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  • 21.10.2010

Konfuzius auf der Couch

PSYCHOLOGIE Mit einem Kongress öffnet sich China erstmals der Psychoanalyse. Angesichts alter und neuer Verdrängung kann die Therapie subversiv wirken

Jeden Tag bringen sich in China 300 Frauen auf dem Land um. Das ist die höchste Selbstmordrate der Welt, Suizid ist bei jungen Chinesen die Haupttodesursache. Kein Wunder, denn das Leben ändert sich schnell, für viele zu schnell. Der Kapitalismus mit chinesischen Besonderheiten verlangt ein Übermaß an Flexibilität, viele Menschen verlieren die Orientierung. Da scheint es ein hoffnungsvolles Zeichen zu sein, wenn Partei und Regierung bereit sind, mit althergebrachtem Denken in China brechen. Noch immer ist psychologisches Denken in China außerhalb akademischer Zirkel weitestgehend unbekannt. Daran ändern auch ein paar auflagenstarke Hochglanz-Psychozeitschriften an den Kiosken der Großstädte nicht viel.

Heute startet der erste Psychoanalytische Kongress in China. "Freud and Asia" lautet das Motto des Kongresses, bei dem das Reich der Mitte hochoffiziell in die von Sigmund Freud begründete Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPA) aufgenommen werden wird. Dabei gibt es im ganzen Land erst neun werdende Analytiker. Freuds Entdeckungen, dass "der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist", dass Verleugnungen, Projektionen und Widerstände mindestens so sehr wie rationale Argumente unser Leben, Denken und Fühlen bestimmen, haben auch Europa anfänglich schockiert, gehören heute aber fast zum Allgemeingut. Und selbst wenn die Psychoanalyse in den vergangenen Jahrzehnten postmoderne Kritik an ihren Subjekt- und Identitätskonzepten erdulden musste, so hat sie doch das europäische Denken des 20. Jahrhundert stark geprägt.

Höchste Suizidrate der Welt

Nun also lenken die Chinesen den Blick auf die Innerlichkeit. China gilt, mit seiner Tradition konfuzianischer Unterordnung, von Scham und unbedingter Harmonie, als Land des "kleinen EGO". Es steht damit scheinbar im krassen Gegensatz zur psychoanalytischen Tradition, die ihr Menschenbild aus abendländischen Vorstellungen vom autonomen Subjekt bezieht - ein Subjekt, das sich durch Erinnerung seiner selbst bewusst wird.

Erinnerungsarbeit ist für psychoanalytische Therapien fundamental. Aber in China ist das öffentliche Erinnern traumatisierender Ereignisse wie die brutale Gewalt während der Kulturrevolution oder das Massaker an den Studenten im Juni 1989 verboten. Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo sitzt auch deshalb im Gefängnis, weil er nicht aufhören wollte, an die Opfer von Tiananmen zu erinnern.

Für die Struktur des Herzens, das bedeutet das chinesische Wort für Psychologie, war im Neuen China zuerst kaum Platz. In der Kulturrevolution gar galten nur Klassenkampf und permanente Revolution. Psychisch gesund war, wer das richtige rote Bewusstsein besaß. Alles war politisch, nichts privat, nichts individuell.

Ein weißes Blatt Papier

Laut Mao glich der chinesische Bauer "einem weißen Blatt Papier, auf das sich herrliche neue Schriftzeichen" schreiben ließen. Ein neuer Mensch werde entstehen, die Vergangenheit sei durch die Revolution unbedeutend geworden: Psychologie war da nichts als bürgerlicher Bohnenquark. Nach dem Ende des Kulturrevolutionschaos blieb eine intensive Aufarbeitung der Gewalt aus. Wer unter den Folgen litt, tat dies im Stillen - und tut es immer noch in einer Gesellschaft, in der persönliche Katastrophen verblassen sollen angesichts der doch für alle erkennbar rosigen Zukunft.

Die Frage, ob China und die Psychoanalyse überhaupt zusammenpassen, beantwortet Tomas Plänkers vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt dennoch positiv. In seinem gerade erschienen Buch "Chinesische Seelenlandschaften" schreibt er, dass ein universalistischer Ansatz wie die Psychoanalyse auch in außereuropäischen Kontexten gültig sei. Es bedürfe jedoch zusätzlichen Wissens um chinesische Geschichte, Sozialisierung und Kultur, wenn europäische psychoanalytische Konzepte nach China übertragen werden. "Aber jeder Patient konfrontiert uns mit einer fremden ,Ethnie', insofern uns seine Innenwelt fremd ist. In jeder Analyse versucht man (?) Zugang zum Verständnis des Fremden zu finden, also handelt es sich nur um eine Steigerung der Komplikation." Um die Schwierigkeiten zu mindern, braucht es chinesische Analytiker. Dies kann aber zu neuen kulturellen Hürden führen: so neigen chinesische Therapeuten dazu, ihren Patienten unangenehme Fragen zu ersparen, wenn es an den Kern der Konflikte geht.

Gefährliche Erinnerung

Dass Chinas Therapeuten sich nun besonders für die Analyse interessieren, widerspricht dem nur auf den ersten Blick. Die Königsdisziplin soll, so das Kalkül, die geistigen Grundlagen legen für alle schnellen Erfolg versprechenden Therapieformen. Nicht zufällig ist ein Träger des Psychoanalyse-Kongresses die staatliche Association for Mental Health. Man will eine Art Werkzeugkasten psychischer Instrumente schaffen, der die Gesundung der Seele nach Art eines social engineering ermöglicht. Eine unpolitische Psychologie, wie sie auch in Europa und den USA in den 50er und 60er Jahren betrieben wurde. Es soll schnell gehen mit der psychischen Gesundung. Aber sie soll das System nicht erschüttern, die Machtfrage nicht stellen.

Bei aller angebrachten Skepsis gegenüber dem weltverbessernden Potenzial der Psychoanalyse: das, was sie in China auslösen könnte, ist sehr offensichtlich. Sollte sich die psychoanalytische Praxis verbreiten, so kann sie gerade in China subversiv wirken. Und wenn Chinas Psychoanalytiker ihre Aufgabe ernst nehmen, die Menschen zum Sprechen zu bringen, dann werden sie nicht nur individuelle Traumatisierungen behandeln, sondern auch den Einfluss einer repressiven sozialen Ordnung auf das Leben der Einzelnen thematisieren müssen.

Die Anerkennung kollektiver Traumata kann auch zum kritischen Diskurs über die eigene Geschichte führen und die öffentliche Auseinandersetzung um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Einklagbarkeit und Institutionalisierung individueller Freiheitsrechte befördern. Psychoanalyse hat das Potenzial dazu, diese Diskussion zu eröffnen - es sei denn, die chinesischen Erfahrungen mit Ödipus verändern ihrerseits das, was bisher unter Psychoanalyse verstanden wurde.

ANDREAS SCHLIEKER

Es soll schnell gehen mit der psychischen Gesundung. Aber die Machtfrage soll dabei möglichst nicht gestellt werden



Andreas Schlieker

 ist Sinologe und freier Publizist. Er bereist das China bereits seit über zwanzig Jahren und lebt seit vier Jahren in Peking, wo er unter anderem Studienreisen aus Deutschland organisiert.

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