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  • 18.04.2008

"Wir werden zum Schweigen gebracht"

Der Sieg von Berlusconi zeigt auch, wie verkommen die Eliten in Italien sind. Das Gemeinwohl interessiert sie nicht, dafür verteidigen sie umso entschlossener ihre Privilegien. Das gilt auch für die Linke, so die Satirikerin Sabina Guzzanti

taz: Frau Guzzanti, ist der erneute Triumph von Berlusconi eher eine Tragödie oder eine schlechte Komödie?

Sabina Guzzanti: Meine Stimmung schwankt da völlig. Vorgestern war mir zum Lachen zumute, gestern früh habe ich geheult wie ein Schlosshund. Dieses Mal wird alles noch schlimmer werden als während der Berlusconi-Regierung 2001-2006: bei der Zensur in den Medien, bei den Bürgerrechten. Es gibt ja jetzt schon fast nichts mehr, kaum noch eine Stimme, die im Fernsehen auszuschalten wäre. Die wenigen Unbequemen werden sie jetzt auch noch zum Schweigen bringen.

In Italien wird Berlusconi gewählt, im Ausland gilt er dagegen als Komiker, als Gaukler mit Hang zu geschmacklosen Auftritten. Ist dem Ausland irgendetwas entgangen?

Für mich ist nicht bloß Berlusconi das Problem, und nicht nur in Italien müssen Linke sich Sorgen machen. Der einzige linke Politiker in ganz Europa, der heute eine Politik mit Perspektive macht, ist doch Zapatero in Spanien. Der schafft es, den Einsatz für Bürgerrechte, für einen laizistischen Staat mit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung zusammenzubringen. In Italien wäre eine solche Politik schwierig. Wir haben hier den Vatikan, wir haben die Mafia, eine völlig im Koma befindliche Kulturszene und wir haben ein auf allen Ebenen präsentes Klientelsystem. Das führt wiederum dazu, dass bei uns die Mächtigen immer die Gleichen bleiben. Ich meine damit nicht bloß die Politiker, sondern auch die Meinungsmacher in den Medien, die Filmregisseure und -produzenten. Das sind alles Leute, die wissen, dass sie unantastbar sind - und deren einziges wirkliches Ziel es ist, ihre Privilegien zu bewahren.

Dennoch bleibt im Ausland die Frage: Wie kann es sein, dass einer wie Berlusconi gewählt wird? Man wundert sich darüber in Deutschland, in Spanien, Frankreich …

(lacht) Die Franzosen haben ja jetzt nicht mehr so viel zu lästern über Italien …

Anders gefragt: War Prodi denn wirklich so schrecklich?

Die zwei Jahre Prodi-Regierung waren absolut negativ. Prodi wäre besser beraten gewesen, wenn er mit seinem hauchdünnen Vorsprung an Sitzen im Senat gar nicht an die Regierung gegangen wäre. Er hätte stattdessen eine Wahlreform machen müssen - und dann sofort Neuwahlen. Aber sein Problem war nicht nur die Mehrheit. Die Linkswähler dachten 2006: Prodi und die Seinen haben bestimmt ihre politischen Pläne - aber da war schier gar nichts. Kein Programm, kein Projekt, nichts, bloß der Wille, zu überleben. Das Ganze in einem Umfeld, in dem das Fernsehen die Leute mit dem größten Mist zuschüttet, in dem die Wirtschaft schlecht läuft, in dem die Immigration - vor dem Hintergrund der Ignoranz vieler - sich politisch leicht ausbeuten lässt. Da überrascht es nicht mehr so sehr, dass eine Mehrheit Berlusconi wählt.

Sie hatten vor einigen Jahren selbst eine Sendung in der staatlichen RAI, in der Sie über Berlusconi redeten …

Genau eine Folge lang, dann wurde das Programm gestoppt. Es gab dann jede Menge Proteste, ich habe das in einem Kinofilm verarbeitet. Am schlimmsten ist aber, dass Leute wie ich dann auch noch von den Linksparteien und den ihnen nahestehenden Kommentatoren kritisiert werden, weil man angeblich man mit Angriffen wie dem meinen auf Berlusconi nichts ändert. Das sind dann die gleichen Leute, die in schlauen Kommentaren erklären, Italien sei ein Land, das nun mal mehrheitlich rechts stehe - so als sei das in der Genetik der Bürger angelegt. Und die einzige Konsequenz, die unsere Linke aus solche Analysen zieht, lautet, selbst immer weiter nach rechts zu rücken. Denn da sind ja angeblich die Wähler.

Zensiert wurden Sie unter der Berlusconi-Regierung. War es unter der Prodi-Regierung denn besser?

Kein Stück. Der Verwaltungsrat der RAI war und blieb mehrheitlich in der Hand von Berlusconi-Leuten, da änderte sich gar nichts. Die Linke wagte es nicht, daran zu rühren. Denn wenn man Berlusconi beim Fernsehen packt, wird der richtig böse.

Also ist die Linke völlig in das System integriert?

Es gibt sehr viele Linke, die sich wunderbar eingerichtet haben. Die wollen auch eine RAI, die in von den Parteien kontrollierte Einflusszonen aufgeteilt ist. Die gehören genauso zu dieser Klasse, der es am wenigsten um das Land und die Medienfreiheit zu tun ist und dafür umso mehr um ihre Privilegien. Und denen ist eine freie Informations-, eine freie Kulturlandschaft genauso ungeheuer. Selbst die radikale Linke, die Rifondazione Comunista, hat da immer mitgemacht. Jetzt ist sie selbst Opfer dieses Mediensystems geworden, das die Rifondazione in diesem Wahlkampf so gut wie unsichtbar gemacht hat.

INTERVIEW: MICHAEL BRAUN



SABINA GUZZANTI, 44, wurde in Rom geboren und arbeitet als Schauspielerin, Satirikerin und Filmregisseurin. 2003 wurde ihre politische Late-Night-Show "Raiot" von dem staatlichen TV-Sender RAI aus dem Programm genommen, weil sie sich in einer Sendung über den damaligen und nun künftigen Ministerpräsidenten Berlusconi lustig gemacht hatte. Sie verarbeitete diese Erlebnisse in dem Kinofilm "Viva Zapatero" (2005).

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