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  • 04.11.2011

"Man muss den Ultras vertrauen"

FUSSBALLFANS Matthias Stein, Leiter des Fanprojektes in Jena, über den repressiven Kurs von Fußball-Funktionären und Polizei. "Die Ultra-Gruppierungen fühlen sich diffamiert", sagt er und warnt vor einer Eskalation der Gewalt

INTERVIEW MARKUS VÖLKER

taz: Herr Stein, derzeit wird heiß über das Gefahrenpotenzial der Ultra-Fanszene diskutiert. Wie schlimm ist die Lage wirklich? Und fühlen Sie sich persönlich diffamiert?

Matthias Stein: Mann muss hier unterscheiden zwischen den Fanprojekten und ihrer Klientel, die aktuell überwiegend aus Ultra-Gruppierungen besteht. Ich fühle mich als Fanprojektleiter natürlich nicht diffamiert, aber die Ultras schon.

Warum?

Aus unserer Insider-Sicht wird gerade eine ziemliche Hysterie verbreitet. Die Ereignisse am Rande der Pokalspiele liefern nur den scheinbaren Beweis für eine umfassende Gewaltbereitschaft der Ultra-Szene.

Das sehen Sie anders?

Man kann nicht abstreiten, dass es in der Szene eine gewisse Affinität zur Gewalt gibt. Das ist aber aus Sicht der Fanprojekte nicht das bestimmende Element. Im Vordergrund steht bei den Ultras ganz klar die Unterstützung des eigenen Vereins. Gewalt ist nicht der dominierende Aspekt. Die meisten Gruppierungen würden auch gern ohne Gewalt auskommen. Im Moment werden die positiven Aspekte der Ultras fast komplett ausgeblendet. Dass Ultras zum Beispiel die Träger der Fankultur sind. Je länger diese unselige Diskussion dauert, desto stärker beobachten wir bei den Jugendlichen so etwas wie einen negativen Lerneffekt.

Was meinen Sie damit?

Die vielen guten Sachen, also die karitativen und antirassistischen Aktionen, die tollen Choreografien werden viel weniger beachtet als die Bilder von Dortmund, wo man sieht, dass etwas "passiert". Und wenn etwas passiert, dann sind die Medien da. Das heißt: Öffentliche Aufmerksamkeit bekomme ich nicht, wenn ich was Positives mache, sondern wenn es "Randale" gibt. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen.

Und wie?

Schalke ist für mich ein Beispiel. Wenn der Ex-Schalker Manuel Neuer mit unfreundlichen Plakaten im Stadion begrüßt wird, dann bedeutet das für manche Medien den Untergang des Abendlandes. Aber dass diese Schalker Ultras Geld für eine Kinderklinik sammeln und Plätzchen backen für einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt, wird kaum erwähnt. So etwas passt nicht ins Bild.

Hat sich nicht trotzdem die Ultra-Szene mit den Jahren radikalisiert?

Es hat in den letzten fünf, sechs Jahren so eine Entwicklung gegeben. Davor haben haben die Fanprojekte gewarnt, auch Sozialwissenschaftler. Fanforscher Gunter Pilz hat in der November-Ausgabe 2005 der Zeitschrift Unsere Polizei der Polizeigewerkschaft vor dieser Entwicklung gewarnt. Wenn wir nicht die kreativen Kräfte in der Fanszene stärken, sondern vermehrt auf Druck setzen, dann käme es zu Problemen. Und was ist passiert in diesen sechs Jahren?

Sagen Sie es uns!

Verbote, Verbote, Verbote. Sogar die Länge einer Fahnenstange wird reglementiert. Viele Dinge, die die Fans ehrlichen Herzens versuchen umzusetzen, werden nicht genehmigt. Damit entziehe ich den positiven Kräften in der Fanszene die Argumentationsgrundlage und kippe Wasser auf die Mühlen jener Personen, die etwas mehr auf Krawall gebürstet sind. Das passiert etwa seit 2005.

Die Ultras antworten Ihrer Meinung nach nur auf Repression von Polizei und Vereinen.

Ja, man muss hier aber auch erst mal sehen, was mit Gewalt gemeint ist. Gewalt will ich auf Straftaten wie Körperverletzung oder Raub beschränkt wissen. Die Diskussion über Pyrotechnik muss man von der Gewaltdebatte völlig trennen. Bei Pyrotechnik geht es allenfalls um optische Effekte zur Unterstützung der eigenen Mannschaft. Seit der Initiative zur Legalisierung der Pyrotechnik hat sich auch bei den Ultras einiges verändert. Es wird verantwortungsvoller damit umgegangen. Auch das Abbrennverhalten hat sich hin zum Positiven geändert.

Trotzdem kommen die Ultras mit ihrer Kampagne keinen Schritt voran. Im Gegenteil. Der DFB und die DFL haben vorgestern ein Verbot von Pyrotechnik festgeschrieben.

Das ist das Problem. Es sah am Anfang vielversprechend aus, auch weil sich die Szene bestimmte Verhaltensregeln auferlegt hat wie den Verzicht auf Böller und Leuchtspurgeschosse. Und Bengalos sollen nur in der Hand abgebrannt werden. Das hat meist funktioniert. Wer böllert und irgendwelche Bömbchen wie bei Osnabrück gegen Münster baut, der steht natürlich außerhalb der Pyro-Kampagne. Man erreicht leider nie 100 Prozent der Leute. Mit der wohl endgültigen Absage an Gespräche zu legalen Pyro-Varianten haben DFB und DFL eine riesige Chance vertan.

