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  • 03.01.2008

"Es geht furchtbar langsam"

Sind Islam und Demokratie vereinbar? Prinzipiell schon, auch wenn viele islamische Staaten autoritär regiert werden und die islamischen Fundamentalisten stark sind, so die malaysische Soziologin Norani Othman

taz: Frau Othman, viele Europäer meinen, dass Islam und Demokratie unvereinbar sind. Und wirklich sind ja Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit alle repressiv. Hat dieses Repressive etwas mit dem Islam zu tun?

Nourani Othman: Ja und nein. Es hat damit zu tun, wie Muslime den Islam benutzen bzw. bestimmte Vorstellungen im Namen des Islams vertreten. Ein Großteil dieser autoritären Haltung geht auf den historischen Bruch zurück, den die meisten muslimischen Länder erfahren haben, die kolonisiert waren und deren Integrität degradiert wurde. Als sie später die Unabhängigkeit erlangten, wollten viele wieder einführen, was als kulturell authentisch angesehen wurde. Man muss das also kontextbezogen sehen. Aber das ist nichts, was nur im Islam vorkommt. Wenn man sich den Aufschwung der BJP und des Hindufundamentalismus in Indien ansieht - das ist genau dasselbe.

Im Islam scheint sich die Deutung des Korans immer an den repressivsten Interpretationen auszurichten. Die Distanz zum Säkularen wächst.

Aufgrund des historischen Bruchs hat sich unter Muslimen die irrige Ansicht verbreitet, dass der Laizismus aus dem Westen importiert worden ist und dass wir einen glorreichen islamischen Staat dagegensetzen können. Das ist eine Fiktion, die wir dekonstruieren müssen. Viele muslimische Gelehrte haben das bereits getan. Doch aufgrund der autoritären Staatsformen und des Mangels an demokratischer Kultur in den meisten muslimischen Ländern sind diese Stimmen herausgefiltert worden. Auch historisch gesehen, wenn man in die Zeit vor den Abbassiden zurückblickt, stellt man fest, dass die liberaleren Stimmen herausgefiltert wurden. Es gab in der Geschichte immer wieder Männer und Frauen, die empfänglich für die Idee von der Geschlechtergleichheit waren und vom Patriarchat unterdrückt wurden. Wir sind jetzt auf derselben Stufe wie sie im 15. Jahrhundert. Wir sehen erst jetzt, wie sich eine reflexivere, moderne Sensibilität entwickelt. Die bedeutet, dass man sich über den eigenen Kontext und die eigene Identität klar wird im Verhältnis zum religiösen Anderen.

Und geschieht das?

Ja, aber es geht furchtbar langsam.

Ich habe in islamischen Ländern festgestellt, dass Frauen überall mit denselben Problemen zu kämpfen haben: Polygamie, Erbrecht, Verstoßung, also mit dem Familienrecht, einem der Herzstücke des islamischen Rechts. Und es geht stets um die Religionsklausel, also dass religiöse Vorschriften gelten, egal was die Verfassung sagt. Wird sich dies ändern?

Das wird kein einfacher Prozess sein, das ist ein sehr komplexes Phänomen. Denn bei jedem Land muss man den historischen und kolonialen Kontext ansehen. Und wer die politischen Eliten sind.

Muss man die Existenz der Religionsklausel anerkennen?

Ich meine, dass alle Bürger, ob sie Muslime sind oder nicht, das Recht haben, dies in Frage zu stellen. Das muss in Frage gestellt werden. Wenn die Muslime dies nicht selbst tun, müssen ihnen ihre nichtmuslimischen Landsleute dabei helfen. Sonst wird sich diese Sache perpetuieren.

Kann man die Religionsklausel denn wirklich in Frage stellen? Viele Muslime sagen doch: Ab hier geht es nicht weiter.

Es muss in Frage gestellt werden, basta. Im Mittelalter hat man auch gesagt, dass die Kirche nicht in Frage gestellt werden darf. Aber die Menschheit ist jetzt im 21. Jahrhundert angekommen, im Zeitalter der Globalisierung. Man sollte nicht so pessimistisch sein.

Asien war immer bekannt für seinen moderaten Islam. Aber dort nimmt seit Jahren der Fundamentalismus zu. Warum?

Wenn man demokratisch sein will, wenn man den religiösen und den ethnischen Anderen mitdenkt, dann ist das eine Herausforderung. Fundamentalismus ist hingegen furchtbar einfach, besonders für jene, die über andere herrschen wollen.

Beeinträchtigt denn der fundamentalistische Islam in Malaysia das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen?

Der islamische Fundamentalismus konzentriert im Moment all seine Kraft auf die Disziplin. Sie versuchen, uns zu einer Farm der Tiere zu machen, uns zu homogenisieren, damit wir alle diesem speziellen Regelwerk und dieser spezifischen Islaminterpretation folgen. Bislang kümmern sie sich um die Nichtmuslime nicht. Aber wenn sie an die Macht kommen, werden sie einen islamischen Staat errichten wollen.

Wie kann man eine solche Entwicklung verhindern?

Mit Bildung und einer Kultur des Dissenses. Mit einer Ermutigung der Zivilgesellschaft. Und mit dem Bewusstsein, dass Bürger jeglicher Religion Bürger mit gleichen Rechten sind.

INTERVIEW: ANTJE BAUER



NORANI OTHMAN hat in Malaysia und Oxford Soziologie und Anthropologie studiert. Sie lehrt als Professorin am Institute for Malaysian and International Studies und ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der malaysischen Frauenorganisation Sisters in Islam, die die Neuinterpretation islamischer Quellen fordert. Von ihr erschienen die Bücher "Shari'a Law and the Modern Nation-State" und "Gender, culture and religion" .

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