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  • 22.02.2012

AMERICAN PIE

Flatterhafte Kunst

BASEBALL Mit dem Karriereende von Pitcher Tim Wakefield droht auch eine rare Wurfvariante auszusterben: der Knuckleball

Tim Wakefield ist 45 Jahre alt. Er hat 19 Jahre lang auf höchstem Niveau Baseball gespielt. Er hat zwei Mal die World Series gewonnen, war einmal ein Allstar. Er hatte gute Jahre und weniger gute Jahre. Er hat 200 Spiele gewonnen, 180 Spiele verloren und in noch viel mehr Partien seine Mannschaft im Spiel gehalten. Nun aber war es Zeit aufzuhören.

Als Wakefield am vergangenen Wochenende verkündete, dass er vom Leistungssport zurücktreten wird, war das keine Überraschung, wurde aber trotzdem bedauert. Der allgemeine Tenor: Ohne Wakefield wird Baseball ärmer sein. Denn er war nicht nur ein Vorzeigeprofi, der vollkommen skandalfrei seine lange Karriere absolvierte und sich sozial engagierte. Vor allem war er ein Exot, einer der letzten Vertreter einer aussterbenden Art, ein Knuckleballer.

Der Knuckleball ist die mit Abstand seltsamste Methode, einen Ball vom Wurfhügel in den Handschuh des Catchers zu befördern. Der Pitcher versucht dem Ball möglichst wenig Rotation mitzugeben. Rotation aber stabilisiert die Flugbahn. Die Folge: Der Ball tanzt. Allerdings nicht im Takt. Im besten Fall nimmt der Ball einen Weg wie ein Korkenzieher, erratisch und unvorhersehbar.

Das ist natürlich ein Problem für den Batter, der den Ball mit seinem Schläger treffen soll. Das ist allerdings auch ein Problem für den Pitcher selbst: Auch er hat es kaum unter Kontrolle, wo der Ball landen wird und welche Kurskorrekturen er unterwegs vornehmen wird. So unkonventionell ist der Wurf, dass Knuckleballer meist einen eigenen Catcher benötigen, der spezialisiert ist auf die unberechenbare Flugbahn.

Die ersten Pitcher, die den kuriosen Wurf Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten, setzten den Ball auf die Knöchel von Mittel- und Ringfinger, auf die "knuckles", daher der Name. Seitdem ist der Wurf immer wieder modifiziert worden, Wakefield erreichte den obskuren Effekt, indem er den Ball nur mit den Fingerspitzen fasste. Aber wie auch immer man den Ball dazu bringt, unerwartete Wege zu gehen: Es geht nicht nur zu Lasten der Kontrolle, sondern auch zu Lasten der Geschwindigkeit. Ein Knuckleball ist immer ein vergleichsweise langsamer Ball - und damit, wenn er sich entschlossen hat, doch nicht zu tanzen, ein leichtes Opfer für einen Batter.

Ein Knuckleballer bewegt sich deshalb immer am Rande der Katastrophe. An guten Tagen sehen die Gegner mit den Schlägern aus wie Anfänger, wenn sie ein Luftloch nach dem anderen schlagen. Wakefield hatte viele gute Tage, vor allem in seinen 17 Jahren bei den Boston Red Sox. Er gehörte zu jenem legendären Team, das 2004 endlich wieder eine Meisterschaft nach Boston holte und damit den 86 Jahre währenden "Fluch des Bambino" brach.

In seiner Abschiedsrede gestand Wakefield, dass er selbst "ein bisschen überrascht" sei, dass seine Karriere überhaupt so lange gedauert habe. Denn an schlechten Tagen sieht ein Knuckleball-Pitcher aus, als habe er sich nur auf einen Baseball-Platz verirrt. 2007 wurden Wakefield und die Red Sox noch einmal World-Series-Champion, aber zuletzt hatte er immer öfter schlechte Tage. Das lag zum einen natürlich an seinem Alter. Zum anderen aber auch daran, dass sein Lieblingswurf nicht mehr zeitgemäß ist, sondern ein Relikt aus den frühen Jahren des Profi-Baseballs, eine sentimentale Erinnerung an die Pioniertage des Sports.

Die Fahne muss nun R. A. Dickey hochhalten. Der ist Pitcher bei den New York Mets und nach dem Rücktritt von Wakefield der letzte Mohikaner, der einzige verbliebene Knuckleballer in den beiden Major Leagues. "Ich bin traurig", kommentierte Dickey den Abgang seines Kollegen, "ich fühle mich ein bisschen einsam." Der seltsame Wurf, der ihn und Wakefield verbindet, sei leider "eine aussterbende Kunst". Tatsächlich ist Dickey auch schon 37 Jahre alt. Und talentierte Nachwuchs-Pitcher, die sich an der hohen Kunst des instabilen Wurfs versuchen, sind bislang nicht in Sicht.

THOMAS WINKLER

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