DFB und DFL verfolgen offenbar die harte Linie.

Man darf nicht vergessen, dass der Einsatz von Pyrotechnik oft eine Trotzreaktion auf vorherige Gängelungen ist. Es werden Doppelhalter (Ein-Mann-Transparent; d. Red.) bei Auswärtsspielen verboten, große Schwenk- und Zaunfahnen. Und so weiter. Dann sagen Ultra-Gruppierungen eben mal gern: Ihr könnt das beschränken, wie ihr wollt, dann zündeln wir erst recht.

So kommt es aber nicht zu einer Beruhigung der Lage.

Ja, der Freiraum wird immer mehr verengt.

Was glauben Sie: Soll das Stadion zur spaßfreien Zone werden, wo der brave Zuschauer 100 Euro oder mehr für seinen Sitzplatz zahlt?

Der Eindruck kann durchaus entstehen. Es herrscht auf jeden Fall so ein Grundmisstrauen gegen Fußballfans und Ultras. Da sind auch einige Veröffentlichungen wie rund um den Jahresbericht der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei; d. Red.) nicht unbedingt hilfreich.

Inwiefern?

Wir haben Schlagzeilen gelesen wie "Deutscher Fußball immer brutaler" oder "846 Verletzte bei 612 Spielen". Klar, jeder Verletzte ist einer zu viel. Und Gewalt darf kein Mittel der Auseinandersetzung sein. Aber trotzdem muss man diese Zahl von 846 relativieren. Ich will die Zahl bereinigt wissen um die Anzahl von Personen, die von der Polizei verletzt worden sind, insbesondere durch Pfefferspray. Nehmen wir nur eines der jüngeren Beispiele: Erfurt gegen Darmstadt. Große Schlagzeile: "55 Verletzte". Aber 52 davon wurden durch Pfefferspray der Polizei verletzt. Das muss man auch ins Verhältnis zu anderen Veranstaltungen setzen.

Gern wird in diesen Tagen das Oktoberfest herangezogen.

Genau. Beim Oktoberfest 2011 gab es 379 leichte und 170 schwere Körperverletzungen. Bei sieben Millionen Besuchern in gut zwei Wochen. Der Fußball hat in Deutschland in einem Jahr etwa 17 Millionen Besucher. Es würde sich aber niemand ernsthaft hinstellen und sagen: Wir brauchen jetzt dringend eine Datei "Gewalttäter Oktoberfest" so wie es eine Datei "Gewalttäter Sport" gibt. Und keiner würde ein bundesweites Volksfestverbot für Bierzeltschläger fordern oder ein Alkoholverbot fürs Oktoberfest. Jedem, der so etwas sagt, wird ganz schnell eine Pille von Ratiopharm empfohlen oder er wird gleich eingewiesen. Im Fußball gilt sowas als probater Lösungsansatz.

Wie aufgebracht ist denn die Fanbasis derzeit, wenn es heißt, die Ultras sollten künftig die Kosten für Vereinsstrafen und Polizeieinsätze mittragen?

Lassen wir dann beim Oktoberfest weniger Australier zu, weil die immer für Randale sorgen? Natürlich sind die Ultras genervt. Aber auch die Vereine sind genervt, weil sie nun für jeden kleinen Bengalo eine Strafe zahlen müssen.

Wie verändert die aktuelle Debatte das Selbstverständnis der Ultras?

Es besteht die Gefahr, dass jene Ultras, die etwas erlebnisorientierter, sprich auf Krawall gebürstet sind, in den Gruppierungen die Oberhand gewinnen. Den gemäßigten Kräften fällt es ja immer schwerer zu argumentieren, dass man sich nicht provozieren lassen und ruhig bleiben soll. Außerdem zieht so eine tendenziöse Berichterstattung natürlich Jugendliche an, die glauben, Gewaltfantasien in Ultra-Gruppierungen ausleben zu können.

Nach dem Verbot von Pyrotechnik besteht die Gefahr besonders, oder?

In den letzten Jahren hatte sich etwas entwickelt. Es ist schade, dass die Kontinuität im DFB etwas durchbrochen wurde. Es geht doch darum, auch den Ultras zu vertrauen. Ihnen Verantwortung zu übertragen und ihnen Freiräume zu gewähren. Wenn dies der Fall war, so meine persönliche Erfahrung, verhalten sich Fans positiv. Wenn ich aber alles reglementiere und die Fans auswärts gleich mit einem Polizeikessel begrüße, dann nehme ich ihnen jede Verantwortung für ihr negatives Verhalten ab. Wem jede Verantwortung abgenommen wird, der verhält sich dann irgendwann auch verantwortungslos. Es ginge aber auch anders.

Zum Beispiel?

Letzte Saison sind wir in Regensburg angekommen und wurden von ein paar Beamten in ganz normaler Uniform begrüßt, die uns freundlich den Weg gewiesen haben. So etwas wirkt wirklich deeskalierend.



Matthias Stein

 Das Fanprojekt des derzeitigen Drittligisten FC Carl Zeiss Jena besteht seit dem Jahr 1991. Stein ist seit März 1994 hauptamtlicher Mitarbeiter des Projekts. Der Jurist hat selbst nie höherklassig Fußball gespielt. Seit Oktober 2010 ist der 47-Jährige auch Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte.

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