" auf einen Sieg.

"Wir können guten Gewissens sagen, dass Galatasaray derzeit den schlechtesten Fußball der ganzen Liga spielt", fällt das ernüchternde Urteil von Exnationaltrainer und TV-Analyst Mustafa Denizli aus. "Es sind überhaupt keine Ansätze erkennbar, weshalb es in den nächsten Spielen besser werden sollte." Besser werden sollte es eigentlich schon durch die Entlassung von Trainer Frank Rijkaard Ende Oktober. Das frühe Aus in den Europa-League-Playoffs gegen Karpaty Lwiw und ein äußerst zittriger Start in die heimische Saison kosteten den ständig kritisch beäugten Niederländer die Anstellung am Bosporus. Dieser Schritt war bereits zum Ende der letzten Spielzeit erwartet worden, nachdem Galatasaray unter der Leitung des früheren Champions-League-Siegers nur Rang drei belegte - für die Ansprüche der Klubleitung und der Fans zu wenig. In den letzten 15 Jahren war man zehnmal mindestens unter den Top drei, ist seit Liga-Gründung 1959 im Oberhaus vertreten.

Auf Rijkaard folgte die Spielergrande Hagi. Der 45-Jährige, dank seiner Fertigkeiten am Ball ehrenvoll "Karpaten-Maradona" genannt, steht für die besten Zeiten des Vereins: Als Aktiver führte er das Team zum Gewinn des Uefa-Cups im Jahr 2000, feierte viermal hintereinander die Meisterschaft. Bereits 2005 stand Hagi an der Seitenlinie im Ali-Sami-Yen-Stadion, siegte mit den "Löwen" im Pokal und belegte in der Liga Platz drei.

Nun scheint die Magie des einstigen Mittelfeldzauberers aber vorerst verflogen. Das Team wirkt zusammengewürfelt, konzeptlos. Die Transferpolitik ist umstritten. Zvjezdan Misimovic, eigens für teures Geld vom VfL Wolfsburg geholt und in der Bundesliga als guter Mittelfeldregisseur bekannt, trainiert nach neun mittelmäßigen Einsätzen, nur einer Torvorlage und einem Streit mit Trainer Hagi nur noch in der Reserve.

"Es bringt nichts, auf die anderen Klubs zu schauen", sagt Hagi im Hinblick auf die immer größer werdende Lücke zur Tabellenspitze. "Sicherlich ist der Abstand schon beträchtlich, aber wir müssen erst einmal unsere eigenen Schwächen beheben, bevor wir uns um die Gegner kümmern." Dabei wird Hagi weiter auf Mittelfeldmann Arda Turan verzichten müssen. Der 23-jährige Mannschaftskapitän, nicht nur durch seine Tore und Vorlagen immens wichtig fürs Spiel, stand seit Anfang September nicht mehr auf dem Platz. Seine chronische Leistenverletzung ließ TV-Experten in bester Boulevardmanier mutmaßen, Arda würde sich, nun ja, zu oft mit Frauen vergnügen, was der Beschuldigte unter Tränen dementierte.

"Solch ein Spieler fehlt Galatasaray: Einer der das Spiel an sich reißt", konstatiert auch Denizli. Kommendes Wochenende gastiert der Klub bei Kasimpasa, einem weiteren - ungleich kleineren - Klub aus Istanbul. Der ist seit vier Spielen ungeschlagen.

Gheorghe Hagi hofft trotzdem, der Presse dann nicht noch eine weitere Niederlage erklären zu müssen. DAVID DIGILI

Zvjezdan Misimovic spielt nach einem Streit mit Trainer Hagi nur noch in der Reserve von Galatasaray

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